​Tottenham Hotspur wurde in den letzten zwölf Stunden auf Links gedreht. Mauricio Pochettino musste nach fünfeinhalb erfolgreichen Jahren seine Koffer packen, um ​Platz für Jose Mourinho zu machen. Die Spurs wagen damit einen mutigen Rückschritt - im Sinne des Fortschritts.


Ein Tottenham ohne Mauricio Pochettino ist eine abstrakte Vorstellung. Die Zeit, sich daran zu gewöhnen, bekommt die Fußballwelt aber nicht. Mit Jose Mourinho arbeitet künftig eine der schillerndsten Persönlichkeiten des Fußballs im Norden Londons, der mit seiner natürlichen Präsenz die Lücke von Pochettino rasch ausfüllen wird - im negativen wie im positiven Kontext. Die Entscheidung der Verantwortlichen rund um Chairman Daniel Levy ist mutig und konsequent.


Unter Pochettino stagnierten die Spurs in dieser Saison. Sich das einzugestehen, ist nach fünf unfassbar erfolgreichen Jahren schwer. Das Board der Nordlondoner hat diese gewichtige Entscheidung getragen und präzise und hart zugeschlagen: nur wenige Stunden nach der Entlassung von Pochettino wurde bereits Jose Mourinho als sein Nachfolger vorgestellt. Die Spurs hatten demnach nur auf die Zusage vom Portugiesen gewartet, um Poch zu entlassen. Schlechter Stil? Vielleicht. Sportlich wagt der Champions-League-Finalist der vergangenen Saison damit aber einen spannenden Rückschritt, um den Fortschritt einzuläuten.


Mourinho und die Spurs: Alles außer Mittelmaß


Was Mauricio Pochettino nämlich vor fünfeinhalb Jahren begonnen hat, soll Jose Mourinho nun fortführen: Tottenham heraus aus der Ödnis des Mittelmaßes bugsieren. Den Namen für diese Aufgabe bringt "The Special One" allemal mit. Und das Besondere daran ist, dass die Entscheidung einfach so wunderbar konträr zu dem ist, was Tottenham in den vergangenen Jahren vorgelebt hat. Eine gewisse britische Attitüde der Zurückhaltung, mag man es nennen. Die Zeiten der Höflichkeiten sind mit einem Jose Mourinho vorbei.


Die Spurs manifestierten sich in den vergangenen Jahren als "die Kleinen", die mal oben mitspielen und sich höflich an die Regeln halten; das beinhaltet eine gewisse Demut bei der Ausgabe der sportlichen Vereinsziele, das Selbstverständnis als Entwicklungsverein und die respektable Zurückhaltung auf dem Transfermarkt. Damit sind die Nordlondoner hervorragend gefahren - bis zum verlorenen Champions-League-Finale im Sommer. Da haben die Spurs Blut gerochen und den Kurs geändert. Schluss mit der Höflichkeit, Tottenham will den nächsten Schritt gehen.


Mourinho war bereits die Lösung im Sommer


Dass sie diesen mit Mauricio Pochettino gehen wollten, ist folgerichtig. Der Argentinier hat sich durch seine Arbeit in der englischen Hauptstadt zur Riege der weltbesten Trainer aufgeschwungen und in diesem Sommer bewiesen, dass er seine Strukturen auch aufbrechen kann (Tottenham investierte ordentlich auf dem Transfermarkt). Woran es letzten Endes scheiterte, lässt sich nur spekulativ beantworten. Waren es die Spieler, die nicht mehr hinter dem Trainer standen? Waren es eine gewisse Müdigkeit und Festgefahrenheit, die Pochettino und den Spurs ihren Schwung nahmen? Immerhin dachte der Argentinier bereits im Sommer über einen Abschied aus dem Norden Londons nach.


Mit Jose Mourinho haben die Spurs nun eigentlich den Trainer verpflichtet, den es schon im Sommer gebraucht hätte. Für eine neue, aggressivere Vereinspolitik. Pochettino zu entlassen ist ein Rückschritt für den Verein; dafür hat der 47-Jährige einfach zu gute Arbeit geleistet und die Spurs maßgeblich geprägt. Den harten Cut zu machen und Jose Mourinho einzusetzen, zeugt aber davon, dass Tottenham bereit für das nächste Level ist. Manchmal braucht es einfach einen Schritt zurück, um zwei nach vorne machen zu können. Ob das mit Mourinho klappt, wird sich zeigen. Die großen Fußabdrücke von Mauricio Pochettino wird "The Special One" aber ganz sicher zu füllen wissen.