Was sich am Sonntagmorgen bereits leise in die Gerüchte der Fußballwelt schlich und von vielen Insidern durchaus absehbar eingeschätzt wurde, wurde noch am Samstagabend zu dem großen Paukenschlag in der Bundesliga: Markus Krösche und Eintracht Frankfurt gehen getrennte Wege und der ehemalige Sportvorstand der Hessen trat noch am Sonntagabend von seinem Amt zurück.
Die mehr als fünfjährige Ära des in der Branche so hoch angesehenen Krösches hat ein jähes und durchaus aufsehenerregendes Ende.
Bereits am Sonntag sickerte durch, dass man sich in Frankfurt mit der Trennung von Krösche beschäftige und bereits an mögliche Nachfolger des 46-Jährigen denke (90min berichtete).
Krösche geht erhobenen Hauptes
Eigentlich sollte dieser Schritt aber wohl kein Paukenschlag wie jetzt werden, sondern sauber vorbereitet und seriös abmoderiert werden. Krösche beendete die Spekulationen allerdings selbst und wollte so wohl vielmehr als starker Mann gehen, als aus der Tür hinaus begleitet zu werden. Nachvollziehbar für einen Mann seiner Verdienste für Klub und Standing im europäischen Fußball.

Dank cleverer Transferverhandlungen, Verträgen und Verkäufen wurde Krösche von den Eintracht Fans lange abgefeiert und als der Chefcoach des Frankfurter Erfolgs gefeiert. Mit einem zunehmend rumpeligeren Fahrtstil der Adler geriet aber auch der Ex-Sportvorstand zunehmend in die Kritik, und nicht jeder Eintracht-Fan trauerte am Sonntagabend eine Träne hinterher, als das Aus des Eintracht-Machers offiziell wurde. Doch das Krösche-Aus ist eine Medaille mit zwei Seiten.
Verwelkte Rosen
Während Krösches ganz spezielle und teils persönliche Erfolge am Ende auch in Mannschaftserfolgen gipfelten – darunter eine rasante Entwicklung des Kaders, der Triumph in der Europa League 2022, die Teilnahmen an der Champions League und ein hohes Ansehen im europäischen Geschäft –, nahm der Gegenwind am Main zuletzt mächtig zu.

Dennoch haben viele Anhänger der SGE nicht vergessen, welchen Anteil Kröscher seit seiner Ankunft und während seiner Amtszeit am sportlichen und finanziellen Erfolg in Frankfurt hatte und dass die Eintracht ohne ihn vermutlich nicht dort gestanden hätte, wo sie heute noch steht.
Dass man die aktuelle Phase nämlich als derartig große Krise einstuft, ist der vermeintlich größte Zeuge in dieser Geschichte, dass Krösche mit den Hessen Unfassbares geleistet und aufgebaut hat. Die Ansprüche in Frankfurt sind gestiegen und somit auch die Fallhöhe des zuvor so gefeierten Transfer-Genies. Und wie man in der knallharten Fußballbranche bereits bestens weiß, sind die Rosen vergangener Tage schnell verwelkt und vergessen.
Neustart ohne Krösche: Chance und Risiko für die SGE
Nun ist es aber, wie es ist, und Markus Krösche und Eintracht Frankfurt gehen getrennte Wege in für beide Seiten ungewisse Zukunften. Während Krösche seinen Abschied vor allem auch mit dem inneren Wunsch nach neuen Abenteuern begründete, die durchaus verständlich sind – auch anhand der gesunkenen Wertschätzung beim Anhang des Bundesligisten – ist die Trennung vor allem für den Verein ein zweischneidiges Schwert.
Sicherlich war der Krösche-Stil in der jüngeren Vergangenheit nicht mehr so erfolgreich wie anfangs noch, und das liegt wohl vordergründig auch daran, dass sich Eintracht Frankfurt insgesamt weiterentwickelt hat und neue Standards anvisiert.
Die Adler wollen sich vom Modell lösen, nur noch hoffnungsvolle Spieler einzukaufen und teurer zu verkaufen, wie es zuletzt bei beispielsweise Randal Kolo Muani, Omar Marmoush oder Hugo Ekitike noch gut funktioniert hat und in echten Transfererfolgen endete. Der Fokus soll vermehrt auf eigene Talente gelegt werden, um den Stellenwert des Klubs mit dem Gesicht der Mannschaft nachhaltig zu festigen. Auch wegen der Unzufriedenheit im eigenen Haus soll nun ein frischer Wind einkehren, um die neuen Wege zu bestreiten.

Doch inmitten einer derart holprigen Findungsphase birgt das Aus des Sportvorstands zum jetzigen Zeitpunkt auch ein großes Risiko. Der aktuell ohnehin schon stattfindende Umbruch stammt schließlich noch aus der Feder des nun scheidenden Machers. Noch bevor sich die Eintracht in dieser Phase finden und festigen konnte, wird ein neuer starker Mann die Zügel in die Hand nehmen und versuchen, die Wogen der letzten Monate wieder zu glätten. Dies muss aber vorerst noch auf dem aufbauen, was Krösche hinterlässt. Umso bedrohlicher scheint es, den "Neuen" gleich mit Altlasten zu verheizen.
Wer auch immer Krösches Nachfolger sein wird, sieht sich mit dem doppelten Problem konfrontiert, diese enorme Aufgabe mitten in der Saison zu bewältigen und dabei dem hohen Maßstab seines Vorgängers gerecht zu werden.
Ist Frankfurt aktuell bereit für einen derart großen Schnitt?
Und da stellt sich mir die Frage: Ist Eintracht Frankfurt in der aktuellen Phase stark genug, dieses große Thema wegzustecken, wenn mit dem neuen Mann nicht umgehend Ruhe einkehrt und neuer Erfolg aus dem frisch bepflanzten Boden keimt? Wie schnell werden dann die Stimmen laut, wie gut oder besser doch alles unter Krösche war und wie schusssicher ist die Weste eines neuen Mannes, der eine derart erfolgreiche Phase eines Vereins beerben muss, bei dem es auch ganz schnell ungemütlich werden kann?
Ob die Eintracht die aktuelle Situation, die durchaus als eine Operation am offenen Herzen zu bezeichnen ist, problemlos übersteht, wird eine der spannendsten Fragen der kommenden Wochen und Monate bis Saisonende sein.

Ob nach dem Krösche-Aus nun alles besser wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch, dass es anders werden wird. Das muss nicht unbedingt etwas Schlechtes bedeuten. Dennoch wird das gesamte Projekt nach dem Ausscheiden des angesehenen Machers mit einem ganz großen Erbe und vor allem mit ganz großem Aufsehen verbunden sein, für das die neuen Schultern stark genug sein müssen und enormen Rückhalt aus dem Inneren des Vereins benötigen.
Krösches Nachfolger muss dann nämlich nicht nur seinen Job richtig gut verrichten, sondern auch den gesamten Verein wieder in deutlich ruhigere Fahrwasser bringen. Bei einem Giganten wie der Eintracht ein Drahtseilakt - wie auch Krösche erleben musste.
Unter dem Strich und abseits aller kritischen Stimmen der letzten Wochen und Monate steht aber auch, dass Krösches Erbe weitaus mehr ist, als die letzten Misserfolge auf dem Transfermarkt und der Trainerbank. Das wird man bei der Eintracht aber vermutlich erst mit etwas Abstand wieder viel klarer vor Augen haben.
