Dass der Hamburger SV in dieser Saison ein Problem bei Kopfballduellen, vor allem in seiner eigenen Defensive, hat, ist wohl unstrittig. Acht Gegentore mussten die Hamburger bereits als Folge von Standardsituationen hinnehmen. Und da sind Tore wie in Regensburg in der Hinrunde (als Letschert ein Kopfballduell in der Mitte der eigenen Hälfte verlor und aus dem dann resultierenden Spielzug das 2:2 für den Jahn fiel) oder zuletzt in Fürth, als Nielsen aus dem Spiel heraus eine schöne Flanke von links per Kopf verwertete, noch gar nicht eingerechnet. Und jetzt kommt auch noch eine der kopfballstärksten Mannschaften in den Volkspark.


Die Aufgabe für Trainer Dieter Hecking und seine Mannen ist quasi mit der Quadratur des Kreises vergleichbar. Wie willst du mit einer relativ "kleinen" Abwehr (keiner der Hamburger Defensivspezialisten kommt über die 1,90 Meter-Marke hinaus) gegen kopfballstarke Mannschaften bestehen? Zumal auch der Torwart hier keine Hilfe darstellt. Denn Heuer Fernandes hat seine Stärken definitiv auf der Linie. Was das Abfangen von Flankenbällen betrifft, gibt es da noch erheblichen Steigerungsbedarf. Und auch deshalb wird es in den kommenden Wochen und Monaten auf dieser Position nicht ruhiger werden.


Hamburger Medien wie die Morgenpost spekulierten zuletzt sogar vorsichtig, ob nicht schon an diesem Spieltag, beim Spitzenspiel gegen die Ostwestfalen, Julian Pollersbeck eine Chance bekommen könnte. Doch der laboriert noch an den Folgen einer Knöchelverletzung. Zudem ist Hecking nicht dafür bekannt, in hektischen Aktionismus zu verfallen. Gerade auf der neuralgischen Torwartposition sollte Klarheit herrschen. Ein Wechsel im Tor im letzten Viertel der Saison könnte dem sprichwörtlichen Kinde mit dem Bade ausgießen gleichkommen.


Gegner erst gar nicht zum Flanken kommen lassen


Nein, Hecking muss andere Lösungen finden. Aber welche? Die Spieler werden bis zum Saisonende nicht mehr an Körpergröße zulegen. Steigerung der Sprungkraft? Kann man trainieren, würde zu diesem Zeitpunkt aber wohl auch nicht mehr viel bringen. Hecking selbst kommentiert schon vor längerer Zeit gegenüber der Rautenperle: "Wir müssen schon vorher besser verteidigen!" Recht hat er. Denn wenn du das entsprechende Personal nicht hast, kannst du dich zwar im Kreis drehen - kommst aber immer wieder am selben Ausgangspunkt an.


Eigentlich war für die Lösung dieses Problems (das schon aus der vergangenen Saison stammt) der Brasilianer Ewerton vorgesehen. Hecking hielt große Stücke auf den früheren Nürnberger, hob vor allem dessen sauberen Spielaufbau hervor. Und seine Kopfballstärke! Zu sehen war davon bislang wenig bis nichts. Auch aufgrund der permanenten Verletzungen des Spielers. Und so werden die Rothosen in dieser Spielzeit wohl nicht mehr von Ewertons vermeintlichen Stärken profitieren.


Spielt weiterhin keine große Rolle beim HSV: David Kinsombi

Also bleibt nicht viel mehr, als an der Grundordnung und an der Grundeinstellung zu basteln, um so dem Gegner möglichst selten die Möglichkeit zu geben, Flanken in den HSV-Strafraum zu schlagen. Vielleicht könnte man das defensive Mittelfeld etwas massifizieren, Adrian Fein einen kämpferischen Partner zur Seite stellen. Doch wer soll das sein? Gideon Jung, auf den dieses Profil am ehesten passen würde, fällt ebenso wie Ewerton bis auf Weiteres aus. Auch er könnte die letzten Saisonspiele allesamt verpassen. Und mehr Optionen hat Hecking eigentlich nicht. David Kinsombi läuft seiner Form aus Kiel auch nach neun Monaten in Hamburg immer noch hinterher. Und Christoph Moritz ist eher ein Achter denn ein Sechser.


Christoph Moritz als zusätzliche Absicherung im Mittelfeld?

Aber selbst mit einer defensiveren Grundordnung wird man gegnerische Flankenbälle über neunzig Minuten natürlich nicht vermeiden können. Und leider, leider reichen manchen Gegnern schon ein oder zwei gut geschlagene Hereingaben, um zum Torerfolg zu kommen. Ich wage jetzt schon mal eine Prognose: Wenn die Arminia in Hamburg trifft, dann mit Sicherheit per Kopf.


Am Ende ist es auch eine Mentalitätsfrage


A propos treffen: Helfen würde natürlich auch, die eigenen Chancen mal konsequent zu nutzen. Denn statt in Fürth über den späten Ausgleichstreffer zu lamentieren (der in dieser Form immer fallen kann), hätte man sich lieber die Haare über die teils groteske Chancenverwertung in den Minuten zuvor raufen sollen. Bei 3:1 oder 4:1-Führung kann der Gegner dann auch gerne in der 4. Minute der Nachspielzeit treffen.


Zusammengefasst und auf einen Nenner gebracht: Was jetzt von der Truppe in den letzten acht Spielen gefordert ist, ist Galligkeit. Galligkeit, Tore machen zu wollen und Galligkeit in der Defensive. Dem Gegner muss von Anfang an klar gemacht werden, dass gegen den HSV nichts zu holen ist. Wenn die Mannschaft das schafft, kann (und wird) sie aufsteigen. Wenn nicht, sehen wir uns auch im nächsten Jahr in Liga 2 wieder.