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Karl-Heinz Rummenigge schwärmt: Neuer CL-Modus wird "wie eine Bombe einschlagen"

Karl-Heinz Rummenigge
Hat mal wieder laut nachgedacht: Karl-Heinz Rummenigge | Pool/Getty Images

Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsboss des FC Bayern München, hat sich im kicker über den corona-bedingten neuen Modus in der Champions League ausgelassen. Und eine Zementierung desselben für die Zukunft gefordert. Doch wäre das wirklich so wünschenswert?

Seit mehr als sechzig Jahren lief es in den europäischen Vereinswettbewerben ab Frühjahr, sprich: ab den Achtelfinals, immer gleich ab. Mannschaften wurden zueinander gelost und spielten im Hin-und Rückspiel den jeweiligen Sieger aus. Die dabei operierende, ganz spezielle Arithmetik, von der uns über die Jahrzehnte so mancher TV-Kommentator gönnerhaft berichtete, kam dann durch die in den Siebzigerjahren eingeführte Auswärtstorregelung ins Spiel.

Die Grundstruktur indes, ein Spiel im Stadion des einen, das andere im Stadion des anderen, blieb unangetastet. Bis Corona.

Die Pandemie hätte in diesem Jahr beinahe zu einem völligen Kollaps des Systems Profi-Fußball geführt. Dank klug ausgearbeiteter Konzepte bezüglich Hygiene-und Sicherheitsfragen und, sagen wir es auch mal laut, dank des Mutes einiger Funktionäre (die diesen Namen auch verdienen!) konnte jedoch der Liga-Betrieb in den meisten europäischen Ländern nach einigen Monaten wieder aufgenommen werden. Auch auf europäischer Ebene.

Nur dass das diesjährige Viertelfinale (und alle folgenden Runden) so gänzlich anders als gewohnt daherkommt. Ein Spiel, hopp oder topp, siegen oder fliegen, und auf neutralem Grund. Anders wäre eine reguläre Beendigung der Saison 2019/20 nicht möglich gewesen. Und deshalb haben alle in den sauren Apfel gebissen. Klubs, Spieler, Fans (die nicht ins Stadion dürfen) und die Fernsehanstalten, an deren Geld heutzutage (fast) alles hängt.

Umso erstaunlicher mutet da der Vorstoß des Bayern-Bosses an. Der prophezeit bereits gegenüber dem kicker: "Der Modus wird wie eine Bombe einschlagen. Der größte Thrill für den Fan ist das K.-o.-System. Bei zwei Spielen setzt sich aus Erfahrung eigentlich immer die bessere Mannschaft durch, in einem Spiel ist alles möglich. Man kann eine bessere Mannschaft schlagen oder gegen eine schlechtere Mannschaft verlieren."

Spiele wie das 4:0 des LFC gegen Barça wären nicht mehr möglich

Das mag schon sein, aber für Traditionalisten (denen ich mich verbunden fühle) wäre es nicht mehr derselbe Wettbewerb. Erinnert sich noch jemand an das 4:0 des FC Liverpool gegen den FC Barcelona vom vergangenen Jahr? Dumme Frage eigentlich. Wer dieses Spiel gesehen hat, wird es sein Leben lang vermutlich nicht vergessen. Und was hat dieses Spiel möglich gemacht? Genau, der Hin- und Rückspielmodus der UEFA. Denn mit 0:3 hatte der FC Liverpool das Hinspiel im Nou Camp verloren. Ohne großartig schlechter als die Hausherren gewesen zu sein. Aber Messi hatte mal wieder einen dieser Abende...

Nach dem diesjährigen, speziellen (Corona-) Modus hätte der FC Liverpool also gar nicht die Chance gekommen, die Scharte aus dem Hinspiel auszuwetzen. Und wie sie sie ausgewetzt haben: 4:0. Die Anfield Road bebte, der ganze Fußball-Kontinent bebte. Das alles wäre mit einem K.o.-Spiel nicht möglich gewesen.

Natürlich hat Rummenigge insofern recht, dass ein Ein-Spiel-Modus mehr Raum für Überraschungen lässt. Doch das ist auch nur eine Scheinetikette. Denn faktisch kommen in den letzten zwanzig Jahren sowieso immer die gleichen acht Teams ins Viertelfinale. Zwei, drei Varianten - der Rest ist immer derselbe. Und das Niveau innerhalb dieser selekten Gruppe ist derart nivelliert, dass man schon kaum von wirklich "schlechteren" oder "besseren" Teams sprechen kann. Meistens gewinnt ab der K.o.-Phase die Mannschaft mit der stärkeren aktuellen Form. Ausnahmen bestätigen die Regel. Kleinigkeiten machen den Unterschied und geben den Ausschlag bezüglich Ausscheiden oder Weiterkommen. Bei einem Spiel, nach dem Motto "alles oder nichts", potenziert sich das noch -wird aber in der Endabrechnung keine neuen Namen in die Siegerliste bringen. Und wer, wie z.B. Bayer Leverkusen gestern (zwar "nur" in der Europa League, aber substanziell ist das das gleiche) schon in einem Spiel hoffnungslos unterlegen war, wird das wahrscheinlich über zwei Spiele auch sein. Und umgekehrt.

Spektakuläre Aufholjadgen waren und sind das Identitätsmerkmal der europäischen Vereinswettbewerbe

Aber es gibt halt diesen psychologischen Moment der sogenannten zweiten Chance. Mannschaften, die beim Hinspiel einen rabenschwarzen Tag erwischten, kriegen demnach eine oder zwei Wochen später nochmal die Gelegenheit, sich zu rehabilitieren, den Rückstand nochmal aufzuholen. Geschah das vor eigenem Publikum, war die Chance sogar gar nicht so klein. Wer erinnert sich nicht an Reals legendäre Aufholjagden gegen Inter Mailand, RSC Anderlecht oder Borussia Mönchengladbach? Wer nicht an die fantastischen Werder-Abende gegen BFC Dynamo Ost-Berlin, Spartak Moskau oder Olympique Lyon? Diese Spiele wären unter dem neuen Modus nicht mehr möglich. Und das würde dem ganzen Wettbewerb einer ihrer charakteristischsten Facetten berauben.

Aus diesem Grunde sage ich: Nein, Herr Rummenigge! Der alte Modus muss, sobald es die pandemiologischen Umstände zulassen, wieder zurückkehren. Wenn nicht 2021, dann halt 2022. Aber eine dauerhafte Installierung eines WM-(oder EM-)Systems würde diesen faszinierenden Wettbewerb zu Grabe tragen.

Spricht Rummenigge wirklich im Sinne der Fans - oder in dem seines Klubs?

Vielleicht ist Rummenigges Vorstoß ja auch einfach nur rein egoistischem und opportunistischem Denken geschuldet. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt - aber ist nicht gerade der FC Bayern zuletzt, seit dem Jahr 2013, immer wieder im Halbfinale (mit Hin-und Rückspiel) an Teams (vorwiegend aus Spanien) gescheitert, die halt in der Summe zweier Spiele einen Ticken besser oder cleverer oder manchmal auch nur glücklicher waren? Vergangenes Jahr war es der FC Liverpool, der die Münchener schon im Achtelfinale rauskegelte? Versucht da gerade ein Funktionär, ein System ins Leben zu rufen, das die Volatilität, die Unberechenbarkeit nur als Scheinargument benützt, der damit aber in Wirklichkeit nur die Chance seines eigenen Klubs erhöhen will? Legitim wäre es. Jeder denkt schließlich in diesem Business (und in jedem anderen) erstmal an sich selbst.

Doch für die Fans wäre es schade, wenn so großartige Spiele, wie die genannten, die immer auch von dem Gegensatz zweier unterschiedlicher Hälften (Hin-und Rückspiel) lebten, nicht mehr zu sehen wären. Für K.o.-Spiele ab Achtelfinale haben wir doch schon die Europa- und Weltmeisterschaften.