Sollte Bayern für Nico Williams das Festgeldkonto sprengen? - Analyse
Von Fabian Küpper

Bei der EM 2024 verzückte Nico Williams die Fußball-Fans in ganz Europa. Es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis der Schritt von Athletic Bilbao zu einem absoluten Top-Klub erfolgt. Doch stattdessen verlängerte er im letzten Sommer seinen Vertrag bis 2035, womit er unter anderem den Zorn des FC Barcelona und seiner Fans auf sich zog.
Nur ein halbes Jahr später scheint der 23-Jährige seine Entscheidung schon wieder zu bereuen und denkt erneut über einen Tapetenwechsel im Sommer nach. Auch der FC Bayern wurde über den Sinneswandel von Williams informiert.
Sollte der Rekordmeister also zuschlagen? Zwei 90min-Redakteure diskutieren über die Vor- und Nachteile:
Pro: Williams passt perfekt in die Altersstruktur
Williams ist trotz seiner 23 Jahre bereits sehr erfahren und vor allem erfolgreich. Für Athletic Bilbao hat er bereits 193 Pflichtspiele bestritten und neben der EM auch bereits die Copa del Rey nach Bilbao geholt.
Zudem ist er in einem Alter mit Jamal Musiala, Michael Olise und Alphonso Davies. Die Bayern hätten also auf einen Schlag ihre offensive Dreierreihe für die langfristige Zukunft gefunden und müssten sich auf längere Sicht nicht mit schwierigen Entscheidungen auf dieser Position herumschlagen.
Natürlich kann man an dieser Stelle jetzt berechtigterweise Luis Diaz anführen, der eine überragende Debütsaison für die Münchner spielt. Der Kolumbianer ist jedoch sechs Jahre älter als der Spanier – daher wird es hier in naher bis mittelfristiger Zukunft eine Alternative bzw. einen Backup brauchen. Und auch wenn er deutlich teurer wäre, wäre Williams eine bessere Alternative als Said El Mala, da er sich schon international bewiesen hat.
Kontra: Der FC Bayern hat auf Linksaußen keinen Befarf
Zwar war Luis Diaz im Sommer vermeintlich nur die B-Lösung hinter Nico Williams, jedoch hat sich der Transfer voll ausgezahlt. Diaz scort überragend und hat in der Liga 13 Tore und neun Assists in 21 Matches geliefert. Hinzu kommt seine enorme Arbeitsrate und mannschaftsdienliche Spielweise. Aktuell kann man sich keinen besseren Spieler für diese Position wünschen. Zwar ist der Kolumbianer inzwischen Ende 20, jedoch sollte er noch drei bis vier Jahre liefern.
Einen Nico Williams holt man nicht als Rotationsspieler oder gar Ergänzungsspieler. Dafür ist er zu teuer, was sowohl das Gehalt als auch die Ablöse betrifft. Man darf nicht vergessen, dass die Münchner mit Lennart Karl und Serge Gnabry zwei Offensivspieler in der Hinterhand haben, die normalerweise gar nicht in der ersten Elf sind. Dabei gilt es insbesondere, Karl so viel Spielzeit wie nur möglich zu verschaffen. Zwar ist dieser kein klassischer Linksaußen, jedoch kann auch Jamal Musiala nach links rücken, wenn Olise und Karl neben ihm auflaufen. Den Vertrag mit Gnabry hat man bereits verlängert, womit man einen weiteren Backup hat, den man auch nicht von jetzt auf gleich loswerden würde.
Zudem gilt es, der Entwicklung von Wisdom Mike eine hohe Priorität einzuräumen. Der 17-Jährige hat ähnliches Potenzial wie Karl und könnte in der kommenden Saison durchstarten. Die Bayern sind auch ohne Williams ausreichend besetzt - auch perspektivisch.
Pro: Die Signalwirkung
Auch wenn Uli Hoeneß erst kürzlich betonte, dass man auch in diesem Transfersommer keine großen Töne spucken wird: Ein Transfer des 23-Jährigen wäre ein echtes Statement und vor allem eine Ansage an die internationale Konkurrenz.
Die Reputation der Bayern hat schließlich vor allem durch den vergangenen Sommer sehr gelitten. Viele Fans und Experten haben dem Rekordmeister den "Pull-Faktor" abgesprochen, also die Fähigkeit, jeden Spieler zu bekommen, den sie wollen. Mit einem Williams-Transfer würden sie der europäischen Spitze zeigen: Wir sind immer noch da!
Und ja: 100 Millionen Euro sind kein Pappenstiel. Vielmehr würde Williams damit sogar zum Rekordneuzugang des Vereins werden. Aber der Fußball hat sich nun einmal in diese Dimensionen entwickelt. Es ist nicht mehr wie früher, wo man potenzielle Schlüsselspieler wie Franck Ribery und Arjen Robben für jeweils 25 Millionen Euro bekommen hat.
Die Preise der Spieler sind sukzessive angestiegen, weil immer mehr Geld durch höhere Prämien, reichere Geldgeber oder teurere Übertragungsrechte im Umlauf ist. Daher ist die Vision von Uli Hoeneß, auf Dauer ohne teure Transfers weiterhin um die Champions League mitspielen zu wollen, aus der Zeit gefallen.
Unterschiedspieler, wie Williams einer ist, haben ein stolzes Preisschild, weil sie nun einmal Fähigkeiten haben, über die ein Fisnik Asllani oder ein Franculino nicht verfügen. Deshalb muss man für Williams über seinen Schatten springen – auch, weil die Vorteile die Nachteile aufwiegen.
Kontra: Bayern sollte Spielern nicht hinterherrennen
Der FC Bayern ist Nico Williams bereits im letzten Sommer lange hinterhergelaufen. Allerdings gab es nie ein wirkliches Zeichen dafür, dass der Spanier damit geliebäugelt hat, sich dem FC Bayern anzuschließen. Die Versuche der Münchner wirkten eher verzweifelt, wenngleich unklar ist, ob die Bemühungen wirklich so lange anhaltend waren, wie von einigen Medien suggeriert.
Es ist aber nun mal fast immer so, dass ein spanischer Nationalspieler lieber bei Real Madrid oder beim FC Barcelona spielt - und ein Engagement beim deutschen Rekordmeister nicht als übermäßig attraktiv erachtet. Bei Williams ist die Sache nochmal komplexer. Immerhin hat er im Sommer ein Bekenntnis zu Athletic Bilbao geliefert, indem er seinen Vertrag bis 2035 (!) verlängert hat. Selbst dem FC Barcelona hat der Linksaußen einen Korb gegeben - und doch waren die Blaugrana deutlich näher an einer Williams-Verpflichtung als die Bayern.
Es macht wenig Sinn, einen Spieler so lange nachzulaufen, wie es Hasan Salihamidzic bei einem gewissen Callum Hudson-Odoi gemacht hat. Die Münchner brauchen Akteure, die für den Verein brennen und mit Herzblut bei der Sache sind. Nur dann können sie auch den enormen Einsatz auf den Platz bringen, den die Kompany-Spielweise erfordert. Bei Williams hat man nicht das Gefühl, dass er den FC Bayern als Top-Ziel ansieht.
Pro: Seine Flexibilität & Spielweise
Die Bayern haben in dieser Saison die Vorzüge eines kleinen Kaders entdeckt. Da ist es umso wichtiger, dass viele Spieler polyvalent einsetzbar sind, gerade in der Offensive. Williams würde sich hier perfekt einreihen.
Denn auch, wenn er primär auf dem linken Flügel zuhause ist, kann er auch schon 76 Spiele als Rechtsaußen vorweisen. Vincent Kompany könnte den Spanier also beliebig auf den Außen hin und her schieben. So gäbe es auch die Möglichkeit, Michael Olise noch mehr Verschnaufpausen zu gönnen.
Hinzu kommt, dass Williams von seinem Spielstil perfekt zu Bayern passt: Er ist ein Spieler, der immer den Weg in die Tiefe sucht, zudem mit viel Mut agiert und aggressiv im Pressing ist. All das sind Aspekte, auf die Kompany in seinem System Wert legt.
Mit Bilbaos Nummer zehn bekämen die Bayern zudem wieder einen echten Speedster. Dieser ist in meinen Augen weder Olise noch Diaz. Olise kommt mehr über das Dribbling, während Diaz eher durch Tricks und überraschende Aktionen für Raumgewinn oder Torgefahr sorgt. Mit Williams und seinen gefährlichen Tiefenläufen hätten die Bayern noch stärker das vertikale Element in ihrem Spiel und wären insbesondere in den wichtigen K.o.-Spielen der Champions League noch schwerer auszurechnen.
Kontra: EM-Hype überstrahlt mäßige Zahlen
Nico Williams hat eine ganz starke EM 2024 gespielt und seinen Beitrag zum spanischen Titelgewinn geleistet. Daran besteht überhaupt kein Zweifel. Der große Erfolg hat allerdings auch zu einem übertriebenen Hype des Spielers geführt. Wirklich herausragend sind seine Performances bei Athletic Bilbao zahlenmäßig schließlich schon lange nicht mehr.
In der Saison 2024/25 lieferte er lediglich zehn Scorer in La Liga. Zwar kamen immerhin sieben Torbeteiligungen in der Europa League hinzu, jedoch kann man hier keineswegs von einem Spieler sprechen, der eine Top-Effizienz aufweist. In der Spielzeit 2025/26 hat sich daran rein gar nichts geändert. Bis jetzt steht Williams bei vier Toren und sechs Vorlagen in 27 Pflichtspielen, was für einen Außenstürmer schlichtweg nur mittelmäßig ist. Zwar hat und hatte Williams auch mit Leistenproblemen zu kämpfen, jedoch sind gerade solche Beschwerden oftmals hartnäckig.
Folgerichtig muss man sich da schon die Frage stellen, ob Williams mehr ist als nur ein gehypter EM-Star. Im Klub-Fußball ist er auf europäischer Ebene eher noch ein kleines Licht. Dafür sind die gehandelten Summen völlig überzogen. Man vergleiche nur, was die Bayern-Offensivkräfte für Scorer-Zahlen liefern, wenngleich dies zugegebenermaßen leichter ist als in Bilbao.
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