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Hamburger SV

HSV: Hinter den Kulissen des Nachwuchs-Campus brodelt es gewaltig

Guido Müller
Cathrin Mueller/Getty Images
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Auf eins kann man sich beim Hamburger SV verlassen: Irgendwie ist in diesem Klub immer was los. Im tagespolitischen Geschäft wird heute der neue Cheftrainer der Profis, Tim Walter, vorgestellt. Doch zeitgleich rumort es hinter den Kulissen des Nachwuchs-Campus ganz gewaltig.


Von Mobbing ist da die Rede, es werden arbeitsrechtliche Prozesse angestrengt und im Hintergrund zieht einer die Strippen, der eigentlich seit drei Jahren gar nicht mehr beim HSV weilt. Doch der Reihe nach.

U19-Trainer klagt gegen Entlassung

Da wäre zum einen die Sache mit Daniel Petrowsky. Der U19-Trainer ist seit elf Jahren für den Klub tätig - doch der im Sommer auslaufende Vertrag soll laut Bild nicht mehr verlängert werden. Dagegen klagt jedoch der Nachwuchscoach.

Gut möglich, dass der Konflikt vorm Arbeitsgericht landet, wenn sich beide Parteien nicht doch noch vorher einigen können. Für die kommenden Tage soll zumindest ein Schlichtungstermin anberaumt sein.

Doch soll es auch eine Drohung seitens des Sportvorstandes Jonas Boldt gegeben haben. Der war von der angekündigten Klage Petrowskys gegen seine Entlassung nämlich alles andere als begeistert - und soll dem Petrowsky-Lager durch die Blume gesteckt haben, dieses Vorgehen in der Szene publik zu machen.

Was man wiederum als eine Art Erpressungsversuch ansehen könnte. Denn die Job-Suche würde für Petrowski durch einen ruinierten Leumund sicherlich nicht einfacher werden.

Jugend-Koordinator wird gemobbt

Ebenso will sich der Verein offenbar von Jugendkoordinator Florian Graudegus trennen. Der ist sogar schon seit 15 Jahren beim Klub angestellt und war bisher für die Aufbauarbeit in den Altersstufen U11 bis U15 verantwortlich. Die Chemie zwischen ihm und dem im August letzten Jahres zum "Direktor Nachwuchs" bestellten Horst Hrubesch soll nicht stimmen.

Horst Hrubesch
Zwischen Horst Hrubesch und Nachwuchs-Koordinator Graudegus soll die Chemie nicht gestimmt haben / Cathrin Mueller/Getty Images

Graudegus' Nachfolger soll der bisherige Technik-Trainer Sebastian Schmidt werden. Doch auch diese Trennung gestaltet sich alles andere als einvernehmlich.

Die Bild berichtet, dass nachdem sich Graudegus einer Vertragsauflösung verweigert hat, er seitdem gezielt gemobbt werde. Aktuell soll er mit der Erstellung einer Studie zum Thema "Internationale Ausbildungs-Systeme im Fußball" betraut sein.

Dabei sollen ihm jedoch fundamentale Arbeitsmittel (wie die Nutzung von E-Mail oder Telefon) vorenthalten werden. Außerdem soll er zukünftig, nach Beendigung des aktuellen Home-Office-Systems, in einem weit vom Nachwuchs-Campus entfernten Bürogebäude untergebracht werden.

Campus-Leiter nur noch auf Abruf

Nach lächerlicher Posse könnte auch der Fall Sebastian Harms klingen. Wenn es nicht so dramatisch bezeichnend wäre für den Klub. Seit 20 Jahren ist der derzeitige Campus-Leiter beim HSV aktiv. Doch nun soll er gehen.

Ein Nachfolger war auch bereits in der Person von Jan Zimmermann auserkoren. Doch obwohl Zimmermann selbst öffentlich die Einigung mit dem HSV verkündete, unterschrieb er wenige Tage später als Cheftrainer bei Ligakonkurrent Hannover 96.

Da parallel zu diesen Entwicklungen Horst Hrubesch als Cheftrainer der Profis für die letzten drei Spieltage installiert wurde, gab es am Campus zunächst ein Vakuum in der Führung. So dass vorerst Harms den Job weiterhin und bis auf Abruf ausführt.

Man kann sich unschwer die "Motivation", die dabei waltet, vorstellen. Insgesamt also ein ziemlich düsteres Bild, das das Nachwuchszentrum des HSV gerade abgibt. Petrowsky so gut wie abserviert (ein Nachfolger des U19-Trainers ist natürlich auch noch nicht da), Graudegus in der Mobbing-Falle und Harms nur noch auf Abruf.

Und Bernhard Peters zieht im Hintergrund die Strippen...

Und dann wäre da noch der Fall Bernhard Peters. Der frühere Hockey-Nationaltrainer arbeitete zwischen 2014 und 2018 als "Direktor Sport" vor allem für die Entwicklung des Nachwuchsbereiches der Hamburger verantwortlich. Er schied im Oktober 2018 nicht unbedingt im Guten vom Klub.

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Berät den HSV - obwohl er seit drei Jahren nicht mehr im Verein ist: Bernhard Peters / ODD ANDERSEN/Getty Images

Doch nun stellt sich heraus, dass Peters über die von ihm und Ole Jan Kappmeier gegründete Berateragentur "BP TeamCoaching" den HSV, konkret: Horst Hrubesch in dessen Eigenschaft als Direktor Nachwuchs, berät.

Und nicht nur den HSV. Sondern auch andere Klubs in Deutschland. Trotzdem soll Graudegus die Erkenntnisse seiner o.g. Studie weiterhin allwöchentlich an "BP TeamCoaching" weitergeben. Verstehen muss man dieses unheilvolle Geflecht von über dem Klub stehenden Individualinteressen sicherlich nicht.

Aber es wirft natürlich ein Erklärungen gebendes Schlaglicht auf die gesamte Organisation des Klubs. Wie soll man da am Ende ein gutes Ergebnis im sportlichen Bereich erwarten? Horst Hrubesch selbst hatte die Missstände in allgemein formulierter Form nach Beendigung seines Interims als Chef-Coach gnadenlos aufgezeigt.

Hrubesch: "Einige Sachen, die mir mittlerweile nicht gefallen!"

"Es gibt viele Dinge, die sich eingeschliffen haben. Es gibt viele Leute, die viele Jahre da sind. Da muss man sich auch mal hinterfragen, ob man in der richtigen Spur ist? Da habe ich eher den Eindruck – nein. Da sind einige Sachen, die mir mittlerweile nicht gefallen."

Und der Lange legte noch nach: "Ich werde sie sicherlich verändern. Einiges haben wir schon verändert. In Norderstedt sind wir anders, neu aufgestellt. Das wird hier im Campus sicherlich in der Zukunft auch passieren."

Bleibt im Sinne des Vereinswohls nur zu hoffen, dass man ihm dafür auch die entsprechende Machtfülle gibt. Und der HSV in Zukunft endlich wieder mehr im sportlichen Bereich von sich reden macht, als durch Grabenkämpfe hinter den Kulissen.

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