Turbine Potsdam

Vorschau Potsdam: Wie verkraftet die Turbine den Umbruch ?

Helene Altgelt
Letzte Saison gelangen der Einzug ins Pokalfinale und der vierte Platz - jetzt muss Potsdam einen Umbruch bewältigen
Letzte Saison gelangen der Einzug ins Pokalfinale und der vierte Platz - jetzt muss Potsdam einen Umbruch bewältigen / Frederic Scheidemann/GettyImages
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Als Traditionsverein konnte Turbine Potsdam lange gegen Wolfsburg, Bayern und co. mithalten und um die vorderen Plätze mitspielen. Mit dem Riesen-Umbruch diesen Sommer könnte das erstmal vorbei sein, statt Champions-League-Träumen geht es mit einem neuen Trainer und Präsidenten erstmal um Konsolidierung.


Zuletzt dreimal auf dem undankbaren vierten Platz

Aller guten Dinge sind drei, heißt es – auf Turbine Potsdam trifft das perfekt zu. In den vergangenen drei Saisons stand der Verein am Ende auf Platz vier. Aber sind diese Platzierungen ein "gutes Ding", oder nicht? Zwei Lesarten sind möglich. Die erste: Turbine Potsdam ist ein Traditionsverein, der bei Trainingsbedingungen und Finanzen deutlich hinter den "Großen" der Liga steht. Mit ihnen mitzuhalten ist daher ein Erfolg, der langfristig gesehen aber sowieso unrealistisch war.

Die zweite: Die Champions League mit ihrem erhöhten Preisgeld wäre für Potsdam die einzige Chance gewesen, weiter vorne mitzuspielen. Frankfurt, ehemals auch ein Traditionsverein, aber jetzt unter dem Dach der Eintracht, konnte es sich leisten, das Ziel letzte Saison zu verfehlen. Jetzt stehen sie vor Potsdam, die das Geld vermutlich mehr nötig gehabt hätten.

Strukturelle Probleme: Langfristige Planung versäumt

Aber auch ein Champions-League-Platz hätte nicht alle Probleme gelöst. Einige Leistungsträgerinnen hatten sich bereits im Winter oder Frühjahr, als Turbine noch mittendrin war im Rennen, für einen Wechsel entschieden. Dass so viele Verträge ausliefen – 14 Spielerinnen verließen den Verein - , ist auch ein Zeichen von mangelhafter langfristiger Planung. Präsident Kutzmutz, seit Jahren eine umstrittene Figur, trat zum Ende der Saison zurück, da er, anders als der Vorstand, die Zusammenarbeit mit Sofian Chahed fortführen wollte.

Kutzmutz steht für eine gesamte Führung, die, wie es die ehemalige Nationalspielerin Tabea Kemme sagt, Wandel und neue Ideen aktiv verhindern will. Seilschaften sichern gegenseitig die Macht. Vor diesem Hintergrund war schon lange klar, dass die Turbine eine ordentliche Entrostung benötigt, um weiterhin zu funktionieren. Nun wird diese Entrostung gezwungenermaßen auch sportlich stattfinden - das bereits in der letzten Saison junge Team wird nun noch mehr auf gute Leistungen der Talente setzen. 

Extremer Umbruch, Abrutsch in der Tabelle möglich

Das Modell, Talente auszubilden, funktionierte jahrelang gut. So machten etwa Selina Cerci und Melissa Kössler (beide 22) bei Potsdam den nächsten Schritt und entwickelten sich sehr gut weiter. Nun sind beide zu Liga-Konkurrenten gewechselt und Potsdam steht mit leeren Händen da – ein wohlbekanntes Schicksal für weniger finanzstarke Vereine. Andere in der Bundesliga, wie Freiburg, reagieren darauf mit mehr Professionalisierung, aber Potsdam steht nicht einfach so ein großes Stadion mit hervorragenden Trainingsanlagen zur Verfügung.

Potsdam könnte sich also eher in eine Reihe mit Essen und Sand einreihen. Sand ist letzte Saison in die zweite Bundesliga abgestiegen, die SGS musste lange kämpfen. Das Abstiegsgespenst geht um bei den Traditionsclubs in Deutschland. Potsdam sollte es schaffen, die Klasse zu halten, aber ein Abrutschen in der Tabelle ist dennoch wahrscheinlich.

Für Sebastian Middeke hat in seiner ersten Saison als Trainer auch ein solides Abschneiden Priorität, wie er im Interview mit 90min sagte: "Das wird ein Riesen-Brett für uns dieses Jahr. Neun Stammspielerinnen haben den Verein verlassen. Wir wollen diesen Umbruch gut meistern und damit auch den Liga-Verbleib sichern und uns im Mittelfeld festigen."

Junge Neuzugänge, Verletzungsprobleme in der Vorbereitung

Die Neuzugänge sind zum größten Teil unter 23 und in der Kategorie "Talente" einzuordnen. Allerdings vermutlich nicht so große wie Cerci, die davor schon bei Bremen auf sich aufmerksam machen konnte. Diese Bundesliga-Luft haben wenige der Neuzugänge schon geschnuppert. Auch der neue Trainer Sebastian Middeke, zuvor bei Meppen, nicht. Viele der Neuen kommen aus der zweiten Bundesliga, einige Spielerinnen wurden aus Potsdams Jugendbereich hochgezogen. Vielleicht wächst dort etwas, aber dieses Jahr wird es für das Team noch zu früh sein, um vorne anzugreifen.

Angesichts der hohen Fluktuation ist Potsdam schwer einzuschätzen. Neben Kössler und Cerci gingen auch Spielerinnen wie Barth und Agrez, Isabel Kerschowski beendete dazu ihre Karriere. Auch die Defensive wird also sehr wahrscheinlich unter dem Umbruch leiden. Verletzungsprobleme in der Vorbereitung verschärfen das Problem. Von den Leistungsträgerinnen der letzten Saison sind nicht viele geblieben, andere Spielerinnen können und werden jetzt vorangehen, auch wenn sie selbst noch nicht so lange im Verein sind.

Schlüsselspielerinnen: Talente müssen Leistung bringen

Etwa Innenverteidigerin Teninsoun Sissoko. Die Französin konnte sich letztes Jahr prompt bei Potsdam etablieren und wird nun vermutlich die Abwehrkette anführen. Im Sturm soll die 20-Jährige Sophie Weidauer, von der U20-WM in Costa Rica zurückgekehrt, an ihre starken Leistungen im Vorjahr anknüpfen. In der letzten Saison kam sie auf sechs Tore und drei Vorlagen, wobei ihre Schnelligkeit und Effizienz Weidauers Trümpfe sind.

Das österreichische Talent Maria Plattner könnte im offensiven Mittelfeld mehr Minuten sammeln als letzte Saison, allerdings fällt sie momentan mit einem Schlüsselbeinbruch aus. Von den Neuzugängen ist die Polin Martyna Wiankowska vermutlich die Aufregendste, sie gilt als durchsetzungsstarke und intelligente Mittelfeldspielerin.

Der Trainer: Middeke will mit Effizienz und Leidenschaft punkten

Trainer Sebastian Middeke war zuvor sechs Jahre lang dem SV Meppen tätig gewesen, von einem vierwöchigen Intermezzo bei Berghofen mal abgesehen. Er will einen effizienten Fußball spielen, der die Stärken seiner Mannschaft maximiert, wie er sagte: "Wir müssen uns nicht über irgendwelche schönen Spielereien unterhalten, die nachher überhaupt nicht zielführend sind. Was bringt uns ein Schönwetter-Fußball, wenn wir am Ende nicht effektiv sind?"

Middeke zählt zudem auf die Bereitschaft seiner Spielerinnen, alles zu geben: "Was uns dieses Jahr auszeichnen kann und soll, ist dieser absolute Wille, diese Leidenschaft, sich für den Verein zu zerreißen. Zu erkennen, in welcher Situation wir uns befinden, sich der Verein befindet und dann aus dem heraus leidenschaftlichen Fußball zu spielen."

Falls diese Mischung aus Effektivität und Leidenschaft aufgeht, sollte es für Potsdam möglich sein, die Saison schadenlos zu überstehen. Auschlaggebend wird dafür auch, wie schnell das Team sich das findet und ob es den jungen Spielerinnen gelingt, mit dem Druck umzugehen und das Team anzuführen.


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