Deutschland dürfte sich zu Recht gewundert haben. Während der derzeit überragende Deniz Undav beim 4:3-Sieg des DFB-Teams gegen die Schweiz 90 Minuten auf der Bank schmorte, durfte der lange verletzte Kai Havertz starten und der formschwache Nick Woltemade als Joker ran.
Die Erklärungen von Bundestrainer Julian Nagelsmann waren – freundlich ausgedrückt – interessant.
"“Jetzt habe ich eben die Wahl, einem Top-Stürmer, der gut drauf ist, noch weiter Selbstbewusstsein zu geben oder einen Top-Stürmer, der gerade nicht ganz gut drauf ist, fallen zu lassen. Ich werde mal ein paar Psychologen fragen, was die sagen. Wahrscheinlich das Gegenteil von mir. Das ist ja das Hobby der Psychologen, die nicht im Amt sind, dass sie gerne immer das Gegenteil von allen Trainern behaupten.“"Julian Nagelsmann (RTL)
"“Ich sage, es ist ratsam, dass Nick Woltemade bei uns wieder in die Spur kommt, weil bei Newcastle läuft es nicht 100 Prozent rund. Und Dennis hat eh einen Run, ob er jetzt heute spielt oder nicht, wird er in seinem Selbstvertrauen jetzt für diese Woche nichts ändern.“"Julian Nagelsmann (RTL)
Gut zwei Monate vor dem WM-Turnier sind das äußerst problematische Aussagen. Ist die Nationalmannschaft etwa ein Auffangbecken für formschwache Stars oder eine Selbsthilfegruppe für Spieler, denen das Selbstvertrauen fehlt? Ja, es mag sinnvoll sein, einen Spieler wie Woltemade Auftrieb zu verleihen. Doch zu welchem Preis?
Nagelsmann tritt mit seinen Entscheidungen, wie im Übrigen auch mit dem Startelfeinsatz für Leroy Sané, das Leistungsprinzip mit Füßen. In der Deutschen Nationalmannschaft sollten die besten und formstärksten Akteure auflaufen. Einen Einsatz muss man sich mit guten Leistungen im Vereinsfußball erstmal verdienen. Ansonsten ist man fehl am Platz.
Undav stellt sogar Kane in den Schatten
Kai Havertz muss man aufgrund der Verletzungshistorie gesondert bewerten, aber gerade Nick Woltemade zuletzt in Newcastle nichts geleistet, was einen Einsatz rechtfertigen würde. Ein Pflichtspieltor in 2026 ist im Vergleich zu Deniz Undav geradezu eine lächerliche Quote.

Der VfB-Star, der in der laufenden Saison auf 23 Pflichtspieltore und 13 Assists kommt, hat im Jahr 2026 satte 22 Torbeteiligungen zu verzeichnen. Selbst die absoluten Weltklasse-Stürmer kommen da nicht ran. Zum Vergleich: Harry Kane steht bei 22 Scorer-Punkten in 2026.
Bei jedem normalen Trainer wäre die logische Konsequenz, dass Undav von Beginn an ran darf oder zumindest einen langen Joker-Einsatz erhält. Nicht so bei Nagelsmann, der die abenteuerlichste Argumentation liefert, die man seit längerer Zeit gehört hat. Schließlich habe Undav ohnehin einen Run und benötige kein zusätzliches Selbstvertrauen.
Was soll Deniz Undav noch machen?
Übersetzt kann man sagen, dass der 29-Jährige dafür bestraft wird, Woche für Woche grandiose Leistungen zu zeigen. Es braucht keine große Erklärung, wie problematisch das ist. Schon ein Kurzeinsatz hätte Undav immerhin das Signal geliefert, dass Nagelsmann an ihn denkt. Doch nicht mal das sollte ihm vergönnt sein.

Als Deniz Undav stellt sich die Frage, was er überhaupt noch machen soll, um im DFB-Team zu spielen. In den vergangenen Länderspielphasen wurde er nicht nominiert, weil die Leistungen nicht ausreichend waren. Nun darf er nicht auflaufen, weil seine Form ja ohnehin gerade gut ist. Nach dem Motto: Spielst du im Verein schlecht, spielst du nicht, spielst du im Verein gut, spielen trotzdem die anderen. Wer soll sich da bitte nicht verarscht vorkommen?
Nagelsmann muss Undav endlich richtig einbauen
Als Bundestrainer kann man einen formstarken Top-Spieler mal draußen lassen, wenn man ihm eine Pause gönnen und mal anderen Leuten die Chance geben möchte. Bei Undav ist dieses Argument allerdings Unsinn. Im gesamten Kalenderjahr 2025 hat Undav gerade mal eine Halbzeit im DFB-Trikot erhalten.

Es wäre also höchste Zeit gewesen, den aktuell besten Stürmer Deutschlands wirklich ins Team zu integrieren. Dass der VfB-Stürmer in seinen mickrigen 236 Länderspielminuten insgesamt drei Tore erzielt und eines vorbereitet hat, zeigt nur zu gut, wie Top-Leistungen an dieser Stelle einfach nicht mit Spielzeit belohnt werden. Leistung und Ertrag stehen in keinem Verhältnis.
Nagelsmann darf nicht nur Ja-Sager akzeptieren
Womöglich liegt es daran, dass Undav zuletzt ein für Nagelsmann eher unbequemes Interview gegeben hat. Der Bundestrainer hätte nun aber zeigen müssen, dass er auch mal mit Gegenwind klarkommt und nicht nur Ja-Sager akzeptiert und fair bewertet.
Noch nicht mal für das Ghana-Spiel wollte Nagelsmann Undav einen Einsatz zusichern. Hingegen versprach er Leroy Sané seine nächste Chance. Wer soll diesen Irrsinn noch verstehen?
Nagelsmann muss aufhören, seinen Lieblingen andauernd einen inoffiziellen Freifahrtsschein zu erteilen und die besten Spieler Deutschlands auflaufen lassen. Ansonsten ist er vielleicht ein guter Hobby-Psychologe, hat er seinen Job als Bundestrainer aber verfehlt.
