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Der BVB bockt sich in die Europa League: Wir sind alle Michael Zorc

Oscar Nolte
Der BVB verabschiedet sich aus der Champions League
Der BVB verabschiedet sich aus der Champions League / Octavio Passos/GettyImages
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Der BVB verliert bei Sporting Lissabon mit 3:1 und scheidet damit aus der Champions League aus. Ein individueller Fehler öffnete bis dahin schwachen Gastgebern die Tür, eine aus schwarz-gelber Sicht erneut umstrittene Rote Karte für Emre Can und ein plumper Schnitzer von Dan-Axel Zagadou taten ihr übriges. Und wir, wir sind alle Michael Zorc.


Beim BVB - das darf bei aller Kritik und ganz tief sitzendem Frust nicht vergessen werden - kommt momentan alles zusammen. Personell geht die Mannschaft seit Wochen auf dem Zahnfleisch. Dann gibt es da noch Michael Oliver. Und der Trainer sowie die Abläufe stecken immer noch in den Kinderschuhen. Die Mannschaft will, das kann man ihr nicht absprechen. Sie kann nur nicht.

Marco Rose musste in dem "Do-or-die" gegen Sporting nicht nur Mats Hummels (für ihn kam Marin Pongracic), sondern kurzfristig auch noch Raphael Guerreiro (muskuläre Probleme, für ihn startete Nico Schulz) ersetzen.

Und zur Wahrheit gehört: der BVB war in Lissabon hervorragend eingestellt und machte 30 Minuten lang ein sehr gutes Spiel. Sporting fand überhaupt nicht statt, Dortmund agierte taktisch hochklassig und kontrollierte das Spielgeschehen. Ein für den BVB so typischer individueller Bock öffnete dann die Dose für Sporting und die Tür zur Europa League. Nico Schulz schlampte einen langen und uninspirierten Ball der Gastgeber völlig unkontrolliert zu Pedro Goncalves, der brav Danke sagte und plötzlich mutterseelenallein vor Gregor Kobel zum 1:0 einschob. Eben jener Goncalves nahm sich neun Minuten später völlig ungedeckt aus 23 Metern ein Herz und schlenzte den Ball unhaltbar für Kobel zum 2:0 ins Dortmunder Tor. Deckel drauf, Klappe zu.

In der zweiten Halbzeit konnte man dem BVB den Willen, dieses Spiel noch zu wuppen, nicht absprechen. Am Sporting-Abwehrriegel biss sich die Borussia aber die Zähne aus. Als dann Emre Can nach einer Rudelbildung eine fragwürdige Rote Karte sah - ja, der BVB und die nicht nachvollziehbaren Platzverweise in der Königsklasse -, war die Messe gelesen. Der eingewechselte Dan-Axel Zagadou leistete sich kurz darauf einen Aussetzer und legte Paulinho unnötig im Strafraum - Elfmeter, 3:0, Feierabend. Donyell Malens Anschlusstreffer in der Nachspielzeit blieb ein Tor für die Statistik.

Matheus Nunes
Emre Can musste nach einer strittigen Roten Karte frühzeitig unter die Dusche / Octavio Passos/GettyImages

Kurz nach dem 2:0 übertrug die Regie eine Momentaufnahme der Dortmunder Bank. Da saß Michael Zorc, das Gesicht in den Händen vergraben und die Last dieser gewaltigen Erkenntnis auf den Schultern: mehr ist beim BVB nicht drin.

Zorc, der diesen Verein in über zwei Jahrzehnten saniert, auf Vordermann gebracht und alles dafür gegeben hat, den ganz großen Wurf zu landen. Es wäre "Susi" in seiner letzten schwarz und gelben Saison zu wünschen gewesen. Und irgendwie war er ja auch da, dieser Glaube, zu Beginn der Saison: mit dieser Mannschaft, mit dieser Konstellation kann dieser große Wurf gelingen.

Wir alle sind Michael Zorc. Wir alle haben diese bewegten letzten Jahre hinter uns, in denen wir mal kosten durften, wie es schmeckt, ganz oben zu sein und danach Jahr für Jahr enttäuscht zu werden. Zu wollen, aber nicht zu können. Wir alle sind Michael Zorc, der weiß: das, was ich erschaffen habe, endet vorerst hier. Wir alle sind Michael Zorc, der weiß: Mund abputzen und abhaken ist nicht mehr. Das ist der Kreisschluss und er ist irgendwie enttäuschend.

Ich muss diese Brücke zu Michael Zorc schlagen, da diese Niederlage als solche kein Knockout ist. Beim BVB entsteht mit den neuen Gesichtern - Marco Rose, Sebastian Kehl, Edin Terzic - etwas Gutes, davon bin ich überzeugt. In dieser Saison ist einfach nicht mehr drin, was sich mit unfassbarem Verletzungspech relativieren lässt. Ich habe den BVB schon ganz anders und vor allem um einiges herzloser erlebt - ich bin Fan der Mannschaft, die ich in dieser Saison sehe.

Und ein Teil von mir kann den Mund abputzen, Haken hinter, das passt schon. Der andere Teil wartet seit Jahren auf die Fortsetzung der Erfolgsgeschichte Jürgen Klopp. Auf diesen berauschenden Zauber des Erfolges, dieses Gefühl, dass der BVB an diesem seinem Platz an der Sonne unantastbar ist. Und es ist die Niedergeschlagenheit des Michael Zorc, die mir in diesem Augenblick zeigt, dass das Kapitel Jürgen Klopp, das Hoffen auf eine Fortsetzung vorbei sind. Der Beginn eines neuen Zeitalters - für mich und für alle, die wir Michael Zorc sind. Es ist der so unrühmliche Champions League-Abschied des Michael Zorc, der mir zeigt: hier sind wir und hier endet diese Energie, die Jürgen Klopp, Zorc und Hans-Joachim Watzke vor über zehn Jahren entfesselt haben.

Der BVB scheidet aus der Champions League aus: Vielleicht darf das einfach mal in Ordnung sein

Der BVB bockt sich in die Europa League. Das 3:1 gegen Sporting bedeutet, dass die Portugiesen den direkten Vergleich gewinnen und der BVB ausgeschieden ist. Platz Drei, Europa League. Dass es der BVB in dieser Gruppe nicht schafft, ins Achtelfinale einzuziehen, ist ein allzu ernüchternder Tribut an die Mittelmäßigkeit.

Wie geht es nun weiter? Der BVB muss das Jahr irgendwie zu Ende bringen und in der Liga im Rennen bleiben. Dann ist auf nationaler Ebene, wenn in der Rückrunde (hoffentlich) die Langzeitverletzten zurückkehren, alles drin.

Ich hake diesen bitteren Abend ab. Nicht als das Aus in der Champions League, sondern als das Ende einer Ära. Vielleicht tut es dem Verein gut, aus dem Schatten der Klopp'schen Jahre zu treten, den Maßstab neu zu legen und dem BVB einen neuen, frischen Anstrich zu geben. Denn seien wir ehrlich: mehr als das ist aktuell nicht drin. Und vielleicht darf das auch einfach mal in Ordnung sein.

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