"WM-Stimmung: So lala" - Die WM-Kolumne von Nadine Angerer

Nadine Angerer
Nadine "Natze" Angerer
Nadine "Natze" Angerer /
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Nadine Angerer analysiert für 90min die Weltmeisterschaft in Katar. In ihrer zweiten Kolumne blickt die Weltmeisterin von 2003 und 2007 auf die ersten beiden Gruppenspiele des DFB-Teams und wagt eine Prognose für das Duell gegen Costa Rica. Außerdem verrät sie, warum es bei dieser WM keinen klaren Favoriten gibt und wie sie die bisherigen Torhüterleistungen bei der WM bewertet.


Die WM ist erst zehn Tage alt, die Vorrunde noch nicht zu Ende - und trotzdem hat die deutsche Mannschaft schon ein kleines Wechselbad der Gefühle hinter sich. Das 1:2 zum Auftakt gegen Japan war nicht nur ein sportlicher, sondern auch ein großer mentaler Rückschlag. Manuel Neuer und Co. hatten gegen die Samurai Blue den Turniermodus noch nicht gefunden und durften sich am Ende nicht beschweren, trotz einer Fülle an Chancen mit leeren Händen dazustehen.

Ein vollkommen anderes Gesicht zeigte das DFB-Team gegen Spanien. Siegeswille, Einsatz, Teamgeist - plötzlich fand ich all die klassischen deutschen Tugenden auf dem Platz wieder, die ich gegen die Japaner vergeblich gesucht hatte. Dass am Ende mit Niklas Füllkrug genau der Spieler zum Ausgleich trifft, der diese Tugenden am besten verkörpert, passt ins Bild.

Gegen Costa Rica machen wir das Achtelfinale klar

Im entscheidenden Duell gegen das tiefstehende Costa Rica wird Hansi Flick den bulligen Mittelstürmer aller Voraussicht nach von Beginn an bringen. Das hat sich Füllkrug verdient. Ich bin allerdings noch unsicher, ob er in der Startformation den gleichen Einfluss aufs Spiel nehmen kann wie als Joker.

Unabhängig von Personalfragen glaube ich, dass wir gegen Costa Rica das Achtelfinale klarmachen. Natürlich muss die Mannschaft mit derselben Konzentration ins Spiel gehen wie gegen Spanien und darf die Mittelamerikaner auf keinen Fall auf die leichte Schulter nehmen. Die Japaner können davon ein Lied singen - und der DFB, denken wir an Südkorea vor vier Jahren, auch. Aber diesmal wird unsere Elf dem Druck standhalten und das entscheidende Gruppenspiel gewinnen.

WM-Stimmung? So lala

Insgesamt glaube ich, dass sich Deutschland vor den anderen Nationen nicht verstecken muss. Bis jetzt hat mich noch keine Nation, sei es Brasilien, Frankreich oder die anderen üblichen Verdächtigen, vom Hocker gehauen. Positiv überrascht hingegen bin ich von den afrikanischen Teams, die alle einen guten Eindruck machen, und von den Kanadiern. Die Mannschaft um Bayern-Star Alphonso Davies muss nach zwei Niederlagen zwar schon frühzeitig die Koffer packen. Dennoch hat es Spaß gemacht, dieser Truppe und ihrem aktiven Spielansatz zuzuschauen.

Ganz anders kommen mir die Belgier vor, die ihrer Rolle als Geheimfavorit bislang überhaupt nicht gerecht werden. Von außen sieht es so aus, als würde es in der Kabine der Roten Teufel heftig rumoren - so ist es natürlich schwer, bei einer WM zu bestehen.

Nach wie vor fällt es mir schwer, die WM aus einer rein sportlichen Warte aus zu betrachten und die politischen Umstände auszublenden. Auch wenn ich Fußball liebe und das Turnier so langsam Fahrt aufnimmt, fällt es mir schwer, mit denselben Emotionen mitzufiebern wie üblich. Auch in meinem Freundeskreis hält sich die Euphorie in Grenzen. Etwa die Hälfte meiner Bekannten hat sich zu einem Boykott entschlossen und sieht sich keine einzige Partie an. Und die Einschaltquoten zeigen ja auch mehr als deutlich, dass eine WM in Katar einfach keinen Spaß macht.

"Mund zu"-Aktion gegen Japan

In den USA, meinem zweiten Heimatland, sieht es ein wenig anders aus. Die Fans lassen sich von den politischen Umständen nicht davon abhalten, wie eine Eins hinter ihrem Team zu stehen. Das ist in allen Sportarten so und bedeutet natürlich nicht, dass den Amerikanern das politische Interesse fehlt. Davon konnte ich mich nach dem deutschen "Mund zu"-Protest gegen Japan selbst überzeugen. In dutzenden Nachrichten haben mir meine amerikanischen Bekannten geschildert, wie sehr sie der deutsche Mut beeindruckt hat. Das fand ich erstaunlich, zumal die DFB-Elf im eigenen Land eher kritisiert wurde.

Eine Anmerkung noch zu einem Bereich, den ich natürlich besonders genau verfolge: Das Torwartspiel. Bereits nach zwei Spieltagen ist klar, dass sich der Trend der mitspielenden Torhüter konsequent fortsetzt. Bei so gut wie allen Nationen werden die Schlussmänner wie elfte Feldspieler behandelt und konsequent ins Spiel eingebunden. Besonders augenfällig ist dieser Ansatz bei den Spaniern, wo Unai Simón selbst unter größtem Druck die Ruhe behalten und das Leder kontrolliert an den Mann bringen muss. Ganz ehrlich: Wenn ich da an meine aktive Zeit denke, stockt mir manchmal doch der Atem.


Nadine Angerer (44) lief in ihrer Karriere 146 Mal für die deutsche Nationalmannschaft auf und gewann 2003 und 2007 den WM-Titel. Darüber hinaus wurde sie in ihrer Karriere fünf Mal Europameisterin und erhielt 2013 die Auszeichnung als Weltfußballerin und als Europas Fußballerin des Jahres. Heute arbeitet die zweimalige Deutsche Meisterin als Director of Goalkeeping bei den Portland Thorns in der US-amerikanischen National Women's Soccer League (NWSL).


Spanien vs Deutschland: Die Analyse mit Tobias Escher


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