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Die letzte Polzin-Patrone - Was nach der HSV-Verlängerung hängen bleibt

Der HSV setzte in einer sportlich schwierigen Phase ein unerwartet deutliches Ausrufezeichen. Ein Kommentar.
VonOliver Helbig
Merlin Polzin hat beim HSV einen neuen Vertrag erhalten
Merlin Polzin hat beim HSV einen neuen Vertrag erhalten | Dean Mouhtaropoulos/GettyImages

Wenn man mit null Punkten und ohne eigenen Treffer aus den ersten drei Spieltagen in eine neue Saison startet, dann darf man getrost von einem ganz üblen Fehlstart sprechen. Noch mehr, wenn zwei dieser drei Spiele deutlich mit 0:5 verloren gehen.

Dieses ernüchternde Szenario hat der Hamburger SV zum Start in die Spielzeit 2026/27 durchlaufen und in einer Situation wie dieser würde man vermutlich alles erwarten aber sicherlich keinen neuen Vertrag für den Cheftrainer. An der Elbe hat man nun aber genau das gemacht.

Polzin-Verlängerung sorgt für Diskussionsstoff

Nicht nur als HSV-Fan wusste man vermutlich nicht so recht, wie man diesen Entschluss einordnen sollte. Sky-Experte Didi Hamann sagte zu diesem Thema beispielsweise: "Das war jetzt überraschend. Ich sehe das ein bisschen skeptisch.“

War die Polzin-Verlängerung nach einem solchen Fehlstart in die Saison nicht etwas voreilig? Was, wenn die Hamburger auch die kommenden Spiele nicht aus diesem sportlichen und ergebnistechnischen Alptraum erwachen?

Diese Sorge kann man nach dem 2:1-Heimsieg über den 1. FC Köln am gestrigen Samstag zumindest etwas ausbremsen. Doch der Maßstab liegt im weiteren Saisonverlauf weit höher als bei nur einem halbwegs erfolgreichen Spiel gegen einen vermeintlichen Konkurrenten im Abstiegskampf.

Daumen hoch nach dem ersten Dreier der Saison
Daumen hoch nach dem ersten Dreier der Saison | picture alliance/GettyImages

Aus Sicht des HSV ist die Verlängerung von Merlin Polzin irgendwie auch ein Zeichen der internen Gelassenheit und Stärke.

Innerhalb des Vereins scheint die Arbeit des Trainers durchaus positiver bewertet zu werden, als man angesichts der schwachen Ergebnisse zu Saisonbeginn vermuten könnte. Umso bedeutender ist das deutliche Signal an die Öffentlichkeit, aber vor allem auch an die Mannschaft und eigenen Fans, wer im sportlichen Bereich am längeren Hebel sitzt.

Polzin erhält ultimativen Vertrauensvorschuss

Mit dem neuen Arbeitspapier bis wohl 2029 hat man Polzin nicht einfach nur ein verlängertes Datum gegeben, sondern ihm auch eine deutlich gestärktere Position und mehr Macht verschafft. Es ist ebenso ein Zeichen, dass die miserable Anfangsphase der neuen Saison nicht der kurzfristige Maßstab ist an dem Polzin ausschließlich beurteilt wird. Allerdings ist dies auch ein massiver Vertrauensvorschuss, den der 35-Jährige nun zurückzahlen muss.

Merlin Polzin
Merlin Polzin | Selim Sudheimer/GettyImages

Es ist irgendwie durchaus erfrischend zu beobachten, dass man in Hamburg gegen den Trend der entweder vorschnellen oder verspäteten Entscheidungen angeht und seiner Überzeugung, am noch jungen Trainer festzuhalten, Ausdruck verleiht. In einer Zeit, in der es keiner erwarten würde.

Das zeugt in meinen Augen von einem deutlich sattelfesteren Umfeld in der Führungsetage der Rothosen und manchmal ist die größte Stärke eben auch darin zu finden, in der Schwäche stark zu bleiben. Auch damit hatte man an der Elbe in der Vergangenheit schon das eine oder andere Problem und trieb sich nur tiefer in den Abgrund.

HSV bleibt nach Fehlstart cool

Anstelle eines frühen Trainerwechsels, wie er in Gladbach vollzogen wurde, setzt man in Hamburg auf die vermeintlich letzte Patrone von Polzin und stärkt den Trainer, anstatt ihn zu entmachten.

Damit nimmt man sowohl den Trainer als auch die Spieler noch mehr in die Pflicht und wirft nicht nach wenigen Spielen schon alles über den Haufen, wie es bei den Fohlen der Fall war. So vermied man noch mehr Unruhe und bewies kühlen Kopf. Eine Entscheidung, die zumindest fürs Erste von einem kurzen Zwischenerfolg gekrönt war.

"Der Sieg war für sie [...] Ich habe vor dem Spiel schon zu Merlin gesagt: `Das machen wir für euch heute.`Die Arbeit, die sie reinstecken, ist unglaublich."
Remberg über HSV-Trainerteam
HSV-Kapitän Nicolai Remberg
HSV-Kapitän Nicolai Remberg | Selim Sudheimer/GettyImages

Auch aus der Mannschaft lässt sich ablesen, dass die Entscheidung der HSV-Bosse, mit Polzin und seinem Trainerteam während der Krise zu verlängern, der richtige Schritt war. "Der Sieg war für sie, weil wir die ersten drei Spiele auf dem Platz verkackt haben. Der Plan war wirklich gut von ihnen. Deswegen ist der Sieg für sie“, sagte HSV-Kapitän Nicolai Remberg am Samstag. Und Remberg ergänzte, dass Polzin und sein Team Rückendeckung aus der Mannschaft haben. "Da hat keiner gesagt: `Wir sind falsch eingestellt oder der Plan ist falsch`. Deshalb freut es mich umso mehr.

Eine Aussage von HSV-Kapitän Remberg zeigte diesen Rückhalt aber noch deutlicher: "Ich habe vor dem Spiel schon zu Merlin gesagt: `Das machen wir für euch heute.`Die Arbeit, die sie reinstecken, ist unglaublich.“

HSV wirkt wieder reifer

Und genau darin liegt wohl auch die Schönheit dieser Entscheidung. Nach auch schon deutlich wilderen Zeiten in der Vergangenheit präsentiert sich der HSV als unaufgeregter und standhafterer Bundesligist, der aus Überzeugung Entscheidungen trifft und sich nicht von einer zwischenzeitlichen Stimmung treiben lässt.

Auch wenn man es nicht mit den Hanseaten hält, dürfte man zumindest Gefallen an einer solchen Entwicklung nehmen und der Geschichte etwas Erfolg gönnen. Doch die Wahrheit liegt am Ende wie immer auf dem Platz und der Punkteausbeute.


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