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Hamburger SV

Leibold im Angriffsmodus: "Eine Frage der Ehre!"

Guido Müller
Tim Leibold, hier im Duell mit Schalkes Krasniqi, empfängt mit seinem HSV am Sonntag Dynamo Dresden
Tim Leibold, hier im Duell mit Schalkes Krasniqi, empfängt mit seinem HSV am Sonntag Dynamo Dresden / Lars Baron/Getty Images
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Er ist sowas wie der Dauerläufer beim Hamburger SV. Seit seinem Wechsel vom 1. FC Nürnberg vor zwei Jahren hat Tim Leibold (29) nur fünf Punktspiele der Rothosen verpasst. Vor dem diesjährigen Liga-Heimauftakt gegen Dynamo Dresden (So, 13.30 Uhr) sprach der frühere Mannschaftskapitän mit der Bild-Zeitung über die Bedeutung der Kapitänsbinde, das System Walter und seine sportlichen Ambitionen.


Nicht selten fiel am vergangenen Freitagabend, beim Liga-Start des HSV auf Schalke, der Satz: "Dem Leibe scheint die Entmachtung gut zu tun."

Gemeint war damit der Umstand, dass Tim Leibold die Kapitänsbinde, die er noch in der Vorsaison getragen hatte, zur neuen Saison an Neuzugang Sebastian Schonlau abgeben musste. Und die Erkenntnis während der neunzig Minuten in der Veltins-Arena, dass dies dem Linksverteidiger offenbar gut bekommen ist.

Denn neben dem an diesem Abend überragenden Daniel Heuer Fernandes im Tor und dem umsichtigen und souveränen Schonlau war "Leibe" der wohl stärkste HSV-Spieler auf dem Platz (kicker-Note 2,5).

Und knüpfte damit an seine guten Leistungen aus der Saison 2019/20 an, als er noch nicht die Bürde des Mannschaftsführers tragen musste.

Lob für den Nachfolger

"Ohne Binde war es auf Schalke ja auch kein Neuland für mich. Das war ja lange Normalität. Ich war zuvor Kapitän und wäre natürlich auch gerne Kapitän geblieben", gesteht Leibold zwar unverhohlen - sieht in seinem Nachfolger aber auch den richtigen Mann für die Rolle des Anführers: "Ich bin überzeugt, dass Bascho auch ein super Kapitän sein wird, weil er ein richtig feiner Kerl und Teamplayer ist."

Sebastian Schonlau, Jonas Meffert
Bekam ein dickes Lob vom Vorgänger: Sebastian Schonlau (li.) / Lars Baron/Getty Images

Überhaupt will er der Kapitänsbinde, trotz des mit ihr verbundenen Prestiges, keine allzu große Bedeutung beimessen: "Im Endeffekt ändert das aber nichts an meiner Einstellung zu den Jungs, zum Trainer oder zum HSV. Denn klar ist auch, dass ich keine brauche, um Verantwortung zu übernehmen."

Wie er beim Ausgleichstreffer bei den Knappen unter Beweis gestellt hat: fast hätte er sich mit seinem gekonnt getretenen Freistoß sogar selbst zum Torschützen gekürt. Am Ende veredelte Robert Glatzel die starke Aktion des Ex-Capitano.

An der symbolischen Entlastung von Verantwortung will Leibold seine gute Performance bei den Schalkern jedoch nicht festmachen.

"Ich habe auch letztes Jahr unabhängig von der Binde alles versucht. Manches sah für Außenstehende vielleicht ein wenig verkrampft aus. Da kann man dann immer schnell sagen: Siehste, er ist nicht mehr Kapitän, jetzt läuft‘s wieder besser. Ich sehe es aber anders: Ich glaube, der Spielstil, den wir jetzt unter Tim Walter verfolgen, der trifft eher auf mich zu.“

"Ballbesitz-Spiel über den ganzen Platz!"

Doch was ist denn nun das Besondere an diesem "Walter-Ball" genannten System? Für Leibold ganz klar: das damit einhergehende kollektive Element. "Es geht da nicht um meine Person, sondern um jeden. Manchmal sieht es so aus, als wäre es ein Ballbesitz-Spiel über den ganzen Platz. Und das ist es auch."

Tim Walter
Lässt kontrolliertes Chaos spielen: HSV-Trainer Tim Walter / Lars Baron/Getty Images

Das geplante oder kontrollierte Chaos, wenn man es überspitzt formulieren will. Gewisse Abstimmungsprobleme, zumal zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison, sind da bereits eingepreist. Dennoch muss auch Leibold anerkennen: "Wenn jeder von uns, wie auf Schalke, den Mut hat, hinten rauszuspielen, dann ist das gut. Wenn Fehler passieren, passieren sie, das muss man dann abhaken."

Was die HSV-Spieler am vergangenen Freitagabend mit zunehmender Spieldauer in immer beeindruckenderer Form auch taten. In der Konsequenz kommt Leibold zu dem Schluss: "Ich glaube, es gibt nicht das Mittel gegen unser System."

Und meint damit, dass es nicht das eine Allheilmittel gegen die geordnete Unordnung gibt, die mit dem Ansatz des neuen Trainers verbunden ist.

Freilich ist auch Leibold bewusst, dass das ganze System nur dann funktionieren kann, wenn wirklich alle bereit sind, die ambitionierten Vorgaben des Trainers zu erfüllen. Was sich vor allem im Läuferischen manifestiert.

Gegen Schalke wurde die der Taktik geschuldete physische Belastung auch in Form von Wadenkrämpfen (nicht nur bei Leibold!) sichtbar.

Jedoch liege das, so Leibold, "nicht am intensiven System von Tim Walter. Die Lauf-Distanzen sind relativ ähnlich zur letzten Saison. Das mit den Krämpfen lag daran, dass die Vorbereitung kurz war, nur wenige von uns mal über 90 Minuten gespielt haben."

Und trotzdem zum Ende der Partie ein wenig der "Sprit aus" ging, wie Leibold zugibt, brachten es die Hamburger am Ende souverän über die Runden.

Leibold mahnt zur Ruhe

Doch das gefürchtete A-Wort, das in einem euphorisierten Umfeld auch bereits nach dem ersten Spieltag schnell wieder fällt, will Leibold (zunächst) gar nicht in den Mund nehmen.

"Ruhig bleiben. Wir müssen mal zehn Spieltage abwarten und einfach mal sehen, wie wir in die Saison starten und das neue System greift. Ein Vorteil zu den letzten Jahren ist, dass es mit Schalke und Werder andere Mannschaften gibt, die vielleicht noch mehr den Druck verspüren, wieder aufsteigen zu müssen. Wir versuchen dieses Jahr wieder genau so anzugreifen wie die letzten Jahre."

Da fiel es, in Verbform, dann doch noch. Aber irgendwie sei es für Leibold auch "eine Frage der Ehre und des Ehrgeizes, mit dem HSV wieder in die Bundesliga zurückzukehren. Diesen Ansporn haben wir zu 150 Prozent." Ob nun mit oder ohne Kapitänsbinde.

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