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Haben Sie eigentlich Gummistiefel, Herr Fritz?

Werder Bremen ist eine sportliche Wundertüte. Ebenso wie die Zukunft von Clemens Fritz.
VonOliver Helbig
Werder-Boss Clemens Fritz
Werder-Boss Clemens Fritz | picture alliance/GettyImages

Werder Bremen ist eine waschechte Wundertüte. Blickt man nämlich auf die letzten Jahre zurück, dann erkennt man ein jähes Auf und Ab in den Gefühlswelten der Norddeutschen, das sich regelmäßig in den Endplatzierungen der jeweiligen Tabellen deutlich widerspiegelt.

Ständiger Wechsel: Die zwei Gesichter an der Weser

War es im Sommer 2019 noch der achte Rang, folgten darauf die Plätze 16 und 17 in den Folgejahren, was im bitteren Abstieg gipfelte. Nach dem Wiederaufstieg und der Vizemeisterschaft in der 2. Bundesliga folgte mit den Plätzen 13, 9 und 8 zunächst eine trügerische Aufwärtskurve, die zu wilden Europapokalträumen verleitete. Doch in der abgelaufenen Saison 2025/26 folgte der erneute Absturz in den Keller und auf Rang 15, womit die Abstiegsangst zurück war an der Weser.

Frei nach dem Motto "The trend is your friend" darf auch ein noch recht junger Blick auf die noch frische Spielzeit 2026/27 geworfen werden, denn am ersten Spieltag schepperte es für die Bremer auswärts schon wieder gewaltig: Mit einem krachenden 1:4 ging man beim SC Freiburg baden und schien es sich nach den ersten 90 Minuten der neuen Saison schon wieder mit dem eigenen Anhang zu verscherzen.

Gegen Freiburg bekam Werder ordentlich eine auf den Deckel
Gegen Freiburg bekam Werder ordentlich eine auf den Deckel | Daniela Porcelli/GettyImages

Am zweiten Spieltag erlebten die Fans dann aber eine Kehrtende und komplett andere Gefühlswelt. Als man an der Weser schon wieder das nächste Debakel vor Augen wähnte, fegte die Thioune-Truppe den klar favorisierten Spitzenklub RB Leipzig mit einem deutlichen 3:1-Sieg aus dem Stadion und führte bis zur fünften Minute der Nachspielzeit sogar mit 3:0.

Gegen Leipzig verblüffte Werder alle
Gegen Leipzig verblüffte Werder alle | Selim Sudheimer/GettyImages

Nicht nur als Außenstehender mit neutralem Blick reibt man sich verwundert den Kopf und weiß nicht so recht, wie man Werder einschätzen und was man von Bremens Fußball halten soll.

Clemens Fritz steht zunehmend im Fokus

Spannenderweise richtet sich der kritische Blick vor allem auf Geschäftsführer Clemens Fritz, der den Kader und damit auch die sportliche Ausrichtung quasi zu verantworten hat - unabhängig von der Perfomance des Trainers. Blickt man auf die scheinbar offensichtlichsten Eckpfeiler seit seinem Amtsantritt, fallen irgendwie zuerst die großen Griffe ins Klo auf, die Fritz unterlaufen sind.

Dem 45-jährigen Ex-Werder-Profi wird fast einheitlich vorgeworfen, dass er sich in Sachen Kaderplanung und Transfers sowie der sportlichen Ausrichtung der Werderaner immer wieder geirrt und Fehleinschätzungen getroffen hat.

Dass es sich dabei nicht nur um ein mulmiges Fan-Gefühl handelt, das aus Wut entstanden ist, wurde deutlich, als die Bremer selbst diese Fehler nach eingehender Analyse einräumten. Clemens Fritz erhielt dennoch die volle Rückendeckung und wurde in seinem Amt bestätigt. Voraussetzung für ein langes Leben im aktuellen Amt: Er lernt aus den Fehlern der Vergangenheit.

Graue Amtszeit? Noch nicht viele schöne Fritz-Erinnerungen

Woran erinnert man sich, wenn man an Werder Bremen der letzten Jahre denkt? Nun ja, das Experiment mit Trainer Horst Steffen ging gewaltig in die Hose und hinterließ zahlreiche Fragezeichen. Irgendwie passten Trainer und Mannschaft nicht zusammen, was letztlich in einem ziemlich unruhigen Sportjahr endete.

Daniel Thioune bekam Werder wieder in den Griff - zumindest halbwegs
Daniel Thioune bekam Werder wieder in den Griff - zumindest halbwegs | Selim Sudheimer/GettyImages

Die Situation wurde zwar durch die Verpflichtung von Daniel Thioune gerettet, der zumindest den Klassenerhalt sichern und eine gewisse Weiterentwicklung präsentieren konnte, doch dann sind da eben auch noch die fragwürdigen Transfergeschichten, die Clemens Fritz in keinem guten Licht stehen lassen.

Seien es die zehn Millionen Euro für Samuel Mbangula, die vermeintlich in den Sand gesetzt wurden, die enttäuschten Erwartungen um Keke Topp, das Transferdesaster um Skelly Alvero oder das Drama um Victor Boniface und sein zerbrechliches Altweiber-Knie.

Grundsätzlich waren und sind viele Schlüsselpositionen einfach auch unzureichend besetzt und die Kadertiefe war teils mangelhaft. Vermeintliche Top-Transfers scheiterten krachend und die zahlreichen Leihspieler verdeutlichten, dass der langfristige Plan mit der Bremer Mannschaft fehlte. Begleitet von einigen Verletzungen flog Fritz dann irgendwann einfach alles um die Ohren.

Und als ob das noch nicht ausreichte, spielte auch das Weserstadion seine Spitzbuben-Rolle und demonstrierte mit dem Teileinsturz des Tribünenbereichs im Oberrang Block 53, bildlich veranschaulicht, wie zerbrechlich es um den viermaligen deutschen Meister bestellt zu sein scheint.

Wundertüte Werder

Wie es um Werder Bremen in dieser Saison steht und was man von den Grün-Weißen erwarten kann, ist auch nach dem Saisonstart irgendwie noch nicht klar.

Zwar dient die Rückkehr des verlorenen Sohns Niclas Füllkrug als Leuchtturm der Hoffnung, doch mitten in der Euphorie um den Mittelstürmer versetzte unter anderem die schwere Verletzung von Starspieler Jens Stage einen erneuten Schock.

Um in der bildlichen Linie zu bleiben, scheint es nun so, als hätte ein miesepetriger Hund sein Häufchen an den Leuchtturm gesetzt.

Auch der Verletzungsschock um Jens Stage trübt das Bremer Bild gewaltig
Auch der Verletzungsschock um Jens Stage trübt das Bremer Bild gewaltig | Pau Barrena/GettyImages

Wenn man über Werder Bremen sinnt, könnte man wohl noch stundenlang von Hochs und Tiefs, von Hoffnungsschimmern und Tiefschlägen sprechen. Doch unterm Strich kommt immer das Gleiche heraus: Werder wankt seit geraumer von einer Seite zur anderen – wie ein Schiff bei hohem Wellengang.

Und vielleicht ist es gerade das, was die Bremer derzeit ausmacht. Womöglich sollten die Fans auch gerade darin die große Romantik ihres Vereins suchen und sich mit diesem Wasserstand anfreunden.

Was ist die aktuelle Bremer DNA?

Wir graben aber noch ein bisschen weiter in unserer Trickkiste der Bildsprache und erforschen, woher der Name Werder eigentlich stammt. Das ist für noch weniger bewanderte Bremen-Fans und alle, die es noch werden wollen, durchaus interessantes Angeberwissen.

Werder bedeutet nämlich nichts anderes als "Land (oder Insel) in einem Fluss". Die Namensgebung des im Februar 1899 gegründeten Bremer Fußballvereins hat sogar direkten Bezug dazu, denn einst trug man seine Heimspiele auf einem solchen Werder an der Weser aus.

Daraus lässt sich doch sicherlich etwas Fußballromantisches zaubern, oder? Verhelfen wir der Euphorie nach dem 3:1-Erfolg über RB Leipzig doch noch zu etwas mehr Glanz! Nehmen wir die lange Liste der Fehlgriffe und sportlich schwierigen Zeiten aus einer anderen Sichtweise, dann könnte man es vielleicht so formulieren:

Clemens Fritz und Werder Bremen stehen symbolisch auf einer kleinen Landinsel und sind von einem unaufhaltsamen Fluss umgeben. Wie im echten Leben kann diese Situation aber mal Fluch und mal Segen sein. Denn manchmal ist es einfach besser, die Basis zu stärken und sich vor hohen Wellen zu schützen, und manchmal ist es dann wieder geschickter, mit dem Flow zu gehen und sich von der Weser tragen zu lassen.

Fritz muss jetzt liefern, sonst...

Das klingt doch erstmal gar nicht so schlecht, oder?

Gut, das mag sein, aber das eigentliche Kernproblem ist ein anderes: Clemens Fritz scheint nämlich noch nicht so richtig zu wissen, wann welche Phase ist und wie er darauf zu reagieren hat. So tritt das Wasser der Weser noch viel zu häufig über die Ufer des SVW und kommt damit auch dem Bremer Boss gefährlich nahe.

Die Zeit, ein Auge zuzudrücken, wird irgendwann vorbei sein, wenn sich Werder Bremen im Laufe dieser Saison nicht endlich festigen kann und Fritz eine klare Linie reinbringt, die auf eine langfristige Entwicklungsstrategie hindeutet und den Kader der Bremer vor allem auch endlich sattelfester und wettbewerbsfähiger werden lässt.

Dann nämlich wird der Wasserstand für Fritz irgendwann bedrohlich und könnte ihn eine langfristige Zukunft in seinem Amt kosten.

Clemens Fritz steht im Rampenlicht
Clemens Fritz steht im Rampenlicht | picture alliance/GettyImages

Der Bremer Transfersommer war ebenso ein Wechselbad der Gefühle wie der Saisonstart und bislang ist noch nicht erkennbar, dass Clemens Fritz mit den Gezeiten besser zurechtkommt als zuvor. Aus Sicht vieler Fans aber auch so mancher Experten ist der Bremer Geschäftsführer eine der am unsichersten im Amt steckenden Personen der Bundesliga.

Für die langfristigen Ziele benötigt Werder Bremen schließlich einen erprobten Fachmann, der weiß, wie man ein Boot auf dem stetig fließenden Wasser handhabt, wann und wie sich die Strömungen ändern und wann es besser ist, einfach an Land zu bleiben. Diese metaphorische Darstellung wird sich wohl auch im Winter beweisen müssen. Da helfen auch die besten Gummistiefel nicht.

Deshalb gehört Clemens Fritz für mich zu den spannendsten Personalien, die es in dieser Saison in der Bundesliga zu beobachten gilt. Fritz wird wie Werder Entwicklungsschritte machen müssen. Ansonsten herrscht schnell Land unter.


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