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Neue Rolle bei Liverpool - 3 Erkenntnisse zum Wirtz-Auftritt gegen Atletico

Florian Wirtz ist wegen seiner Mega-Ablöse noch immer mit ganz hohen Erwartungen verbunden. Doch denen wird der DFB-Star noch nicht gerecht. Das zeigte auch das Spiel gegen Atletico.
VonOliver Helbig
Florian Wirtz wird von LFC-Coach Iraola als Zehner eingesetzt
Florian Wirtz wird von LFC-Coach Iraola als Zehner eingesetzt | Robbie Jay Barratt - AMA/GettyImages

Nach einer eher holprigen letzten Saison ist beim FC Liverpool einiges neu – unter anderem Trainer Andoni Iraola und seine neue Rollendefinition für Florian Wirtz. Der deutsche Nationalspieler wird vom Spanier nun mit einem etwas klareren Auftrag als klassischer Zehner hinter der Sturmspitze eingesetzt und soll in dieser neuen Rolle an der Anfield Road endlich vollends aufblühen.

So auch im gestrigen Champions-League-Auftakt gegen den spanischen La-Liga-Vertreter Atletico Madrid. Aus deutscher Fanbrille betrachtet ist der 2:1-Sieg der Engländer deshalb möglicherweise zweitrangig. Vielmehr blickt man auf den Auftritt von Wirtz gegen eine der unbequemsten und besten Defensivreihen des Kontinents. Denn schließlich spielt die Wirtz-Form auch für die DFB-Auswahl eine bedeutende Rolle.

Unter Ex-Coach Arne Slot kam Wirtz noch häufiger über den linken Flügel oder die rechte Außenbahn zum Zuge und schwamm eher um den gegnerischen Strafraum herum, als eine feste Rollenzuteilung und einen klaren Plan zu haben. Iraola gibt Wirtz nun mehr Struktur.

Wir nehmen das schwierige Spiel gegen die Rojiblancos einmal als exklusiven Maßstab für einen Spieler, von dem man sich ganz große Dinge erhofft. Wird Wirtz diesen Erwartungen jetzt schon gerecht?

Erkenntnis 1: Bei Wirtz liefen die Fäden zusammen

Florian Wirtz wirkte in seiner Spielanlage deutlich strukturierter und doch freier. Man könnte seine neu definierte Zehnerrolle gewissermaßen als Rolle mit Anker und Flügeln verstehen.

Der 23-Jährige hielt sich permanent in dieser Rolle auf und fungierte für seine Mitspieler als Anlaufstelle und Ballverteiler. Immer wenn es irgendwo brannte, tauchte Wirtz als Anspielpartner auf und verteilte die Kugel sicher weiter. Fast 90 Prozent angekommene Pässe sprechen eine deutliche Sprache.

Wirtz kam seinen Mitspielern entgegen, ließ den Ball klatschen oder drehte sich clever aus dem Druck der Rojiblancos, bediente die Flügelspieler und sorgte so für Breite im Spiel, band Gegenspieler auf der letzten Kette, wenn er selbst weiter nach vorne schob, oder stach plötzlich selbst mit im Ansatz gefährlichen Tiefenläufen hinter die letzte Verteidigungsreihe. Man erinnere sich nur an seine Monster-Chance aus der 30. Minute, die wegen vorherigem Abseits dann abgepfiffen wurde.

Florian Wirtz mit einer Riesen-Chance nach rund einer halben Stunde
Florian Wirtz mit einer Riesen-Chance nach rund einer halben Stunde | Carl Recine/GettyImages

Aus seiner fest definierten Rolle hinter der Liverpooler Spitze konnte Wirtz immer wieder in verschiedene Richtungen streuen und sich die besten Räume für seine Aktionen selbst suchen. Allerdings reduzierte sich dieser Bewegungsradius meist bis auf die Halbspuren. Wirtz überließ die Flügel dem dort vorgesehenen Personal und war stattdessen der Zielpunkt im Zentrum, den sich Iraola erhoffte.

Erkenntnis 2: Wirtz fehlten die besonderen Momente

Wie im ersten Teil unserer Analyse erwähnt, hatte der Auftritt von Wirtz gegen Atletico schon viele verheißungsvolle Momente, doch es gab auch recht wenige Augenblicke, in denen der deutsche Nationalspieler dem Spiel seinen Stempel wirklich aufdrücken konnte und für eine gewisse Magie sorgte.

Abgesehen von den zwei brandgefährlichen Zuspielen auf Bradley Barcola in der 49. Minute und dem cleveren Steckpass auf den eingewechselten Victor Munoz in der 89. Minute konnte Wirtz keinen großen Druck auf die Abwehr Atletis ausüben. Er agierte überwiegend als reiner Zielspieler und Zuarbeiter, der das Kombinationsspiel unterstützte.

Zu selten konnte Wirtz für besondere Momente sorgen
Zu selten konnte Wirtz für besondere Momente sorgen | Simon Stacpoole/Offside/GettyImages

Zugegeben, es ist schwer genug, gegen die engmaschigen Verteidigungswälle des Teams von Trainer Diego Simeone durchzukommen. Doch auf dem Niveau, auf dem man Florian Wirtz sieht, hätte man sich gewünscht, dass der 23-Jährige weitaus häufiger für solche brandgefährlichen Momente sorgen kann.

Keine wirklich gefährlichen oder druckvollen Dribblings auf die Abwehr der Madrilenen zu, keine Szenen, in denen Wirtz der Hintermannschaft wirklich Angst einflößen konnte – sei es durch eben Dribblings oder Torabschlüsse –, und keine seiner zwei Flanken fand einen Abnehmer. Zudem gab es nur drei herausgespielte Chancen durch den DFB-Star. Es sah fast so aus, als hätten Wirtz und die Spanier einen Nicht-Angriffspakt geschlossen. Du tust mir nichts, dann tue ich dir nichts.

Wirtz war zwar immer da, aber eben nur selten wirklich ein Faktor – vor allem, wenn man seine Rolle als Spielgestalter definiert, der für brenzlige und spielentscheidende Momente sorgen soll. Wirtz war mehr Verbindungsstück als Initiator und Vollstrecker. Unauffällig, aber stets bemüht.

Erkenntnis 3: Wirtz als Arbeitsbiene gegen den Ball

Auch wenn Wirtz in der Offensive nicht viele besonders auffällige Akzente setzen konnte und seine Rolle mit viel Aufwand und Arbeit mit den Basics verrichten musste, ließ sich der Ballkünstler davon nicht irritieren.

Er leistete einen großen Teil im Spiel gegen den Ball, indem er Atletico immer wieder im Aufbauspiel störte, die Spanier teils über mehrere Meter druckvoll anlief und attackierte. So nahm der deutsche Nationalspieler den Rojiblancos häufig die Ruhe, um ihr Spiel über das Zentrum aufzubauen.

Wirtz störte immer wieder das Aufbauspiel von Atletico
Wirtz störte immer wieder das Aufbauspiel von Atletico | DeFodi Images/GettyImages

Auch wenn dieser Aspekt bei der oberflächlichen Bewertung von Wirtz weniger berücksichtigt wird, da er anhand seiner Qualitäten und seiner angedachten Rolle bei den Reds an anderen Maßstäben gemessen wird, darf seine Arbeit gegen den Ball keineswegs unter den Tisch fallen und muss in die Gesamtbewertung einfließen.

Fazit: Wirtz ist Azubi im 2. Lehrjahr

Florian Wirtz gilt als ballverliebter Künstler mit überdurchschnittlichen Anlagen und unfassbarem Talent. Gerade deshalb erwartet man vom DFB-Star, dass er beim FC Liverpool vor allem das Offensivspiel ankurbelt, seine namhaften Teamkollegen mit gefährlichen Zuspielen füttert und selbst für drangvolle Momente in Richtung des gegnerischen Tores sorgt.

Das gelang dem 23-Jährigen gegen Atletico Madrid jedoch nicht in einem Ausmaß, wie es in dieser Vorstellung aufkommt. Wirtz war nicht der Initiator großer Momente im Spiel, dafür aber ein unheimlich wichtiges und zuverlässiges Verbindungsglied. Immer wieder trat er in Erscheinung, wenn seine Mitspieler nicht wussten, wohin mit dem Ball, oder ihn in Szene setzen wollten.

In der Auslegung seiner neuen Rolle als Zehner und Spielgestalter erwartet man Wirtz eigentlich anders - agiler, aktiver und kreativer. Gerade gegen eine derart unbequeme Hintermannschaft, gegen die der deutsche Nationalspieler gestern häufig mit dem Rücken zum Tor agieren musste, muss sich ein Kreativspieler jedoch manchmal auch anders definieren können und untypische Wege ins Spiel finden.

Wirtz machte genau das und versteckte sich nicht. Der Ex-Leverkusener versuchte immer wieder, seinen Anteil zum Erfolg beizusteuern, und das gelang ihm über weite Strecken auch. Auch, weil er mit enorm hohem Aufwand mit, aber auch gegen den Ball arbeitete.

Aus meiner ganz persönlichen Sicht als Trainer ist genau das auch zu loben. Wirtz ließ sich nicht entmutigen, weil man ihm die Leichtigkeit nahm, sondern versuchte, sich durch hohen Arbeitsaufwand und ständiges Anbieten ins Spiel zu bringen.

Diese Anpassungsfähigkeit war gestern auch Teil des Erfolgs der Reds. Im Fußball hat man als Spieler im Durchschnitt nur zwei bis drei Minuten den Ball am Fuß. Es ist also nicht unbedingt immer entscheidend, was man in diesen zwei bis drei Minuten mit dem Ball macht, sondern in den gut 88 Minuten ohne Ball – und da war Wirtz solide und arbeitete dem verlässlich Team zu.

Florian Wirtz lieferte eine solide Partie - doch man erwartet vom DFB-Star mehr als nur solide Auftritte
Florian Wirtz lieferte eine solide Partie - doch man erwartet vom DFB-Star mehr als nur solide Auftritte | Liverpool FC/GettyImages

Fakt ist aber auch, dass man von einem Spieler mit seinem Profil und seiner Klasse in solchen Spielen andere Momente und Szenen erwartet. Denn Wirtz wurde als Unterschiedsspieler teuer eingekauft - nicht als unauffälliger Mitschwimmer.

Hier hätte ich mir gewünscht, dass sich Wirtz öfter mit der Brechstange versucht und Atletico sein Talent aufzwingt. Da war der DFB-Star oft nicht zwingend genug und zur Wahrheit gehört eben auch, dass man einen Florian Wirtz an genau diesem Maßstab misst.

Mit einer permanenten Rolle als Spieler, der zwar seinen Job verrichtet, aber nicht weiter auffällt oder in großen Spielen den Unterschied macht, wird Wirtz den Ansprüchen auf lange Sicht nicht gerecht werden.

Doch noch ist Zeit, in diese etwas angehobenere Rolle hineinzuwachsen. Deutlich scheint aber auch, dass Azubi Wirtz beim FC Liverpool noch im zweiten Lehrjahr steckt und auf seine Gesellenprüfung hinarbeitet. Daumen hoch gibt's trotzdem!


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