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Kommentar: HSV nach Duselsieg nur bedingt aufstiegsbereit!

Sonny Kittel
Mit zwei Torvorlagen neben Kinsombi und Pollersbeck bester Hamburger: Sonny Kittel | Stuart Franklin/Getty Images

Nein, nein und nochmals nein! Dieser auf dem Zahnfleisch über die Ziellinie gerettete 3:2-Erfolg des Hamburger SV gegen den abstiegsbedrohten SV Wehen Wiesbaden (Tabellenvorletzter am 29. Spieltag) kann mit Blick auf die restlichen Saisonspiele wirklich keine Zuversicht beim geneigten HSV-Fan hervorrufen.

Denn dafür wirkt alles im Spiel der Rothosen zwischen eigenem und gegnerischem Drittel entweder viel zu zitterig oder aber befremdend arrogant. Arrogant bezieht sich dabei auf die mit technisch versierten Spielern reich bestückten Mannschaftsteile Sturm und Mittelfeld, sowohl offensiv als auch defensiv. Der HSV leistet sich im letzten Drittel in meinen Augen weiterhin viel zu viele leichtfertige Ballverluste. Und das, weil entweder versucht wird zu zaubern (wenn es klappt, sieht es ja auch toll aus - klappt aber leider zu selten) oder weil zu oft der Ball gespielt wird, der just in diesem Moment nicht angesagt ist.

Wenn es schnell gehen müsste, macht man es langsam, wenn man ruhig aufbauen könnte, schlägt man einen Pass, der so millimetrisch exakt sein muss, dass er dann am Ende halt meistens nicht ankommt. Das setzt sich leider im defensiven Mittelfeld fort; wenn man von einem Adrian Fein mal einen öffnenden, zwei oder drei Gegenspieler aus dem Spiel nehmenden Pass erwartet, kommt am Ende doch die Drehung um die eigene Achse und es wird Letschert oder van Drongelen angespielt.

Und die, die das letzte Glied in der Kette vor dem Torwart bilden, sind dann regelmäßig damit überfordert, den Ball raumgreifend nach vorne zu tragen. Tun könnten sie es, wenn sie - natürlich immer entsprechend von den Kollegen abgesichert - mal ins Dribbling gehen würden. Was sie ab und zu auch probieren - um dann abzubrechen, und doch wieder hintenrum aufzubauen. Wenn sie nicht sogar den Ball direkt an den Gegner verlieren.

Und fast alles wirkt zittrig, wenn hinten herum aufgebaut wird. Mal einen Chipball hinter die gegnerische Abwehr zu spielen, wie sie es bisweilen in der Hinrunde noch gemacht haben, sind sie zur Zeit offenbar nicht in der Lage. Vor Selbstvertrauen strotzende Innenverteidiger sehen jedenfalls anders aus. Zu ihrer Entlastung muss aber auch erwähnt werden, dass es bisweilen bei den Vorderleuten an der nötigen Laufbereitschaft mangelt, um den Kollegen entsprechende Abspieloptionen zu bieten.

Vorne zu inkonsequent, hinten zu anfällig

Doch leider versucht der HSV viel zu oft, wenn er führt genau auf diese von mir kritisierte Weise zum Erfolg zu kommen. Vorne wird nicht seriös genug auf die mögliche Vorentscheidung gedrängt, hinten bringt man durch die permanenten Anspiele die beiden Innenverteidiger zunehmend in Verlegenheit. Da der Gegner naturgemäß intensiveres Forechecking betreibt, haben diese aber immer weniger Zeit, den Ball zu verarbeiten. Unter Druck jedoch sind sie derart fehlerbehaftet, dass man als Zuschauer jedesmal Angst hat, wenn sie sich da hinten die Kugel zuschieben, immer öfter den Torwart einbeziehend, bis dem dann am Ende nichts mehr übrig bleibt, als den Ball einfach nur nach vorne zu dreschen.

Auf diese Art schenkt man dem Gegner permanent den Ball- und man signalisiert ihm auch gleichzeitig, offenbar nicht mehr so viel für die eigene Offensive tun zu wollen. Das könnte der eine oder andere Gegner sogar als Angst interpretieren - und ihn entsprechend anstacheln. Das Problem: Je häufiger der HSV hinten den Ball hat, umso riskanter wird es. Vor allem wenn dann individuelle Patzer ins Spiel kommen. Denn auch das zieht sich wie ein roter Faden durch die diese und die vorherige Spielzeit. Fast alle Gegner (auch Wiesbaden machte da heute keine Ausnahme) kommen relativ leicht vor das HSV-Tor. Ein Dribbling oder ein guter Pass (oder eben ein Verstolperer der HSV-Defensive) reichen in der Regel aus, um die Defensive der Rothosen komplett aus den Angeln zu heben.

Und deshalb weiß ich auch gar nicht, ob es was bringt, wenn der HSV aufsteigt. Ich bin mir schon darüber im Klaren, dass mein vorletzter Artikel bezüglich meines Herzens-Vereins (nach dem VfB-Spiel am vergangenen Donnerstagabend) mit einer hoffnungsvollen und zuversicht verbreitenden Note geendet ist. Da sprach halt, vielleicht auch aus einem quasi-infantilen Trotz heraus, der Optimismus aus mir. Aber nach den Eindrücken von den jetzt zwei Spielen in Folge, die ich live verfolgt habe, darf die Sinnfrage durchaus gestellt werden. Aktuell ist diese Mannschaft, sorry, nur bedingt aufstiegsbereit.

Denn "aufstiegsbereit" impliziert eben nicht nur den eigentlichen Gang nach oben (für den man mindestens Dritter werden muss) sondern auch, dass man durchaus die Perspektive mit in die Bundesliga nimmt, dort die Klasse zu halten. Da beim HSV momentan schon der erste Aspekt in große Gefahr geraten ist, brauchen wir uns über den zweiten zwar noch keine akuten Gedanken zu machen, aber als Fan darf man ja gerne mal in die Zukunft schauen.

Zwei Planstellen in der Abwehr quasi weggebrochen - zuviel für eine Mannschaft wie den HSV

Nur bedingt aufstiegsbereit - die kleine Hommage an einen legendären Artikel eines Hamburger Nachrichtenmagazins aus den Sechzigerjahren - beschreibt die momentane Situation, wie sie sich mir darstellt. Die Fragen, die sich unweigerlich stellen:

Warum ist da so? In puncto Personal halten wir fest: mit Rick van Drongelen und Timo Letschert verfügt der Kader über durchaus emsig bemühte Arbeiter und kompromisslose Manndecker - die aber mit dem Ball am Fuß zu viele Probleme haben. Das gilt für Ballverarbeitung und Behandlung genau so wie für das Passspiel (Genauigkeit und Schärfe). Das genügt auf Dauer auch nicht den Ansprüchen, die im oberen Drittel der Zweiten Liga gestellt werden. Geschweige denn eine Etage höher. Dem folgt die Frage:

Haben wir keine Alternativen? Ewerton hätte eigentlich eine werden sollen. Doch jemand, der verletzt aus dem Urlaub zu seinem neuen Verein kommt (weil er Strandfußball spielen zu müssen glaubte), somit schon mal gleich zu Beginn monatelang ausfällt, sich dann wieder rankämpft, um bei der ersten Bewährungsprobe völlig neben sich zu stehen und im Anschluss es bis heute nicht gepackt hat, auch nur annähernd nachzuweisen, warum ihn der Coach unbedingt haben wollte - ja so jemand taugt auch nur bedingt als Leader in der Abwehr.

Da auch das Experiment Papadopoulos nicht aufgegangen ist, hat man für die Defensive quasi zwei Optionen weniger im Kader. Denn dass Jordan Beyer kein Innenverteidiger ist, hat jetzt auch der letzte gemerkt. Solche eine Gemengelage würde bei fast jeder Mannschaft der Welt ein Problem darstellen. Da der HSV in den letzten Jahren aber per se schon in der Defensive, sagen wir mal schwachbrüstig aufgestellt war, machen sich solche Entwicklungen um so negativer bemerkbar. Gerade jetzt in der entscheidenden Phase der Liga könnte man die Alternativlosigkeit Heckings für die defensive Zentrale fast schon als dramatisch bezeichnen.

Und vorne? Haben fast alle sehr viel Talent mit dem Ball am Fuß. Und auch Spielwitz und Fantasie. Doch leider geht fast allen auch der absolute Killerinstinkt ab. Heute gegen Wiesbaden wieder exemplarisch zu sehen. Gute Anfangsphase, (nach sieben Minuten muss Pohjanpalo eigentlich auf 1:0 stellen) , Gegner mehr oder weniger im Griff - und aus dem scheinbaren Nichts fängt man sich das 0:1. "Scheinbar" ist aber hier die falsche Vokabel. Denn genau das ist ja das Problem - wenn der Gegner mit ein, zwei guten Aktionen hintereinander sofort eine Großchance erhält, dann darf man sich nicht wundern, dass meist nur ein oder zwei Chancen überhaupt im ganzen Spiel reichen, um ein oder zwei Gegentore zu fangen. Und wenn du ihn gleichzeitig am Leben erhältst, indem du deine eigenen Chancen nicht reinmachst, darfst du dich am Ende auch nicht beschweren.

Heute hat man den Kopf noch mal aus der Schlinge ziehen können. Aber mir graut schon vor dem nächsten Spieltag. Beide Kontrahenten (VfB und Heidenheim) können vorlegen. Und sollten sie dies tun, wird der psychische Druck für die HSV-Spieler - fürchte ich! - zu groß sein, um mitzuhalten. Zumal der nächste Gast im Volkspark, Holstein Kiel, ein absoluter Angstgegner ist. In drei Spielen gegen den HSV noch ungeschlagen, dazu zweimal sogar als Sieger vom Platz gegangen. In der Hinrunde war es ausgerechnet Letschert, der damals in der Nachspielzeit noch zum späten Ausgleich traf.

Ich bin gespannt, wie Hecking mit ihm jetzt umgeht. Zumal es heute ja nicht das erste Mal war, dass der Holländer enorme Schwächen aufweist. Eventuell rutscht Gideon Jung für ihn am nächsten Montag in die Mannschaft. Aber auch Jung wird nicht alleine die allgemeinen Schwächen des HSV (vorne zu verspielt und inkonsequent, hinten zu weich) abstellen können. Und deshalb richte ich mich mental durchaus schon mal auf ein Zweitliga-Saisonfinale 2019 reloaded ein.