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Der niedliche Versuch des FC Barcelona, den Zeitgeist aufzuhalten!

Guido Müller
Paradebeispiel für einen Spieler, der außersportlich mehr Schlagzeilen macht als auf dem Platz: Neymar
Paradebeispiel für einen Spieler, der außersportlich mehr Schlagzeilen macht als auf dem Platz: Neymar / Aurelien Meunier/Getty Images
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Der FC Barcelona ist offenbar gewillt, den immer exzessiveren Auswüchsen im Verhalten der Ich-AGs, in die sich ein nicht unbedeutender Teil der Profi-Spieler verwandelt hat, mit einem strengeren internen Verhaltenskodex entgegenzutreten. Dies will der für die Nachwuchsarbeit bei den Azulgrana verantwortliche José Ramón Alexanko nun durch mehrere kleine Schritte erreichen.

Seit einigen Jahren schon lässt sich in der weltweiten Fußball-Fan-Community eine schleichend voranschreitende Ermüdung bezüglich ihres Lieblingssports feststellen.

In diesem Zusammenhang fallen immer wieder die selben Schlagworte: exzessive Kommerzialisierung (Stichwort Superliga), Überreizung durch einen immer aufgeblähteren Spielkalender und natürlich auch die fortschreitende Entfremdung von den Spielern (den eigentlichen Hauptdarstellern des ganzen Spektakels).

Doch muss man nicht vor allem die Spieler selbst in Verantwortung nehmen? Oder doch eher die Klubs, die sich von denselben oft genug auf der Nase herumtanzen lassen? Was war zuerst da: die Henne oder das Ei?

Sätze, die mit "zu meiner Zeit war alles anders" beginnen, lassen auch mich erstmal instinktiv aufstöhnen. Nach dem Motto: wieder so ein Ewig-Gestriger, der das Rad der Zeit zurückdrehen will.

Mag sein: aber zu meiner Jugend stand tatsächlich noch der Sport als solcher im Mittelpunkt. Wenn ein Karl-Heinz Rummenigge zum 90. Geburtstag seiner Omi ein Selfie (avant la lettre!), sprich ein Polaroid-Foto von sich und der feiernden Sippe gemacht hätte, wäre dieses Bild vielleicht bis in die "Bunte" oder so gekommen - aber niemals auf die ersten Seiten einer Sportzeitung.

Stattdessen ist es heute leider so, dass man von einigen Spielern fast schon besser über ihren Hof-Friseur, den Urlaub auf einer exklusiv gemieteten Pazifik-Insel oder ihre nächtlichen Aktivitäten in den einschlägigen Nachtlokalen informiert ist, als über ihr letztes gutes Spiel auf dem Rasen.

Klubs haben die Kontrolle verloren - und bezahlen (sprichwörtlich) jetzt dafür!

Irgendwann in den letzten zwei Jahrzehnten (oder sind es schon mehr?) haben die Klubs, weltweit, die Ausfahrt Richtung Kontrolle über die Spieler verpasst - und werden sie nun auch nicht mehr finden.

Doch in dieses "Machtvakuum" sind nicht etwa die Spieler selbst gestoßen (denn die sind heutzutage in der breiten Masse auch nicht viel schlauer als damals), sondern eine findige Berufsgruppe namens Spielerberater.

Zugegeben: es gibt solche und solche. Und vielleicht sind die meisten sogar seriös. Doch die vielen schwarzen Schafe der Branche (Namen brauche ich wohl keine zu nennen) machen das Big Picture nach und nach kaputt.

So darf man sich am Ende auch nicht wundern, dass wir mittlerweile Generationen von Spielern ausgebildet haben, für die es schlichtweg selbstverständlich ist, dass ihr Friseur über Entfernungen von Tausenden Kilometern in die jeweiligen Trainings-Camps einfliegen, um ihren Klienten den neuesten Mode-Schnickschnack in die Haare zu zaubern.

Und die Medien? Springen begeistert auf und feiern die Spieler dafür auch noch ab. Kein Wunder, dass die dann am Ende die Bodenhaftung verlieren.

Beim FC Barcelona (dass es ausgerechnet dieser Klub ist, entbehrt nicht einer gewissen Ironie) will man diesen Auswüchsen nun etwas entgegentreten. Nach einer Besprechung unter allen Trainern des Klubs, hat man bei den Katalanen nun einen internen Verhaltenskatalog aufgestellt.

Demzufolge sollen die Spieler der einzelnen Nachwuchsmannschaften vor, während (!) und nach dem Training nicht mehr ihre Handys bedienen. Und ich Idiot dachte immer, dass das schon immer so gewesen ist...

Auch die von einigen Akteuren fast schon manisch betriebene Haar-Pflege soll wieder in gesetztere Bahnen gelenkt werden.

Ausgefallene Frisuren oder auf Kilometer das Augen schmerzende grelle Farben in den Mähnen sollen ab nun jedenfalls der Vergangenheit angehören.

Zeitgeist nicht aufzuhalten - jedenfalls nicht mit ein paar Verhaltensregeln!

Doch ob das wirklich etwas nützt, darf bezweifelt werden. Vielmehr erscheint es wie ein aktionistischer Versuch, sich selber reinzuwaschen, indem man vermeintlich den Takt angibt.

Das Problem liegt tiefer. Viel tiefer. Nämlich in diesem diffusen gesellschaftlichen Umfeld, namens Zeitgeist. Und der lässt sich auch durch ein paar Verhaltensregeln nicht mal eben so verändern.

Vielmehr sollten sich die Klubs einfach mal wieder darauf besinnen, sprichwörtliche Eier in der Hose zu haben - und sich von den Spielern (respektive ihren Beratern) nicht alles gefallen zu lassen.

Der Profi-Fußball frisst sich selbst

Denn wohin uns das Ganze bislang geführt hat, sehen wir ja alle gerade in Echtzeit: Klubs, die bis über beide Ohren verschuldet sind (weil sie den Jung-Millionären alles, was diese wollten, in den Arsch geblasen haben), versuchen auf dreisteste Art und Weise ihre eigene Gelddruck-Maschine anzuwerfen (Superliga).

Antalyaspor vs Atiker Konyaspor: Turkish Super Lig
Show me the money, man! / Anadolu Agency/Getty Images

Zeitgleich haben supranationale Verbände offenbar nichts anderes mehr zu tun, als immer neue Turnier-Formate (wie aufgeblähte Klub-Weltmeisterschaften oder mit dem Etikett "Nations League" versehene Freundschaftsspiele) ins Leben zu rufen. The show must go on - offenbar um jeden Preis!

Neueste Idee der FIFA (mit jüngster Unterstützung des afrikanischen Fußballverbandes): die WM soll in Zukunft alle zwei Jahre stattfinden. Geht's noch? Warum nicht gleich alljährlich, wie im Eishockey?

Nein, dieser Fußball ist momentan dabei, den Karren sehenden Auges voll an die Wand zu fahren. Der Sport, den ich einmal kennen und lieben gelernt habe, wird wohl in den kommenden zehn, fünfzehn (?) Jahren nicht mehr existieren.

Und selbst dann werden sich wohl immer noch einige Ignoranten unter den Hauptakteuren den Hinterkopf kratzen und fragen: warum bloß?

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