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HSV: 4:0 gewonnen - und irgendwie weiß keiner warum

Guido Müller
Der HSV beim Torjubel
Der HSV beim Torjubel / Oliver Hardt/Getty Images
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Mit einem Gleichgesinnten unterhielt ich mich letzte Woche über Fußballspiele, deren Endergebnis überhaupt nicht dem Spielgeschehen entsprachen. Wie immer bei solchen Brainstormings kamen wir am Ende vom Hundertsten ins Tausendste - und hätten wohl beide nicht erwartet, kurze Zeit später ein Paradebeispiel für ein solches unter dem Motto "verkehrte Welt" stehende Spiel angeboten zu bekommen.

Doch das gestrige 4:0 des Hamburger SV gegen den SV Sandhausen war genau so ein Spiel. Tatsächlich weiß ich aus eigener Erfahrung nur zu gut, wie schwer es einem fällt, wenn man das jeweilige Spiel nicht gesehen hat, bei solch deutlichen Ergebnissen sich etwas anderes als ein dominant geführtes und überzeugendes Spiel der Siegermannschaft vorzustellen.

Aber gestern konnte man genau so ein Paradox-Spiel verfolgen. Die Rothosen lieferten vor allem im ersten Durchgang einen Vortrag ab, der nahtlos an das Darmstadt-Spiel anknüpfte. Schwerfällig und langatmig wurde das Aufbauspiel vorgetragen, und wurden die Bälle, wenn man dann endlich mal in des Gegners Hälfte angekommen war, relativ schnell durch ungenaues Passspiel oder Missverständnisse verloren.

Unsicherheiten und Stockfehler im eigenen Defensivverbund sorgten parallel dazu für ständige latente Gefahr. Den Gästen muss man in diesem Zusammenhang den Vorwurf machen, nicht kaltschnäuzig genug ihre Chancen verwertet zu haben. Vor allem der umtriebige Esswein kam das eine oder andere Mal recht frei zum Abschluss, scheiterte aber entweder an irgendeinem letzten Abwehrbein oder an der eigenen Unzulänglichkeit.

Torchancen für die Gastgeber? Wenn man einen Verzweiflungsschuss von Leistner (!), der gut eineinhalb Meter über das Tor ging, als solche bezeichnen will, gab es vor dem Führungstor genau eine.

Thioune: "Willkommen in der Zweiten Liga!"

Aber beim 1:0 (nach etwa einer halben Stunde Spielzeit) sind wir dann auch schon beim Thema. "Willkommen in der zweiten Liga", sagte Daniel Thioune gestern nach dem Spiel, als er sich während seiner Blitz-Analyse fast schon bei den Sandhäusern für den hohen Sieg zu entschuldigen schien. Und dieses Zweitliga-Niveau blitzt halt auch bei den Gegnern immer wieder und überall auf. Sei es, weil sie zu wenig aus ihren eigenen Möglichkeiten machen, sei es weil sie den Gegner irgendwann selbst zu Toren einladen.

Denn wie dumm sich die Abwehrspieler der Gäste beim 1:0 des HSV anstellten, ist anders als mit fehlender Qualität kaum zu erklären. Zunächst foulte sich der eine beim Versuch, Dudziaks Lauf auf dem linken Flügel zu stoppen, selbst und nahm sich durch sein Stolpern aus dem Spiel. Die freie Bahn nutzte der Deutsch-Tunesier, um ungestört in den Strafraum einzudringen und einen vorhersehbaren Pass auf Terodde zu spielen.

Und warum dann der eigentlich gut positionierte und vor Terodde stehende Paurevic nicht in der Lage war, den langsam gespielten Dudziak-Pass abzufangen, wird für immer sein Geheimnis bleiben. Ein Schritt nach vorne hätte genügt, um den Ball zur Ecke zu klären. So aber sagte der Torjäger vom Dienst "danke" und netzte zu seinem zwölften Ligator ein.

Doch wenn es insgesamt (und grundsätzlich) nicht rund läuft in einem Team, kann ein solcher Treffer natürlich auch nicht als Brustlöser herhalten. Entsprechend ging das Spiel mit unverändertem Grundton weiter und der HSV rettete sich geradezu in die Pause.

Konter im eigenen Stadion bringt das 2:0

Aus selbiger schien er mit der Absicht zu kommen, auch die zweiten 45 Minuten damit zu verbringen, den knappen Vorsprung über die Zeit zu retten. Anders ist es nicht zu erklären, dass er sich die ersten zwanzig Minuten (!) nach Wiederanpfiff beinahe komplett in die Defensive drängen ließ. Zu diesem Zeitpunkt lag der Ausgleich mehr als nur in der Luft. Und ich wette meinen Allerwertesten darauf, dass eine Mannschaft mit etwas mehr Killer-Instinkt diesen auch erzielt hätte.

So jedoch kam der HSV quasi mit dem ersten Angriff in Durchgang zwo, einem Konter, wenn man so will, zum 2:0. Doch auch danach war von einer befreienden Wirkung der nunmehr komfortablen Führung nichts zu sehen.

Wir sehr das spielerische Element im Argen stehen muss und bei mir für Optimismus-Werte im Nanobereich sorgt, wenn ich an die weitere Saison denke, beleuchtet der Umstand, dass ich selbst nach dem 3:0 von Onana noch nicht über die Brücke gehen wollte, den Sieg als perfekt zu melden.

Ein Tor der Sandhäuser, so meine latente Befürchtung auch in dieser Phase, würde das ganze mehr einem Kartenhaus als einem wirklichen Bollwerk gleichende Defensiv-Gebilde der Hamburger zum Einsturz bringen.

Und wenn Diekmeier in der 86. Minute statt Ulreichs Gesicht direkt ins Tor getroffen hätte, wäre es auch noch mal spannend geworden.

Bobby Wood konnte sich nach langer Abwesenheit wieder in die Torstatistik eintragen

So aber fingen sich tapfere Sandhäuser sogar noch ein viertes Gegentor (bei dem sogar Bobby Wood mal wieder nach langer, langer Abwesenheit in den Statistiken einen Assist-Punkt verbuchen konnte), und mussten am Ende den langen Heimweg mit der bitteren Erkenntnis antreten, einfach nicht clever und abgezockt genug gewesen zu sein. Vom spielerischen und taktischen Vortrag her hätten sie sich zumindest mit einem Punkt belohnen können. Vielleicht sogar müssen.

Und so ist die imaginäre Liste der Spiele, deren Spielverlauf durch das Ergebnis auf den Kopf gestellt werden, seit gestern um ein neues Beispiel verlängert worden.

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