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Schalke: Die aktuelle Kritik an Ludewig trifft den Falschen

Dec 1, 2020, 9:50 AM GMT+1
Kilian Ludewig
Kilian Ludewig hat für S04 jedes Spiel in der Startelf gestanden | DeFodi Images/Getty Images
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Schalke kann auch weiterhin nicht überzeugen, viele einzelne Spieler dementsprechend auch nicht. Kilian Ludewig war einer, der am vergangenen Samstag deutlich mehr Kritik abbekam, als noch vor wenigen Wochen. Dabei trifft diese Kritik am 20-Jährigen den Falschen - sie müsste der mangelhaften Kaderplanung gelten. Ein Kommentar.

Kurz vor dem Ende der Transferphase, die im frühen Oktober endete, präsentierte Schalke 04 schlussendlich Kilian Ludewig als neuen Rechtsverteidiger. Seit einer gefühlten Ewigkeit hatte man nach einem Spieler für diese Position gesucht, nachdem eine erneute Leihe von Jonjoe Kenny - nicht überraschend - kein Thema war.

Ludewig war bis zu diesem Zeitpunkt von RB Salzburg an den FC Barnsley ausgeliehen. Ein Verein, der in der zweiten englischen Liga, der Championship, spielt und ganz aktuell auf dem 16. Tabellenplatz steht. Dass der gebürtige Hamburger nun zum S04 kam, und dass er überhaupt erst ins blau-weiße Visier geraten war, hat man am Ende Manuel Baum zu verdanken. Er kannte ihn bereits aus der U-Nationalmannschaft, hielt viel von ihm und konnte so den Kontakt herstellen. Wäre Baum also nicht gewesen, würde Schalke noch heute ohne einen einzigen gelernten Rechtsverteidiger auflaufen.

Überspielt, fehlerhaft und keine Bundesliga-Tauglichkeit?

Nun ist aber nicht mehr Anfang Oktober, sondern Anfang Dezember. S04 hat am vergangenen Wochenende mit 1:4 gegen Borussia Mönchengladbach verloren, mehrmals stand die Ludewig-Seite bei Gegentoren im Rampenlicht. Insgesamt war es kein allzu schlechtes Spiel, was er gezeigt hatte. Dass er lediglich drei seiner sechs Zweikämpfe gewinnen konnte, 14 Ballverluste zu verzeichnen hatte und bei den schnellen Umschaltsituationen der Gastgeber teilweise zu spät zu kommen schien, ist nichts, was bei einer solch klaren Niederlage aus dem Rahmen fällt.

Starke Kritik an ihm gab es trotzdem. Sowohl nach den einzelnen Gegentoren, sowie zur Halbzeit und zum Schlusspfiff. Ein paar Fans schrieben auf Twitter von fehlender Bundesliga-Tauglichkeit, von einem enorm fehlerhaften Spiel und dass Ludewig sichtbar überspielt und der Lage nicht gewachsen sei. Das mag der erste Impuls sein, wenn man manche der Gegentore sieht und alle Spieler auf eine und die gleiche Stufe stellt. Gerecht wird es ihm aber nicht, zumal die Kritik an dieser Stelle auch den Falschen trifft.

Kilian Ludewig
Auch gegen Gladbach stand Kilian Ludewig wieder in der S04-Startelf | Lars Baron/Getty Images

Vergegenwärtigen wir uns mal die Ausgangslage: Schalke hat mit viel Glück einen Rechtsverteidiger ausleihen können. Die große Auswahl gab es weder zu dem Zeitpunkt, noch mit dem Geldbeutel. Ludewig ist 20 (!) Jahre alt, hat für Salzburg nicht ein einziges Profispiel absolviert und bei Barnsley zwar 25 Einsätze sammeln können, doch sind die Championship - bei aller nicht zu unterschätzenden Qualität der Liga - und die Situation des Klubs doch in keinster Weise mit der von Königsblau in der Bundesliga zu vergleichen.

Schalke ist der unruhigste und einer der emotionalsten sowie größten Verein in ganz Deutschland, ganz nebenbei steckt man in einer in der Vereinsgeschichte einmaligen Krise, und das ganz sicher nicht nur auf dem Platz. Soll also ein 20-Jähriger ohne Erfahrung, im Gegensatz zur überwältigenden Mehrheit seiner Teamkollegen, immer wieder überzeugen oder direkt Bundesliga-Klasse beweisen müssen? Natürlich nicht.

Auch wenn er in seinem jungen Alter die Möglichkeit bekommt, sich in einer starken Liga ganz viele Einsatzzeiten Erfahrung zu erspielen, so steht er doch auch unter großem Druck. Ob für einen altgedienten Schalker wie Matija Nastasic, einem Rückkehrer wie Mark Uth oder eben für Ludewig: Es geht schlichtweg um das Überleben eines riesigen Vereins, sobald sie auf dem Platz stehen. Wer mag es ihm verdenken, da hin und wieder mal überfordert oder fehlerhaft zu wirken? Ebenfalls nicht zu vergessen, wie häufig er auf seiner Seite auch alleine gelassen wurde.

Schalke-Führung bot keinerlei Alternativen: Kritik gehört den Verantwortlichen

Die Kritik sollte also viel mehr der Kaderplanung gelten. Seitdem Jochen Schneider als Sportvorstand im Amt ist, war es absehbar, dass es - neben anderen Baustellen - auch auf der Position des Rechtsverteidigers sehr knapp werden würde. Schon im März 2019 gab es diesen in klassischer Form gar nicht, Daniel Caligiuri übernahm die übliche Hybridvariante auf der rechten Seite. Mit Kenny konnte man eine Saison überbrücken, für eine erneute Leihe gab es nur ein ganz winziges bisschen Hoffnung - und auch das wäre keine langfristige Variante gewesen.

Jochen Schneider
Sportvorstand Jochen Schneider hätte diese Baustelle frühzeitig angehen müssen | DeFodi Images/Getty Images

Schneider, damit auch Michael Reschke und alle in sportlicher Verantwortung stehenden Akteure beim S04, hätten sich dieser immer größer werdenden Baustelle annehmen müssen. Im Oktober 2020 wurde sie so akut, dass man sich mit einer Notlösung behelfen musste, die auch nur dank Baum möglich war. Die Kritik, die Ludewig trifft, gilt also in jeglicher Form primär den sportlich Verantwortlichen.

Dass er überspielt wirkt, geschenkt. Bei jedem Spiel stand er bisher in der Startelf, nur einmal wurde er ausgewechselt. Baum stimmte am Donnerstag zu, dass sein Schützling viele Kilometer in den Knochen hat, weshalb ein baldiger, vermutlich nur kurzweiliger Austausch keine Überraschung wäre. Ein Zeichen von fehlendem Vertrauen wäre auch das aber bei Weitem nicht.

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