"Umbruch beim DFB: Warum nicht mal eine Frau?" - Die WM-Kolumne von Nadine Angerer

Nadine Angerer
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Nadine Angerer analysiert für 90min die Weltmeisterschaft in Katar. In ihrer dritten Kolumne wirft die Weltmeisterin von 2003 und 2007 einen Blick zurück auf die Viertelfinal-Überraschungen und wagt eine Prognose, welchen der verbleibenden vier Nationen der Finaleinzug gelingt. Außerdem beschäftigt sich die 146-fache Nationalspielerin mit der Krise des DFB und fragt sich, wie der deutsche Fußball zurück in die Erfolgsspur finden kann.


Uff - Das Viertelfinale hatte es in sich! Emotionen, Elfmeter, Überraschungen: Von der argentinisch-niederländischen Kartenflut über das Scheitern der Brasilianer bis hin zum marokkanischen Fußballwunder war wirklich alles dabei.

Fangen wir bei den beiden großen Überraschungen an. Dass sich Underdog Kroatien gegen die Fußballkünstler der Seleção durchsetzen würde, hätte ich nicht gedacht. Die Brasilianer waren für mich ein klarer Turnierfavorit und besaßen gegenüber den kampfstarken Kroaten zweifellos auch die höhere Qualität. Aber die Elf um Altmeister Luka Modric hat uns wieder einmal gezeigt, dass mannschaftliche Geschlossenheit im Zweifel mehr zählt als die individuelle Klasse.

Wer uns diese alte Fußballweisheit noch eindrucksvoller vor Augen führt, sind die Marokkaner. Zuerst Spanien ausgeschaltet, nun auch noch Portugal rausgeworfen: Der erste afrikanische WM-Halbfinalist hat schon jetzt Geschichte geschrieben. Mich würde es nicht vollkommen überraschen, wenn Marokko nun auch gegen Titelverteidiger Frankreich für die Sensation sorgt. Natürlich sind die Franzosen klar favorisiert. Aber Marokko schwimmt inzwischen auf einer so gewaltigen Erfolgswelle, dass selbst die kühnsten Träume wahr werden können.

Ronaldo, Messi und die Elfmeter

Geplatzt ist hingegen der WM-Traum von Legende Cristiano Ronaldo. Der 37-Jährige hat ein Turnier zum Vergessen hinter sich, wurde von Trainer Fernando Santos zum Reservisten degradiert und war wohl auch innerhalb des Teams nicht unumstritten. Die Unruhe um den Superstar hat den Portugiesen sicher nicht geholfen. Ich glaube aber dennoch, dass CR7 in der Berichterstattung etwas zu schlecht wegkommt. Er ist nicht mehr der Ausnahmekönner von früher, das stimmt. Dennoch wäre er für die europäischen Spitzenteams nach wie vor eine Bereicherung, auch wenn er nicht jedes Spiel über die volle Distanz bestreiten kann. Ich hoffe jedenfalls, dass er dem Ruf des saudischen Geldes widersteht und seine grandiose Karriere würdevoller beendet.

Würdevoller hätte sich auch Ronaldos großer Rivale Lionel Messi verhalten können. Was den genialen Argentinier nach dem Sieg über die Niederlande so zur Weißglut trieb, bleibt für mich ein Rätsel. Provokation hin, Schiri-Ärger her: Messis und die argentinischen Pöbeleien gehen gar nicht! Selbstverständlich würde es mich trotzdem freuen, wenn der vielleicht beste Fußballspieler aller Zeiten doch noch seinen lang ersehnten WM-Triumph feiern kann. Gegen Kroatien hat die Albiceleste zumindest auf dem Papier die besseren Karten.

Noch ein Wort zum Thema Elfmeter: Spaniens inzwischen ehemaliger Nationaltrainer Luis Enrique hatte seine Mannschaft vor der WM dazu gedrängt, intensiv Strafstöße zu üben. Ganz anders sah es Marokko-Coach Walid Regragui, der von einer Vorbereitung auf ein potenzielles Elfmeterschießen nichts wissen wollte. Das Ergebnis kennen wir ja. Ich persönlich sehe die Dinge genauso wie Regragui. Diese enorme Drucksituation, die oft sogar die absoluten Top-Spieler überfordert, lässt sich im Training einfach nicht simulieren. Egal, ob man auf dem Trainingsplatz laute Musik oder Fangeräusche einspielt oder andere Tricks anwendet: Es ist einfach nicht das gleiche wie im Spiel. Deshalb würde ich auch nie meine fünf besten Schützen zum Elfmeter antreten lassen, sondern versuchen, die fünf mit dem stabilsten Nervenkostüm zu finden.

Dem DFB fehlt die Menschlichkeit

Von Elfmeterschießen kann die deutsche Nationalmannschaft leider nur träumen. Das erneute Vorrunden-Aus tut auch nach knapp zwei Wochen noch richtig weh. Ich finde es richtig, dass der DFB nun personelle Konsequenzen gezogen und sich von Oliver Bierhoff getrennt hat.

Insgesamt sehe ich aber ein grundsätzliches Problem beim DFB. Die Entscheidungsträger sind viel zur sehr auf Schein statt Sein fokussiert, haben viel zu große Angst um ihre eigenen Pfründe und bringen noch dazu eine erstaunliche Arroganz mit, die sich spätestens mit dem abermaligen Scheitern in der Gruppenphase gerächt hat. Dem DFB fehlt es an Menschlichkeit und Führungspersönlichkeiten, die auch mal gegen den Strom schwimmen und mehr sind als Marionetten in einem Riesen-Business.

Wenn ich mir ansehe, wer nun als Nachfolger von Oliver Bierhoff oder als neuer Sportdirektor gehandelt wird, fällt mir eines auf: Frauen sucht man in der Debatte vergeblich. Das finde ich doch bemerkenswert. Wer glaubt, dass es keine geeigneten Kandidatinnen für die DFB-Führung gibt, hat in den vergangenen Jahren einiges verpasst. Meine ehemalige Bundestrainerin Silvia Neid zum Beispiel, um nur einen Namen zu nennen, bringt alle Voraussetzungen mit, um den deutschen Fußball zurück in die Erfolgsspur zu führen. Sie hat sich große sportliche Verdienste erworben, kennt sich bestens mit den Verbandsstrukturen aus und würde mit ihrer Geradlinigkeit und uneitlen Art auch das Vertrauen der Fans wiedergewinnen. Also lieber DFB: Gerne über den Tellerrand hinausschauen!


Nadine Angerer (44) lief in ihrer Karriere 146 Mal für die deutsche Nationalmannschaft auf und gewann 2003 und 2007 den WM-Titel. Darüber hinaus wurde sie in ihrer Karriere fünf Mal Europameisterin und erhielt 2013 die Auszeichnung als Weltfußballerin und als Europas Fußballerin des Jahres. Heute arbeitet die zweimalige Deutsche Meisterin als Director of Goalkeeping bei den Portland Thorns in der US-amerikanischen National Women's Soccer League (NWSL).


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