Der FC Bayern hat zwar den Franz Beckenbauer Supercup mit 2:1 gewonnen, jedoch haben die Dortmunder die Münchner in Durchgang zwei durchaus vor Probleme gestellt. Viel lässt sich aus dem Spiel noch nicht ablesen, ein paar positive Indizien aus BVB-Sicht allerdings schon. Es wird ein schwieriges Unterfangen, die zuletzt recht große Lücke zum Rekordmeister zu schließen. Doch wird es auch ein unmögliches Unterfangen?
Wir analysieren, ob der BVB den Münchnern in der Saison 2026/27 Paroli bieten könnte.
Pro: Der BVB ist fußballerisch klar besser aufgestellt als zuletzt
- Trotz der ordentlichen Resultate war der BVB-Fußball in den letzten Jahren eher bieder. Dies lag aber nicht nur an Niko Kovac, sondern auch an der fehlenden spielerischen Qualität im Kader. Genau hier haben die Borussen nachgebessert. Mit Giannis Konstantelias und Konstantinos Karetsas kamen zwei junge Griechen, die herausragende technische Qualitäten mitbringen und die Offensive in Sachen Kreativität und Passgenauigkeit enorm bereichern dürften. In diese Kategorie fällt auch der erst 18 Jahre alte Samuele Inácio.
Mit dem wenig attraktiven Ergebnisfußball hat Dortmund zwar den Rest der Liga in Schach halten können, war aber nicht fähig, die Bayern zu attackieren. Dafür muss der BVB auch fußballerisch wieder überzeugender und attraktiver auftreten. Dies kann auch nach hinten losgehen, jedoch sind nach vorne nicht mehr so viele Grenzen gesetzt wie zuletzt.
Kontra: Die Qualität im Kader reicht nicht an Bayern heran
- Trotz der überzeugenden Transferphase sei gesagt, dass der BVB praktisch auf allen Positionen schwächer besetzt ist als die Bayern. Nur wenige Spieler wie Gregor Kobel, ein fitter Nico Schlotterbeck, Felix Nmecha oder Julian Ryerson hätten überhaupt die Chance, in München regelmäßig zum Einsatz zu kommen.
Bayern-Stars wie Michael Olise, Harry Kane oder Luis Diaz verkörpern hingegen pure Weltklasse. Derart starke Akteure haben die Borussen nicht im Kader. Der Qualitätsunterschied zwischen den Münchnern und den Dortmundern macht es ziemlich unwahrscheinlich, dass es in der Endabrechnung zu einer Überraschung kommt. Der FCB hat schließlich nicht nur Top-Einzelspieler, sondern auch einen Top-Trainer und agiert als geschlossenes Team.
Pro: In Dortmund darf endlich wieder Aufbruchstimmung herrschen
- In Dortmund herrscht wieder frischer Wind. Langjährige Borussen wie Niklas Süle und Julian Brandt haben den Verein verlassen und Platz für neue Kräfte geschaffen, die eine Aufbruchstimmung erzeugen können. In diesem Sommer kamen anstelle von mittelklassigen Bundesligaspielern - wie es in den letzten Jahren zu oft der Fall war - junge Top-Talente, die eine neue Ära beim BVB prägen können. Unter Lars Ricken und Ole Book kristallisiert sich eine Philosophie heraus, die wieder mehr an den BVB der Klopp-Ära erinnert.
Der Klub hat die Phase der Stabilisierung in den ersten eineinhalb Jahren abgeschlossen und kann nun eine eigene Spielidentität entwickeln. Derartiges geht mit Risiken, aber auch mit Chancen einher. Gelingt es dem BVB wieder, seine Fans emotional mitzureißen, kann der Klub im Zusammenspiel mit seinen Anhängern eine Power und Dynamik entwickeln, die kaum aufzuhalten ist.
Kontra: Der BVB ist noch relativ unerfahren
- Im Vergleich zum FC Bayern fehlt es dem BVB sicherlich noch ein Stück weit an Erfahrung. Im Supercup war das Dortmunder Team im Schnitt 24,6 Jahre alt und damit vier Jahre jünger als die Bayern-Mannschaft. Zwar waren die Ansätze von Konstantelias, Karetsas und Co. schon vielversprechend, jedoch wird der ein oder andere Spieler wohl noch Zeit benötigen, sich optimal auf die Bundesliga einzustellen und sein volles Potenzial zu entfalten.
Problematisch ist in diesem Zusammenhang sicherlich die Verletzung von Nico Schlotterbeck, der gerade jetzt als Leader gefragt wäre. Andere Routiniers wie Ramy Bensebaini und Marcel Sabitzer scheinen zudem keine große Hilfe mehr zu sein.
Wer mit einem jungen und recht unerfahrenen Team in die Saison geht, muss sicherlich befürchten, dass es gerade zu Beginn empfindliche Rückschläge geben kann. Insbesondere dann, wenn erfahrene Leader-Figuren rar gesät sind oder verletzt fehlen. Die Gefahr besteht, dass Dortmund ein wenig in die Saison stolpert und sich dann Ungeduld breit macht.
Pro: Ist es beim FC Bayern zu ruhig?
- Beim FC Bayern herrscht eine fast schon erschreckend große Harmonie und Ruhe. Abgesehen von der Musiala-Thematik - für die niemand etwas kann - liefern die Münchner kaum Gesprächsthemen. Die Mannschaft harmoniert, die Neuzugänge sind längst integriert und selbst in die Eberl-Hoeneß-Thematik ist Ruhe eingekehrt. Hinzu kommt, dass auf nationaler Ebene zuletzt kein Team an die Münchner herankam.
Stellt sich nur die Frage, ob all das am Ende nicht sogar kontraproduktiv ist. Der FC Bayern hat häufig dann ein besonderes Feuer entfacht, wenn er herausgefordert wurde und es intern auch mal krachte. Vincent Kompany wird es zu verhindern versuchen, jedoch besteht schon ein wenig die Gefahr, dass sich der FC Bayern seiner Sache zu sicher ist und man sich in seiner Überlegenheit ein wenig sonnt.
Zwar besitzt die Mannschaft eine große Mentalität, jedoch reichen beim mutigen, aber auch fragilen Kompany-Fußball schon fünf Prozent weniger, damit das Kartenhaus zusammenfallen kann. Umso wichtiger ist es aus Bayern-Sicht, dass es Charaktere wie Joshua Kimmich gibt, der nach dem Supercup gegen Dortmund den Finger auf die Wunde gelegt hat und - unabhängig vom Ergebnis - Fehler klar ansprach.
Kontra: Kovac musse erst zeigen, dass er mehr als nur verwalten kann
- Beim BVB ist alles auf eine neue Spielkultur und die Entwicklung einer jungen und hungrigen Mannschaft angelegt. Dabei stellt sich allerdings die Frage, ob Niko Kovac das kann. Der Deutsch-Kroate weiß, wie man einer Mannschaft Fleiß, Disziplin und Stabilität einimpfen muss. Genau das hat er in den letzten eineinhalb Jahren gezeigt. Nun ist jedoch die Zeit des Verwaltens vorbei. Kovac muss auf die Talente setzen und ist angehalten, attraktiveren Fußball spielen zu lassen. Dabei betritt der BVB-Coach ein Stück weit Neuland. Kovac scheint bereit zu sein, den eingeschlagenen Weg mitzutragen, nur muss sich erstmal zeigen, ob er dabei auch erfolgreich sein kann. Nicht ausgeschlossen, dass Kovac in den letzten eineinhalb Jahren zwar der richtige Mann war, für die Zukunft aber nicht mehr ist.
Fazit:
- Der BVB steht vor einer spannenden Saison, bei der das Pendel weit nach unten, aber auch weit nach oben ausschlagen kann. Läuft alles perfekt, könnte im Duell mit den Bayern etwas gehen. Allerdings gilt das nur für den Fall, dass die Münchner schwächeln. Läuft bei den Bayern alles einigermaßen nach Plan, werden die Schwarzgelben wohl keine Chance haben. Jedenfalls noch nicht.
Spannend ist jedoch die Frage, wo der BVB in zwei, drei oder vier Jahren stehen wird. Perspektivisch könnte in Dortmund wieder eine Mannschaft auf dem Platz stehen, die dem FCB gefährlich wird. Die Bedrohung bezieht sich also definitiv mehr auf die Zukunft als auf die Gegenwart. Dafür benötigt es aber wohl noch etwas Geduld - und möglicherweise auch einen anderen Coach.
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