FC Schalke 04

Mythos hat sich bewahrheitet: Der Abstieg hat Schalke gut getan

Yannik Möller
Rodrigo Zalazar
Rodrigo Zalazar / Dean Mouhtaropoulos/GettyImages
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Über die letzten Jahre ist sehr viel Negatives auf den FC Schalke 04 eingeprasselt. Der sportliche Absturz mit Domenico Tedesco, auf den ein kurzer Aufwärts- und ein umso größerer Abwärtstrend unter David Wagner folgte. Diese Talfahrt wurde schließlich mit dem Abstieg gekrönt, der nun mit dem sicheren Wiederaufstieg als Glücksfall bezeichnet werden kann.


Völlig zurecht gab es seitens der zahlreichen Fans kein Vertrauen mehr in den Verein nach dem Abstieg. Weder in die Mannschaft, noch in die Verantwortlichen.

Die damalige Hoffnung in der Vereinsführung: Königsblau steigt - bestenfalls im ersten Anlauf - wieder auf. Die damalige Befürchtung: Der Verein befindet sich in einem gefährlichen Abwärtstrend, der kaum aufzuhalten ist. Die leitende These: Ein Abstieg kann auch reinigen und gut tun.

Nun, allerspätestens mit der gesicherten Rückkehr in die Bundesliga, kann das Fazit gezogen werden. Tatsächlich hat der Abstieg einen positiven Effekt für S04 gehabt.

Rodrigo Zalazar
Schalke belohnt sich mit dem Aufstieg / Dean Mouhtaropoulos/GettyImages

Eine Mannschaft als Einheit und mit Identifikation

Das riesige Fan-Umfeld und die Mannschaft der letzten Saison hatte nichts mehr verbunden. Und das längst nicht erst, als es in Liga zwei ging - schon in den Wochen und Monaten zuvor gab es diesen Funken nicht mehr, der für den unumstößlichen Support sorgt.

Auch das Team selbst hatte die Bezeichnung 'Team' eigentlich kaum verdient. Was man hörte und was man auf dem Platz sah, sprach für verschiedene Gruppen und diverse Einzelkämpfer. Die allermeisten schienen nur darauf bedacht zu sein, möglichst gesichtswahrend aus diesem Albtraum entkommen zu wollen.

In dieser Spielzeit war das ganz anders. Bereits zu Saisonbeginn war zu merken: Da findet sich eine richtige Einheit. So neu und wenig eingespielt die Truppe auch war, so sehr hat sie füreinander eingestanden und zusammen gekämpft.

Fanumfeld beruhigt, versöhnt und mit dem Klub geeint

Mit dem Aufbau des neuen Teams begann die Beziehung zwischen Verein und Fans wieder zu wachsen. Der Abstieg als finaler Absturz hinterließ die Mannschaft in einem zerrütteten Zustand, die Randale um den Arena-Ring war der traurige Höhepunkt.

Mit jedem Arbeitsschritt, jeder vernünftigen Kommunikation der neuen Verantwortlichen und jedem spannenden Transfer wurde für die Anhänger absehbar: Diejenigen, die nun das Sagen haben, wissen was sie tun. Sie berufen sich auf die wichtigen Werte, planen voraus und agieren mit einem kühlen Kopf. Das wurde mit einem Zusammenwachsen und dem gewohnt starken Support belohnt.

FC Schalke 04 v FC St. Pauli - Second Bundesliga
Die S04-Fans identifizieren sich wieder mit dem Klub / Dean Mouhtaropoulos/GettyImages

Bei kaum einem anderen Klub ist es so wichtig, dass Mannschaft und Fans eine solche Einheit bilden, wie in Gelsenkirchen. Diese emotionale Wucht konnte wieder entfesselt werden. Ein enorm wichtiger und keineswegs zu unterschätzender Aspekt.

Sportliche Führung: Macher Schröder, 'Beamter' Knäbel und neue Strukturen

So nachvollziehbar die anfängliche Skepsis bezüglich Peter Knäbel als Sportvorstand war, so vernünftig erscheint die Entscheidung im Nachhinein. Noch wichtiger: Knäbel, der seine Arbeit ruhig, gewissenhaft und im Hintergrund angeht, hat sich für Rouven Schröder als Sportdirektor eingesetzt.

Dieser hat einen sehr großen Anteil am wiedererstarkten Schalke und am Aufstieg: Um die 50 Transfer-Bewegungen im Sommer wurden getätigt, um eine Mannschaft zu formen, die qualitativ hochwertig ist und trotzdem in einen deutlich reduzierten Kader-Etat von etwa 20 Millionen Euro passt. Dass Schröder auch noch so emotional bei der Sache ist, ist lediglich ein Bonus.

Nicht zu vergessen ist auch die weitere Professionalisierung in der Sportlichen Führung. So wurde mit Bernd Schröder ein Vorstandsvorsitzender an Bord geholt: Eine zentrale Schnittstelle für bessere Kommunikation und ein vereinfachtes, gemeinsames Arbeiten.

Gazprom-Aus als wichtiges Zeichen der eigenen Werte

Auch die schnelle Trennung von Hauptsponsor Gazprom, dessen Vertrag noch einige Millionen Euro garantiert hätte, war ein extrem wichtiges und richtiges Zeichen. In den letzten Jahren hat S04 nämlich nicht oft Fingerspitzengefühl gezeigt.

Dass sich der Vorstand trotz der finanziellen Sorgen so schnell für ein Auflösen des Vertrags entschieden hat und lieber mit Trikots aufgelaufen ist, die mit einem aufgebügelten Logo ausgestattet waren, hat den Fans nochmals gezeigt: Die Verantwortlichen handeln nach unseren Werten. Und die spielen bei den Knappen eine wichtige Rolle.

Dass in kürzester Zeit neue Sponsorings abgeschlossen wurden, die den finanziellen Ausfall sogar kompensieren konnten, war zudem ein weiteres Zeichen der Professionalität im Verein. Noch heute bekommt der Klub viel Lob für das schnelle Handeln.

Befürchteter Absturz aufgefangen - Abwärtstrend gestoppt und umgekehrt

Duisburg und Kaiserslautern waren zwei Vereinsnamen, die rund um den Abstieg in Gelsenkirchen häufiger in den Mund genommen wurden. Auch sie waren vor nicht allzu langer Zeit in Liga eins, ehe ein richtiger Absturz sie ins Niemandsland versetzte. Wie schwer es ist, solch einen Trend zu stoppen, ist allen im Fußball-Geschäft bekannt.

Umso wichtiger und eindrucksvoller ist die Leistung, diesen Abwärtstrend auf Schalke nicht nur zu stoppen, sondern direkt im ersten Jahr wieder umzukehren. Der gesicherte Aufstieg, eine Woche vor dem Saisonende, ist dafür das beste Zeichen.

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Schalke hat den Abwärtstrend gestoppt / INA FASSBENDER/GettyImages

So schwierig der Klassenerhalt in der neuen Saison auch sein mag: Der Absturz wurde (vorerst) aufgehalten. Nicht wenige im und um den herum Klub hatten befürchtet, nun einen ähnlichen Albtraum durchmachen zu müssen. Die Anzeichen waren definitiv da: Die Stimmung, die Finanzlage, das Team - all das deutete auf eine sehr große und andauernde Krise hin.

Dazu kam es nicht. Und darin verbinden sich alle positiven, zuvor erwähnten Aspekte. Die Stimmung hat sich gedreht, die Fans sind dieser Tage so glücklich und dem Klub verbunden, wie seit Jahren nicht mehr. Auf dem Platz steht eine Einheit, die für- und miteinander spielt und kämpft. Außen sitzt das Team ums Team, das in den letzten zwölf Monaten bewiesen hat, deutlich mehr richtige als falsche Entscheidungen zu treffen.

Kurzum: Der Mythos, der einem zurecht häufig schmalzig vorkommt, hat sich bewahrheitet. Der Abstieg hat Schalke gut getan.


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