Borussia Dortmund hat im Sommer 2026 den Transfermarkt mächtig aufgewirbelt und scheint noch nicht fertig zu sein.
Fest steht bereits, dass die Schwarz-Gelben mit den Verpflichtungen von Joane Gadou (19), Konstantinos Karetsas (18), Giannis Konstantelias (23), Kaua Prates (18), Justin Lerma (18) und Joey Veerman (27) den Kader breiter und qualitativ entwicklungsfähiger machen konnten. Daran ändert auch das gescheiterte Werben um Said El Mala nichts.
Kovac mit mehr Möglichkeiten und weniger Ausreden
Trainer Niko Kovac kann sich darüber freuen, dass er noch deutlich mehr Möglichkeiten bekommt, die Borussen langfristig erfolgreich durch die Saison zu führen - allerdings hat das auch einen gefährlichen Nebenaspekt.

Wenn der Kader bis zum Ende des Transferfensters unverändert bleibt und es zu keinen namhaften Abgängen von Leistungsträgern wie etwa Nico Schlotterbeck oder Felix Nmecha mehr kommt, kann Kovac keine Ausreden in Sachen Kaderqualität oder Tiefe bringen. Er steht nun unter dem Druck, abliefern und entwickeln zu müssen.
Doch wie ernsthaft kann der BVB um Titel mitspielen und was bedeutet der Transfersommer 2026 über die Spielzeit 2026/27 hinaus?
Neue Erwartungshaltung in Dortmund
Zugegeben, bei nahezu allen Sommertransfers des BVB musste ich mit der Zunge schnalzen, denn jeder Name, den der Verein vorgestellt hat, verspricht das Potenzial für rasante und steile Entwicklungen, wie man sie bei Dortmunder Juwelen schon in der Vergangenheit miterleben durfte.
Seien es Namen wie Ousmane Dembele, Jadon Sancho, Jude Bellingham oder Erling Haaland – auch die neue Krabbelgruppe der Hochbegabten beim BVB peilt in etwa genau diese Flughöhe der namhaften Vorgänger an.
Das macht den Ballspielverein Borussia jedoch noch lange nicht zum ernstzunehmenden Konkurrenten für den großen Rivalen FC Bayern München. Diesen Status muss man aber auch nicht in erster Linie ansteuern.
Die Dortmunder Achse ist stark. Mit Kobel, Schlotterbeck, Nmecha und Guirassy verfügt sie über eine namhafte Wirbelsäule, die ihre Qualitäten längst unter Beweis gestellt hat. Darüber hinaus hat Dortmund zahlreiche Kaderbaustellen schließen können und die Verästelungen des ohnehin schon kräftigen Stammes weiter gestärkt.
Auf dem Papier war Dortmund vermutlich lange nicht so stark wie in dieser Saison – doch das birgt ebenfalls große Gefahren.

Die Erwartungshaltung beim Big Player aus dem östlichen Ruhrgebiet ist damit deutlich gestiegen und muss dennoch dosiert behandelt werden.
Dortmunds junge Truppe muss sich in den ersten Wochen der Saison noch finden und einspielen. Nur weil man massiv Qualität an Bord geholt hat, heißt das noch lange nicht, dass die Rädchen ruckzuck ineinandergreifen und alles wie geschmiert läuft.
Umso bedeutender ist nun die Rolle von Cheftrainer Niko Kovac, der beweisen kann, dass er nicht nur ein schlagkräftiges und eng beieinander stehendes Team formen, sondern auch deutlich erkennbare Entwicklungsschritte bei hochkarätigen Talenten vorantreiben kann. Ein anspruchsvoller Spagat, der zeigen wird, aus welchem Holz der gebürtige Berliner wirklich geschnitzt ist.
Dortmund braucht eine DNA-Veränderung
Dortmund braucht - am besten sofort - eine Mannschaft, die um Titel mitspielen kann, um die eigenen Ansprüche zu befriedigen. Zum anderen muss Kovac die millionenschweren Juwelen, zu denen man auch noch Jobe Bellingham sowie die Jungspunde um Mathis Albert, Samuele Inacio, Luca Reggiani, Filippo Mane & Co. zählen muss, aber umgehend vorwärtsbringen.
Der BVB wird vermutlich irgendwann auf deren Verkauf angewiesen sein und muss jeden einzelnen dieser Akteure vorerst noch als gewinnbringendes Investment in die Zukunft betrachten. Und genau da wird das nächste Problem deutlich.

Borussia Dortmund hat den großen Nachteil, dass der Verein auf teure Verkäufe angewiesen ist und in Sachen Mannschaftsbildung nicht so freie Hand hat wie der Rivale aus München.
Während die Bayern ihren Kader standhaft zusammenhalten, lukratives Werben um Starspieler abwenden und das Team punktuell verstärken können, schippert der BVB gefühlt von Umbruch zu Umbruch. Der Verein muss regelmäßig Schlüsselpositionen neu besetzen und ganze Hierarchien neu heranwachsen lassen.
Dieser Umstand verdeutlicht nicht nur, dass Dortmund ein viel weniger starkes Standing als der Rekordmeister aus dem Süden hat, sondern auch, dass man beim BVB irgendwie auch mit seiner eigenen Identität spielt.
Ständig wechselnde Gesichter und die reine Veredelung von Talenten zum schnellen Weiterverkauf sorgen dafür, dass Dortmund nicht nur gezielt ergänzen kann, sondern sich Jahr für Jahr quasi neu erfinden muss. Eine gefährliche Spirale.
Der BVB braucht als Verein den nächsten Schritt
Um wieder den Status eines absoluten Topteams zu erreichen, müsste der BVB seine Mannschaft endlich einmal für zumindest ein paar Jahre zusammenhalten und langfristige Strukturen und Rangordnungen schaffen. Und auch das wird der nächste Entwicklungsschritt von Sportdirektor Ole Book sein müssen.

Book hat mit den zahlreichen Transfercoups dieses Sommers bereits alle Schwarz-Gelben verzückt und in seinen Bann gezogen. Doch nun muss sich auch beweisen, dass die Transferstrategie der Dortmunder Hand und Fuß hat und nicht nur auf verheißungsvolle Namen abgezielt war.
Hier ist Book allerdings auch von Kovac abhängig. Was weitaus wichtiger wäre, ist, sich so aufzustellen, dass man im nächsten Sommer keine sich wiederholende Storyline aufziehen muss. Im besten Fall muss Dortmund in einem Jahr gar keine Käufe tätigen, weil niemand ersetzt werden muss.
Das BVB-Bullshit-Bingo ist ausgelutscht
Der Dortmunder Saisonkreisel wiederholt sich von Spielzeit zu Spielzeit. Vom anfänglichen Abwinken in Sachen mutiger Anspruchshaltung, um die Meisterschaft mitspielen zu können, über große Träume, wenn man in einer Saisonphase doch mal näher an den FC Bayern herankommt, bis hin zur letztlichen Einsicht, dass die Münchner doch nicht erreichbar sind, kennt man das gelb-schwarze Klagelied mittlerweile bestens. Meistens erfolgt die bittere Einsicht nach dem Klassiker in der Rückrunde.

Beim BVB-Bullshit-Bingo sind die Stempel "Die Bayern sind uneinholbar, das war uns von vorneherein klar" und "Wir haben nie vom Titel geträumt, das wurde immer nur von den Medien an uns herangetragen" bereits mächtig abgenutzt und nerven nicht nur Dortmunder Fußballfans.
Der BVB darf seine Perlen jetzt nicht vor die Säue werfen
Borussia Dortmund hat das Potenzial, wieder ein europäischer Topklub zu werden, und darf sicherlich auch große Titelambitionen anpeilen. Vielleicht noch nicht in diesem Jahr, aber auf lange Sicht sicherlich.
Doch dafür sind eben genannte Entwicklungsschritte im kleinen und großen Ausmaß notwendig und vorausgesetzt. Dortmund muss die Keime der Hoffnung wurzeln schlagen lassen und irgendwie hinbekommen, dass sich ein Team auf Langstrecke entwickeln kann, ein Team das Zukunft hat – für Dortmund selbst und nicht für die geiernden Abnehmer, die die Dortmunder Shootingstars mit Kusshand in den Transferfenstern abgreifen.
Mit einem Altersdurchschnitt von 24,7 Jahren hat der BVB derzeit den fünfjüngsten Kader der Liga. Mit Serhou Guirassy und Waldemar Anton sind die beiden ältesten Leistungsträger gerade einmal 30 Jahre alt – der Umbruch ist somit vollzogen. Auch von vermeintlichen Störfaktoren und Altlasten hat man sich gelöst.
Nun muss Trainer Niko Kovac mit mehr Druck und weniger Ausreden zurechtkommen, Ole Book muss nach starken Transfers auch beweisen, dass er einen Kader zusammenhalten und die Dortmunder Spieler von einer Vision überzeugen kann, die das Werben anderer Klubs in den Schatten stellt.

Darüber hinaus muss der BVB seine eigene Anspruchshaltung neu definieren und gegebenenfalls anpassen.
Entweder man bleibt ein reiner Ausbildungsklub, der darauf hofft, aus Versehen irgendwann mal wieder eine Hand an die Meisterschale zu bekommen, oder aber man wird ein in sich wachsender Entwicklungsklub mit dickem BVB-Bizeps, der bald wieder kräftig genug wird, um im Armdrücken mit dem FC Bayern mitzuhalten.
Für Dortmund, seine Fans und den gesamten deutschen Fußball wäre dies die wünschenswerteste Entwicklung.
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