HSV-Coach Daniel Thioune: "Es zählt nur das Hier und Jetzt!"

HSV-Coach Daniel Thioune: "Bin im Hier und Jetzt!"
HSV-Coach Daniel Thioune: "Bin im Hier und Jetzt!" / Cathrin Mueller/Getty Images
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Gute drei Monate ist Daniel Thioune nun Cheftrainer des Hamburger Sportvereins. Gegenüber der Sportbild gab er jetzt erstmals Einblicke in seine Anfangszeit beim Traditionsklub, über Vereinslegenden und seine sportlichen Ziele.

Und gleich mit der ersten Frage wurde der Coach mit der größten aller Klub-Legenden und mit deren Wunsch, den Aufstieg in die Bundesliga noch erleben zu dürfen, "konfrontiert": "Für mich ist das ein großer zusätzlicher Antrieb. Wenn Uwe Seeler den Traum hat, werden wir alles dafür tun, damit wir dem sehr nahe kommen - und ihm und vielen anderen hoffentlich bald den Wunsch erfüllen zu können." Auch von anderen Klub-Ikonen, wie Horst Hrubesch, könne er nur profitieren. "Alle Gespräche, die ich mit Größen wie Horst Hrubesch führe, helfen mir, den HSV besser zu verstehen - und warum die Menschen, die im Umfeld mitfiebern, so eine enorme Leidenschaft für den Klub und so eine große Sehnsucht nach der Bundesliga haben."

Aber auch zu dem eigentlichen Kapital des Klubs (eines jeden Klubs!), zur treuen schwarz-weiß-blauen Anhängerschaft, will Thioune eine enge Beziehung aufbauen. Dafür hat er sogar ein großes Meeting im Volkspark organisiert. "Wir haben uns auf der Nordtribüne in unserem Stadion unter Einhaltung aller Corona-Regeln mit zahlreichen Fan-Vertretern aus ganz Deutschland getroffen. Sie haben den Spielern und den Funktionsträgern erklärt und unterstrichen, welche Bedeutung der Verein für sie hat, was sie von uns erwarten. Das zeigt den Zusammenhalt und verdeutlicht wieder, wie groß der HSV ist."

"Träumereien nicht angemessen!"

Doch von Wünschen und Träumen allein, das weiß natürlich auch ein Daniel Thioune, werden Erfolge natürlich nicht kommen. "Der Wunsch, wieder ganz schnell zu den 18 besten Klubs Deutschlands zu gehören, ist natürlich da. Aber ich glaube, dass unsere Fans längst verstanden haben, dass Träumereien nicht angemessen sind. Dass es harter Arbeit und Geduld bedarf, dass man vielleicht länger braucht, um wieder in der 1. Liga zu sein."

Und deshalb will er auch angesichts der prominenten Neuzugänge wie Sven Ulreich oder Simon Terodde gar nicht erst in die Nähe einer Selbstverständlichkeit bezüglich des Rückkehr ins Oberhaus kommen. "Für alle Außenstehenden zählt der HSV zu den Aufstiegskandidaten. Das muss uns immer klar sein. Das ist ja auch ein Stück weit das Spiel mit der Favoritenrolle und dem Druck. Unabhängig, wen wir verpflichtet haben oder hätten. Klar ist doch: auch wir wollen maximalen Erfolg. Die Qualität der einzelnen Spieler ist sehr gut, aber entscheidend wird sein: inwieweit sind wir als Mannschaft in der Lage, erfolgreich Fußball zu spielen? Denn für den HSV hat es trotz der Qualität in den vergangenen zwei Jahren nicht gereicht, in die 1. Liga aufzusteigen. Und die Wahrscheinlichkeit erhöht sich nicht automatisch nur durch gute Transfers."

"Es zählt nur die sportliche Qualifikation!"

Deshalb kann Thioune mit dem gerne benutzten Begriff des "FC Bayern der Zweiten Liga" auch nicht viel anfangen. "Der HSV hat namentlich sehr viel Strahlkraft. Er gehört als Marke zu den größten Vereinen in Deutschland. Dennoch ist er aktuell ein Zweitligist. Immer zu glauben, man sei ein gefühlter Erstligist, das berechtigt nicht, in der 1. Liga zu spielen. Es zählt nur die sportliche Qualifikation. Es zählt nur das Hier und Jetzt."

Entsprechend macht er sich auch keinen Kopf darüber, was 16 seiner Vorgänger auf der HSV-Bank (seit 2010) widerfahren ist. Nämlich die vorzeitige Kündigung. "Wenn ich eines nicht habe, dann Jobverlust-Angst. Wie gesagt: ich bin im Hier und Jetzt, sehe alles als Chance und Herausforderung an - und nicht als Bedrohung oder Risiko. Ich habe in den vergangenen Jahren nachgewiesen, dass ich nicht so schlechte Arbeit abgeliefert habe. Ich bin ein glücklicher Mensch, habe einen Traumjob. Dass er irgendwann zu Ende sein kann, ist mir völlig klar."

"Copy & paste ist das Letzte, was ich machen möchte!"

Vorbilder, im klassischen Sinne, habe er keine. "Ich lerne gerne von den ganz großen Trainern. Doch jeder muss seinen eigenen Weg finden und gehen. Sich immer nur an Pep Guardiola oder Jürgen Klopp zu orientieren, das ist sicher möglich. Doch das hilft mir nicht in der 2. Liga. Denn copy & paste ist Letzte, was ich machen möchte. Außerdem: Bei all dem Respekt vor diesen großen Trainern. Aber wenn man ihre Mannschaften und deren individuelle Qualität nicht hat, dann hilft es einem vielleicht auch weniger, den besten Leuten über die Schulter zu gucken."

Vielmehr glaube er, "dass es für sie eine Herausforderung wäre, einen durchschnittlichen Drittligisten zu führen. Ich schaue eher auf die, die sich in dem Umfeld auskennen, in dem ich arbeite. Wie zum Beispiel Peter Vollmann." (früherer Drittliga-Trainer und jetziger Sportdirektor bei Eintracht Braunschweig, Anm. d. Red.)

Thioune wünscht sich noch mehr Zivilcourage im Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit

Zum Ende des Interviews musste die Rede auch nochmal auf die Geschehnisse rund um Toni Leistner im Anschluss an das Pokalspiel bei Dynamo Dresden kommen. Wie sich jetzt erst herausgestellt hat, soll damals auch Daniel Thioune von sogenannten Fans beleidigt worden sein. Für ihn - leider, leider - nichts Außergewöhnliches. Die Attacken beziehen sich meistens auf das Gleiche: "Das Aussehen und die Pigmentierung. Damit kann ich mittlerweile umgehen. Leider sind diese Art Beleidigungen immer noch ein großes gesellschaftliches Problem. Nur durch Reden werden wir es nicht verändern - sondern durch Handeln. Ich fand die Aktion in Münster schon ein starkes Zeichen, einfach die richtige Reaktion, als Anfang des Jahres ein paar Zuschauer auf denjenigen zeigten und ihn damit für Ordner und Polizei identifizierten, der die Stimme gegen Leroy Kwadwo erhoben hatte. (...) Das zeigt, dass es Zivilcourage gibt. Das ist das, was ich mir noch viel häufiger wünschen würde."