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Kommentar: 100 Millionen mehr oder eine weitere Saison mit Erling Haaland? Es könnte mir egaler nicht sein

Oscar Nolte
Beim BVB, um zu gewinnen: Erling Haaland
Beim BVB, um zu gewinnen: Erling Haaland / Martin Rose/Getty Images
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Der FC Chelsea soll ein 175 Millionen Euro schweres Angebot für Erling Haaland vorbereiten (90min berichtete exklusiv). Der BVB muss nun abwägen, ob sie eine weitere Saison mit dem Norweger arbeiten oder 100 Millionen Euro Ablöse mehr einstreichen wollen. Als BVB-Fan muss ich gestehen: macht doch, was ihr wollt.


Spätestens im kommenden Sommer ist Erling Haaland weg. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. 2022 darf der Ausnahme-Stürmer allerdings per Klausel für festgeschriebene 75 Millionen Euro gehen. Chelsea soll indes bereit sein, bereits jetzt 175 Millionen Euro auf den Tisch zu legen. Eine Zwickmühle, mit der ich mich gar nicht auseinandersetzen möchte.

Ich habe den Punkt erreicht, dass mich diese grandiosen Deals nicht mehr abholen. Die letzten Jahre haben Spuren hinterlassen; sei es der Umgang von BVB-Boss Aki Watzke nach dem Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus vor vier Jahren oder die generelle Entwicklung des Fußballs, der sich immer weiter verwirtschaftet. Die Gelder, die die Vereine generieren, stabilisieren Unternehmen und füllen die Taschen von Menschen, die ohnehin genug haben, um ein Leben in Saus und Braus zu führen.

Das war in Dortmund nicht immer so. Es ging einmal darum, den Verein vor der Pleite zu bewahren und wieder an die Spitze zu führen. Dieses Kunststück ist gelungen und dafür haben die handelnden Personen, primär Aki Watzke und Michael Zorc, auf ewig einen Stein bei mir im Brett. Mittlerweile ist Borussia Dortmund eines der finanzstärksten Unternehmen im Fußball und national wie international wieder eine Hausnummer. Was mir fehlt, ist die Identität, die in den vergangenen Jahren irgendwie auf der Strecke geblieben ist. Die Gier nach Titeln und Erfolgen, sie wirkt fast wie ein Vorwand, um Geld zu verdienen.

Die Zwickmühle beim BVB: Echte Liebe oder ein volles Bankkonto?

Es ist die Bitterkeit, die aus mir spricht und es sind leise Vorwürfe, die absolut haltlos sein können. Dass Watzke und Zorc den BVB nicht leben - das stimmt einfach nicht. Es ist der Sport, der sich gewandelt hat: zu einem Business. Das ist es, was mich ernüchtert und das führt mich zu Erling Haaland. Der Norweger ist ein Spieler, der nicht nur unglaublich gut kicken kann, sondern auch das hat, was eigentlich so typisch für den BVB ist: die Gabe, die Menschen mitzureißen und ein Gefühl von Gemeinschaft im ganzen Verein herzustellen. Geld, Titel, Ansehen - es ist mir scheißegal. Ich sehne mich nach dem familiären BVB, in dem Echte Liebe größer geschrieben wird als ein volles Bankkonto.

Natürlich bin ich auch Erfolgsfan. Ich schalte am Samstagnachmittag viel lieber ein, um guten Fußball in der Erwartung zu sehen, dass mein Verein gewinnen wird. Es ist einfach, von Echter Liebe zu sprechen, wenn der Laden läuft. Doch in der Ära Jürgen Klopp habe ich eine Mannschaft gesehen, eine Gemeinschaft, die entweder zusammen gewinnt oder zusammen untergeht. Ich habe Spieler gesehen, die sich für jeden Meter zerreißen, nicht um einen Scorer-Punkt mehr zu sammeln, sondern den Fehler eines Mannschaftskollegen auszubügeln. Das ist es, wonach ich mich sehne - und was in Dortmund irgendwie verloren gegangen scheint.

Ich meine: schon bei der Verpflichtung Haalands war klar, dass der Norweger maximal zwei oder drei Jahre bleiben wird, um dann andernorts eine Gehaltsstufe aufzusteigen. Haaland ist also nur beim BVB, um persönlich erfolgreich zu sein und sich zu entwickeln und der BVB hat Haaland nur verpflichtet, um sportlichen wie finanziellen Gewinn zu machen. Effizienz, Effizienz, Effizienz, Fließbandarbeit statt Leidenschaft und Blut schwitzen. Ich mag diese Entwicklung nicht - und ich habe auch keine Lösung für dieses Problem parat. Was ich weiß, ist, dass es mich ankotzt.

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Zwischen Leidenschaft und BWL: Aki Watzke und Michael Zorc / AFP Contributor/Getty Images

Als BVB-Fan wird mir damit schließlich die Pistole auf die Brust gesetzt: entweder ich teile die Gier nach Reichtum und Erfolg oder ich ärgere mich jeden Sommer aufs Neue schwarz darüber, dass die Mannschaft auseinander bricht und Borussia Dortmund nur noch eine Durchlaufstation für Spieler geworden ist. Noch sprechen die Neuzugänge davon, dass es ihr Traum ist, vor der gelben Wand, vor diesen Fans zu spielen. Wie viel Gehalt steckt da noch hinter, wenn es eine Beziehung auf Zeit, eine Zweck-Gemeinschaft ist? Warum vergöttert jeder BVB-Fan Marco Reus? Richtig, weil diese Beziehung kein Auslaufdatum hat.

Tatsächlich gibt es für mich als BVB-Fan noch eine dritte Möglichkeit, abseits von Frustration oder Erfolgsgeilheit: Desinteresse. Es ist ein Prozess, doch ich merke, dass ich mich immer weiter von Schwarz und Gelb entfremde. Für wen schalte ich noch ein, wenn ein Marco Reus nicht mehr da ist, wenn auf dem Platz keine Borussen mehr, sondern nur noch Erfolgsversprechen und Ich-AG's stehen? Abschiede unter Tränen, wie der von Lukasz Piszczek, Sebastian Kehl, Kevin Großkreutz oder Jürgen Klopp, die wird es nicht mehr geben. Ein Bekannter hat mir mal erzählt, dass einer, den er kennt, seine Flitterwochen unterbrochen hat, um im Stadion beim Abschiedsspiel von Klopp dabei zu sein. Wer würde das für einen Haaland, für einen Sancho tun?

Für Erling Haaland jedenfalls schalte ich nicht ein - und meine Flitterwochen setze ich für ihn auch nicht in den Sand. Guten Fußball kann ich überall sehen, dafür brauche ich kein BVB-Fan zu sein. Und deshalb ist es mir tatsächlich egal: Verkauft den Haaland oder nicht. Mir bringen weder 100 Millionen Euro, noch eine weitere Saison mit dem norwegischen Bomber etwas.

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