Beim FC Bayern München könnte man derzeit fast meinen, dass das Verletzungspech an den Sohlen des Rekordmeisters haftet. Zuletzt beim Champions-League-Spiel gegen Atalanta Bergamo musste Trainer Vincent Kompany mit ansehen, wie gleich drei seiner Stars aufgrund von Blessuren vom Feld mussten. Während es sich bei Jamal Musiala um eine reine Vorsichtsmaßnahme handelte, sah die Lage rund um Linksverteidiger Alphonso Davies und Torwart Jonas Urbig schon etwas dramatischer aus. Gerade beim Torwart schlug man die Hände über dem Kopf zusammen, denn Urbig ist eigentlich nur Ersatzmann für Manuel Neuer, der ebenfalls verletzt ausfällt.
Damit, dass einer der beiden Torhüter am Wochenende im Spiel gegen Bayer 04 Leverkusen zwischen den Pfosten steht, rechnet keiner. Laut Bild geht man bei Urbig intern noch von einer Ausfallzeit von mindestens einer Woche aus, doch die genaue Ausfallzeit des 22-Jährigen ist schwer vorhersehbar, denn Urbig muss nach seiner Kopfverletzung einen speziellen Testverlauf bestehen, um wieder auf den Rasen zurückkehren zu dürfen.
Urbig muss ein detailliertes Prozedere überstehen
Um Fälle wie den von Jonas Urbig, bei dem es aufgrund einer Kopfverletzung zu einem Ausfall kam, verantwortungsvoll zu managen, führte die DFL im März 2023 das "Protokoll Kopfverletzungen” ein. Mithilfe einer Reihe verschiedener Tests soll dabei unter anderem festgestellt werden, ob eine Gehirnerschütterung überstanden ist und ein Spieler wieder einsatzfähig ist, ohne dass ein Risiko eingegangen wird. Auch Jonas Urbig muss diese Tests erst bestehen, ehe Vincent Kompany wieder mit ihm planen kann. Nach einer anfänglichen Ruhephase von 24 bis 48 Stunden, in der die ersten Symptome einer Gehirnerschütterung wie etwa Schwindel oder Übelkeit abklingen, folgt der eigentliche Test.
Ein ähnliches Prozedere kennt man aus der US-Football-Liga NFL, wo Gehirnerschütterungen deutlich häufiger vorkommen.

Die Phase der Maßnahmen, die die Bundesligisten anwenden müssen, um einen Spieler wieder freizugeben, beginnt mit dem sogenannten Baseline Screening. Bereits vor Saisonbeginn wird jeder Spieler verschiedenen Tests unterzogen, bei denen eine Basislinie von Messwerten im Normalbereich erstellt wird. Diese bilden dann die Hürde, die erreicht werden muss, um nach Kopfverletzungen wieder einsatzfähig zu werden.
Nach zum Beispiel einer Gehirnerschütterung liegen diese Werte in der Regel nämlich weit unter der Basislinie und deuten darauf hin, dass ein Comeback noch zu früh käme. Ein Haupttest dieser Maßnahme ist der SCAT (Sport Concussion Assessment Tool), bei dem verschiedene Fähigkeiten getestet werden. Unter anderem wird dabei die Balancefähigkeit eines Spielers und andere Hirnfunktionen getestet. Erreicht ein Spieler, der durch eine Kopfverletzung angeschlagen ist, nicht seine zu Saisonbeginn erstellten Normalwerte, gibt es auch kein grünes Licht vonseiten der DFL. Der Weg ist aber weitaus länger als nur das.

Auch eine Selbsteinschätzung der betroffenen Spieler wird erhoben. Mithilfe eines Fragebogens müssen verschiedene Fragen zu ihrem persönlichen Befinden beantwortet und verschiedene Kriterien mit einer Bewertung von 0 (keine Probleme) bis 6 (starke Probleme) dokumentieren werden. Dabei geht es um unterschiedliche Fragestellungen zu Schwindel sowie Kopfschmerzen und eben deren Stärke oder um die genauere Beschreibung von Unwohlsein. Sind diese Beschwerden verschwunden und ist ein Spieler beispielsweise nicht mehr benebelt oder durch Schwindel eingeschränkt, folgt der Fünf-Stufen-Comeback-Plan RTS (Return-to-Sport).
Fünf-Punkte-Comeback-Plan
Zunächst besteht dieser aus leichten und moderaten Belastungen wie Radfahren auf einem Ergometer, die den Spieler noch nicht belasten. Auf Stufe eins folgt dann im zweiten Teil fußballspezifisches Individualtraining im ebenfalls moderaten Bereich. Danach kommt der kontaktlose Einstieg ins Mannschaftstraining - zum Beispiel in Teilen des Warm-ups. Sind die ersten drei Stufen der Wiedereingliederung überstanden, kann die medizinische Abteilung des Klubs den Wiedereinstieg ins Mannschaftstraining kommunizieren. Hat der zuvor angeschlagene Spieler auch dort keine Probleme mehr, steht einer Rückkehr in den Spielbetrieb nichts mehr im Wege.

Wie lange Jonas Urbig nicht zur Verfügung stehen wird, ist also durchaus schwierig vorherzusagen. Dies hängt vor allem davon ab, wie schnell sich das Torwarttalent der Münchner von seinem Kopftreffer im Spiel gegen Bergamo erholt und ob bzw. wann er den nötigen Testungsverlauf erfolgreich absolvieren kann.
