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Hoffnung und Ausreden gewinnen keine Titel – Ist Nagelsmann schon gescheitert?

Mit Blick auf die deutsche Nationalmannschaft lässt die WM 2026 reichlich Fragezeichen offen. Ein Kommentar.
Bundestrainer Julian Nagelsmann
Bundestrainer Julian Nagelsmann | Ian MacNicol/GettyImages

Die Vorrunde der WM 2026 ist für die deutsche Nationalmannschaft überstanden, doch zurück bleibt nicht etwa große Euphorie, sondern reichlich Fragezeichen und ein ganz komischer Beigeschmack.

Zwar konnte die DFB-Elf im ersten Spiel gegen Curaçao einen (erwarteten) deutlichen Sieg einfahren, doch die beiden weiteren Gruppenspiele offenbarten, warum das Team um Bundestrainer Julian Nagelsmann nicht zum engeren Favoritenkreis gehört.

Gegen die Elfenbeinküste im zweiten Gruppenspiel tat man sich bereits schwer, konnte das Spiel letztlich dank Joker Deniz Undav aber noch drehen. Im abschließenden Gruppenspiel gegen Ecuador folgte am späten Donnerstagabend jedoch die große Backpfeife. Die Stimmungsbremsen aus Südamerika jubelten am Ende über den Turnierverbleib, während die DFB-Auswahl mit einer 1:2-Niederlage das Feld verließ.

WM-Stimmung ausgebremst - Die DFB-Elf verliert gegen Ecuador
WM-Stimmung ausgebremst - Die DFB-Elf verliert gegen Ecuador | Catherine Ivill - AMA/GettyImages

Ärgerlich für viele deutsche Fans, die lange wach blieben und auf Schlaf verzichteten – noch ärgerlicher für Nationen, die sich mit eigenem Blick aufs Weiterkommen bei der WM auf die deutsche Mannschaft verlassen hatten.

Der Hoffnungsfunke der EM 2024 ist endgültig verglimmt

Nachdem die Heim-EM 2024 noch so viel Mut machte, wirkt die Nationalmannschaft zwei Jahre später gefühlt deutlich weniger stimmig als erhofft.

Seit dem Aus gegen Spanien bei der Europameisterschaft im eigenen Land sind keine klaren Entwicklungsschritte erkennbar und der Weg bis zur aktuellen Weltmeisterschaft wirkt wie ein langes Experiment, in dem nie ein roter Faden gefunden wurde.

Die EM 2024 war ein nicht lange währender Hoffnungsfunke!
Die EM 2024 war ein nicht lange währender Hoffnungsfunke | Alexander Hassenstein/GettyImages

Während andere Top-Nationen eine eingespielte Mannschaft ins Rennen schicken, sich über einen speziellen Spielstil der eigenen Stärken definieren und ihr Leben durch zahlreiche Automatismen erleichtern, hat man bei der DFB-Auswahl unter Nagelsmann das Gefühl, dass sie sich auf die individuelle Klasse der namhaften Spieler und die coolen Sprüche des Trainers stützt. Das deutsche Team wirkt in sich zwar harmonisch, aber unrund.

Auch die nun gerissene lange Erfolgsserie kann darüber nicht hinwegtäuschen, dass die teils fragwürdigen Personalentscheidungen und taktischen Umbauten dem Bundestrainer irgendwann um die Ohren fliegen könnten - im dümmsten Falle jetzt bei der WM.

DFB-Auswahl Gruppensieger - Stimmung, als wäre man ausgeschieden

Blickt man zurück, ist die Stimmung rund um die DFB-Elf im deutschen Fanlager trotz des Weiterkommens nun irgendwie nicht viel besser als beim Vorrundenaus 2018 oder 2022.

Wischt man den zwischenzeitlich eigentlich freudigen Stimmungspegel der Heim-EM 2024 mal weg, bleibt unterm Strich der Eindruck, dass Nagelsmann es nicht geschafft hat, alles aus dem Team herauszuholen. und dass die DFB-Elf nicht bereit für eine ernstzunehmende Favoritenrolle bei dieser WM ist.

Julian Nagelsmann
Julian Nagelsmann | Ian MacNicol/GettyImages

Ob diese Entwicklung im weiteren Turnierverlauf noch einsetzt, scheint zweifelhaft, und von reiner Hoffnung auf Besserung habe ich ehrlich gesagt genug.

Die deutsche Nationalmannschaft wirkt zerbrechlich und wird ihrer vermeintlichen Favoritenrolle nicht gerecht. Mit all diesem Talent im Team darf das scheinbare Heilmittel der Hoffnung auf Besserung wohl bereits als Niederlage für den Bundestrainer angesehen werden.

Spätestens jetzt hätte man vor zwei Jahren erwartet, dass das Team stimmig und der Plan glasklar ist. Als Gruppenerster die K.o.-Phase zu erreichen und dennoch für eine kleine Untergangsstimmung zu sorgen, ist schon ein ziemlich breiter Spagat.

Leistungsprinzip ein Wort ohne Wert?

Ein Grund für die ausbleibende Entwicklung könnte dabei auch sein, dass Nagelsmann sehr viel Loyalität gegenüber Spielern demonstriert, deren Leistungen über lange Zeiträume zu schwankend sind und dabei das ein oder andere Mal Spieler außen vor zu lassen scheint, deren Leistungen wesentlich stabiler wirken. Es wird Umbruch kommuniziert, doch an eingestaubten Laken festgehalten.

Damit macht sich der Bundestrainer beim selbst ausgerufenen Leistungsprinzip angreifbar. Die teils auch verwirrenden Argumentationen des 38-Jährigen, warum Spieler X die bessere Wahl gegenüber Spieler Y ist, machen die Sache nicht wirklich besser.

Ein Paradebeispiel hierfür ist die Personalie Said El Mala vom 1. FC Köln, der der deutschen Offensive sicherlich Aufwind und die derzeit fehlende Frische und Leichtigkeit hätte verleihen können. Aber auch einen Matthias Ginter für die Defensive hätten mit Blick auf Leistung und Konstanz viele erwartet.

Hätte Said El Mala der DFB-Auswahl gut getan?
Hätte Said El Mala der DFB-Auswahl gut getan? | DeFodi Images/GettyImages

Man wird den Eindruck einfach nicht los, dass die Kadernominierungen des Bundestrainers nicht immer in erster Linie leistungsorientiert, sondern oft vielleicht auch von persönlichen Empfindungen gesteuert sind.

Ich stellte mir gerade bei der Argumentation rund um El Mala häufiger die Frage, ob der Bundestrainer den Shootingstar des 1. FC Köln einfach nicht mag. Einfach nur, weil die Argumentation zu dessen Nicht-Berücksichtigung aus sportlicher Sicht für mich nicht stimmig war bzw. ist.

Stattdessen hält Nagelsmann zu Akteuren, die vermutlich zurecht seit längerer Zeit in der Kritik stehen. Das ist mit Trainerbrille grundsätzlich auch kein ganz falscher Ansatz, vor allem aus menschlicher Sicht und vor dem Hintergrund, Selbstvertrauen herbeireden zu wollen. Doch muss man diesen Aspekt der Trainerarbeit, der vielleicht nur auf Vereinsebene richtig greift, gerade bei einer Weltmeisterschaft und in der Nationalmannschaft in den Hintergrund stellen.

So hart es klingt, der Fußball auf Nationalmannschaftsebene ist in dieser Hinsicht eben wirklich darauf angewiesen, dass es um die (Leistungs)Besten des Landes geht und nicht um diejenigen, denen Nagelsmanns Herz am meisten gehört oder die für die angenehmste Stimmung sorgen.

Der WM-Kader sollte aus Spielern bestehen, die sich sportlich gesehen gegenseitig das Leben zur Hölle machen und das Arbeitsniveau an seinen Siedepunkt treiben.

Julian Nagelsmann beim DFB-Training
Julian Nagelsmann beim DFB-Training | picture alliance/GettyImages

Als deutscher Fußballprofi, dessen Leistungen über einen langen Zeitraum mehr als stabil sind und der sich eine Nominierung durch Leistung verdient hätte, würde ich die Welt nicht mehr verstehen, wenn ich bei diesem Turnier auf der heimischen Couch säße und Spielern zusehen müsste, die nicht wegen ihrer Topform, sondern aufgrund der Rückendeckung des Bundestrainers beim Turnier dabei sind.

Fehlende Siegermentalität und Leidenschaft

Und damit sind wir auch schon beim nächsten Problem: Es braucht sich so niemand zu wundern, dass die DFB-Auswahl scheinbar keine echte Siegermentalität auf den Rasen bekommt, wenn der Leistungsdruck der Konkurrenten um die eigene Position grundsätzlich unbedeutend ist und der scharfe Atem im Nacken der Verfolger durch die schützende Hand des Bundestrainers abgewehrt wird.

Natürlich spielt das deutsche Team unter Nagelsmann auch den einen oder anderen attraktiven Ball, doch aus meiner Sicht wäre es wichtiger, eine schlagkräftige, aufeinander abgestimmte Truppe aufs Feld zu schicken, die zum einen bestmöglich eingespielt ist und zum anderen in jeder einzelnen Rolle den Kampf gegen einen direkten Konkurrenten führt. Speerspitze des Erfolgs sollte dabei der unbändige Wille sein, für den Adler auf der Brust sein letztes Hemd auf dem Rasen zu lassen.

Wenn es in der deutschen Nationalmannschaft wirklich rein nach dem Leistungsprinzip ginge, müsste da einfach deutlich mehr Feuer, Leidenschaft und Siegeswille erkennbar sein.

Vielleicht ist gerade die WM 2014 hier auch eine störende Nachwehe, weil man der Meinung ist, die Wohlfühloase wäre der Schlüssel zu Titelgewinnen. Ich finde, gerade hier fehlt uns der Biss. Die Nationalmannschaft sollte ein Ort sein, an den Spieler kommen und anfangs ihre Berufsentscheidung hinterfragen. "Bin ich wirklich gut genug für das hier?" müsste eine Frage sein, die jedem DFB-Kicker in jedem Lehrgang zu denken gibt und an diesem Maßstab sollte sich jeder messen.

Wenn ich aus diesem Blickwinkel arbeite wie ein Dreirad, kann ich nicht erwarten, auf der größten Fußball-Autobahn der Welt mit Lichthupe die linke Spur einnehmen zu können.

Ist Nagelsmann schon gescheitert?

Julian Nagelsmann hatte gut drei Jahre Zeit, aus dem vorhandenen Talent im deutschen Fußball einen echten Favoriten zu formen. Was wir bei der WM 2026 aber bislang zu sehen bekommen, ist eine Mannschaft, die ihr theoretisches Leistungspotenzial praktisch nicht auf den Platz bringt.

Kaum ein deutscher Fan kann wirklich einschätzen, wie gut Deutschland wirklich ist, und irgendwie scheint es dem Bundestrainer auch noch nicht gelungen zu sein, die Handbremse zu lösen oder starke Leistungsschwankungen zu beheben.

Nagelsmanns Aussage, die WM gewinnen zu wollen, war richtig, doch es blieben die klaren Handlungen aus, um den Worten Taten folgen zu lassen. Auf ernüchternde Art und Weise und im großen Stil.

Julian Nagelsmann
Julian Nagelsmann | Simon Stacpoole/Offside/GettyImages

Nagelsmann sagte nach der Niederlage gegen Ecuador selbst: "Es war kein Einstellungsthema.”

Ich glaube auch, dass die Spieler grundsätzlich wollen. Das liegt in der Natur des Leistungssportlers. Es wäre schlimm, wenn nicht. Doch was diese Aussage auch offenbart, ist, dass Nagelsmanns "Reality Check" letztlich darauf hinausläuft, dass der Bundestrainer es nicht schafft, aus dem Willen seiner Spieler einen griffigen Plan zu erstellen, der ihnen die Sicherheit gibt, ihre jeweiligen Qualitäten zu entfalten und Rückschläge mental unbedeutend zu machen.

Ausreden helfen nicht weiter

Es wirkt, als hätte Nagelsmann einen gefährlichen Raum der Zuflucht und Ausreden geschaffen, wenn es mal nicht läuft.

Für jeden Dämpfer gibt es eine Erklärung, die bloß nichts mit der eigenen Arbeit zu tun hat.
Vielleicht muss jetzt einfach auch mal die nackte Ehrlichkeit und die Faust auf den Tisch. Ich will nun auch keine ständige Jammerei hören, dass die Vorbereitungszeit auf die K.-o.-Phase so kurz wäre.

Deutschlands Fußballfans wollen keine ständigen Ausreden, sondern erkennbare Entwicklungen und Ergebnisse und hier bleibt die Nagelsmann-Truppe viel von dem schuldig, was sie auf dem Papier verspricht.

Und Nagelsmann muss aufhören, Spielern Raum für Ausreden zu bauen, den sie selbst vielleicht gar nicht wollen. Schönrednerei hilft dem deutschen Fußball nicht - wir brauchen mehr Klartext, mehr Zielstrebigkeit, mehr Nachhaltigkeit und deutlich mehr Entwicklung in die Richtung, die die theoretische Qualität deutscher Fußballer verspricht.

Wir können nicht nach jedem Turnier wieder unser Lieblingswort "Neuanfang" aus dem Hut holen. Irgendwann muss auch mal ein Entwicklungsstadium erreicht werden, in dem es lediglich noch um Ergänzungen geht. Wenn Nagelsmann das nicht schafft, dann ist vielleicht irgendwann auch ein Neuanfang auf dem Trainerstuhl des DFB nötig.

Von Hoffnung können wir uns nichts kaufen

Nagelsmann galt bei Amtsantritt als Hoffnungsträger und ließ bei der Heim-EM die Flamme der Hoffnung auch für ein paar Tage aufflammen. Doch seitdem gibt es kaum Greifbares und von Hoffnung kann sich diese Fußballnation nichts kaufen.

Die deutsche Nationalmannschaft darf kein freundschaftlicher Partykeller der Wohlfühloase sein, bei dem sich alle lieb haben, sondern muss vor allem auch in den talentfreien Bereichen Kampf, Einsatz und Leidenschaft die Belohnung für außergewöhnliche Leistungen sein. Zudem muss, ähnlich wie durch Vincent Kompany beim FC Bayern München geschaffen, ein neues Level der Arbeitsethik und Mentalität entstehen, bei dem ein gewisser Leistungspegel nicht unterschritten werden darf. Wer diese Flughöhe nicht halten kann, ist dann eben fehl am Platz.

Die DFB-Auswahl
Die DFB-Auswahl | Xinhua News Agency/GettyImages

Zur Auswahl des DFB zu gehören - vor allem bei einer Weltmeisterschaft -, darf nicht als Auffangbecken guter Seelen herhalten, sondern muss wirklich rein auf dem Leistungsprinzip basieren und eine Siegermentalität formen. Die größte Aufgabe des Bundestrainers ist es, diese Spieler zu einer Mannschaft auf dem Platz zu formen - egal ob Spieler XY dann theoretisch in seinen Kram passt oder nicht.

Die Leistungsbesten und auf den Punkt formstärksten Kicker zu einer Einheit formen - das ist der Kern der Bundestrainerarbeit und die Königsdisziplin im Vergleich zur Vereinsarbeit.

Kann Nagelsmann seinen Auftrag erfüllen?

Der Auftrag des Bundestrainers war klar: Er sollte die DFB-Auswahl wieder zu einer Mannschaft formen, die bei einem großen Turnier wie der WM um den Titel mitspielen kann.

Persönlich fehlt mir ehrlich gesagt die optimistische Aussicht dazu. Scheidet Deutschland vielleicht schon früh im Turnier aus, muss man sich wohl auch die Frage stellen, ob das Experiment Nagelsmann beim DFB gescheitert ist.

Zukunft voller Fragezeichen bei Julian Nagelsmann und der DFB-Elf
Zukunft voller Fragezeichen bei Julian Nagelsmann und der DFB-Elf | Soccrates Images/GettyImages

Noch ist aber nicht aller Tage Abend, denn die DFB-Auswahl um Nagelsmann hat noch immer die Möglichkeit, alle zu überraschen und dem Ruf gerecht zu werden, dass deutsche Mannschaften Turniermannschaften sind, die im Verlauf einer Endrunde zu Höchstform auflaufen können.

Im Vergleich zu den beiden letzten Weltmeisterschaften hat Nagelsmann nun zumindest die Chance, diese Entwicklung noch zu steuern.


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