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Hamburger SV

HSV: Auch Boldts Wirken muss jetzt auf den Prüfstand

Guido Müller
Bekommt er eine dritte Chance in Hamburg? Sportvorstand Jonas Boldt
Bekommt er eine dritte Chance in Hamburg? Sportvorstand Jonas Boldt / Martin Rose/Getty Images
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Als der auch in diesem Jahr wieder durchaus mögliche Aufstieg des Hamburger SV endgültig verspielt war, nach dem 2:3 am 33. Spieltag beim abstiegsbedrohten VfL Osnabrück, stand Sportvorstand Jonas Boldt den Sky-Reportern Rede und Antwort. Sorgen um seine Zukunft macht sich der 39-Jährige nach dem abermaligen Verpassen des Klassenziels keine. Doch ist das berechtigt?


Zu dem groben Aufgabenfeld eines Sportvorstandes gehört neben der Repräsentation des Klubs nach außen vor allem die planerische Organisation des Spielbetriebes, welche wiederum hauptsächlich die Verpflichtungen (und gegebenenfalls Entlassungen) von Trainerstab und kickendem Personal beinhaltet.

Seit dem 24. Mai 2019 schaltet und waltet Jonas Boldt, unterstützt von Sportdirektor Michael Mutzel, in diesem Sinne beim Traditionsklub aus dem Volkspark.

Saison 2019/2020

An der Verpflichtung von Dieter Hecking, die Ende Mai desselben Jahres festgezurrt wurde, hatte Boldt noch keinen eigenen Anteil, außer dass er die von seinem Vorgänger Ralf Becker initiierten Gespräche letztlich erfolgreich zum Abschluss brachte.

Die Hecking zu diesem Zeitpunkt wohl schon im Kopf schwebende Verpflichtung von Torwart Daniel Heuer Fernandes könnte dann als erste Verpflichtung eines Spielers dem Konto von Jonas Boldt zugeschrieben werden.

Von den restlichen 14 Spielern, die zwischen dem Sommer und Winter (2019/20) verpflichtet wurden, waren noch vier weitere Personalien bereits vor Boldts Bestellung zum Sportvorstand mehr oder weniger festgezurrt: David Kinsombi, Jan Gyamerah, Jeremy Dudziak und Lukas Hinterseer fallen deshalb noch in den Verantwortungsbereich von Becker.

Bereits voll und ganz im Aufgabenfeld von Jonas Boldt liegen - neben erwähntem Heuer Fernandes - die Transfers von Timo Letschert, Ewerton, Tim Leibold, Adrian Fein, Sonny Kittel, Louis Schaub, Jordan Beyer, Martin Harnik und Joel Pohjanpalo.

Mit gutem Willen könnte man Joel Pohjanpalo, der in der Winterpause 2019/20 von Bayer Leverkusen (also Boldts ehemaligem Arbeitgeber) ausgeliehen wurde, als Volltreffer und Tim Leibold als mehr oder weniger gelungenen Transfer bezeichnen.

Der Finne traf immerhin neunmal in 14 Spielen für die Rothosen, während Tim Leibold in seiner ersten Saison beim HSV zum Vorlagenkönig der Hamburger (16 Assists) aufstieg. Doch während der Finne mittlerweile schon längst wieder woanders seine Tore erzielt, haben Leibolds Leistungen in dessen zweiter Hamburger Spielzeit dramatisch nachgelassen.

Den siebzehn Torbeteiligungen (einmal traf Leibold selbst) in der vergangenen Saison, stehen nur deren acht (vier Tore, vier Vorlagen) in der nächste Woche endenden gegenüber. Welches ist nun der "wahre" Tim Leibold?

Worüber es in der breiten Anhängerschaft der Hamburger keine zwei Meinungen gibt, ist, dass Timo Letschert, Ewerton, Adrian Fein, Louis Schaub und Martin Harnik die Mannschaft am Ende nicht einen Zentimeter voran gebracht haben.

Bei den beiden Abwehrspielern könnte man darüber hinaus sogar in aller Schärfe urteilen, dass sie die Mannschaft mit ihren permanenten Konzentrationsmängeln sogar geschwächt haben. Bisweilen slapstickhafte Fehler, vor allem von Letschert, sorgten in der traditionell schlechten Rückrunde (darin ist sich der HSV über die gesamte Zweitklassigkeit hinweg treu geblieben!) für viele Gegentore und Punktverluste.

Timo Letschert
Ein zu häufiges Bild in der Rückrunde 2020: Letschert verlässt gesenkten Kopfes das Spielfeld / Matthias Hangst/Getty Images

Ich sage "vor allem von Letschert", weil sein theoretischer Abwehrpartner Ewerton den Großteil seiner Hamburger Zeit im Krankenlager verbrachte. Insgesamt kam der von Trainer Hecking als "kopfballstarker Abwehrspieler mit sehr, sehr gutem Spielaufbau" angepriesene Brasilianer auf nur fünf Spiele mit der Raute auf der Brust.

Ein weiteres Indiz für die wenig nachhaltige und noch weniger zielführende Transferpolitik von Boldts erstem Sommer in Hamburg ist die Tatsache, dass von den genannten neun Verpflichtungen nur zwei (Heuer Fernandes und Kittel) den Übergang in die folgende Spielzeit (also die aktuelle) mitgemacht haben.

Was aber, so ehrlich muss man sein, auch den vielen Leihgeschäften (Fein, Schaub, Beyer, Harnik und Pohjanpalo) geschuldet war.

Saison 2020/2021

Doch viel besser wird das Arbeitszeugnis in der Kategorie "Transfers" für Boldt auch bei Betrachtung der aktuellen Spielzeit nicht. Mit der Freistellung Daniel Thiounes vor gut zwei Wochen bestätigte der Sportvorstand letztlich höchstselbst, kein Vertrauen mehr in den gebürtigen Osnabrücker zu haben - was in der Konsequenz einem Eingeständnis gleichkommt, auch hier falsch gelegen zu haben.

Bezüglich des kickenden Personals waren den Hamburgern im letzten Sommer aufgrund eines gegenüber dem Vorjahr reduzierten Etats von vornherein enge Fesseln angelegt. Dennoch schien vor allem die Verpflichtung von Torjäger Simon Terodde das Puzzleteil zu sein, welches das Erfolgsrezept der Hamburger aufgehen lassen sollte.

Leider hielt das Tor-Versprechen nur eine (bockstarke) Hinrunde, als Terodde in 17 Spielen 17 Buden gelangen. In der Rückserie waren es nur noch sechs. Abgesehen davon, kann man auch noch darüber streiten, ob die Verpflichtung eines dreimaligen Zweitliga-Torschützenkönigs wirklich fantasievolle Manager-Arbeit oder eben doch nur "Dienst nach Vorschrift" darstellt.

Von den restlichen fünf Spielern, die vor dieser Saison geholt wurden (Moritz Heyer, Toni Leistner, Klaus Gjasula, Amadou Onana und Sven Ulreich) kann man Heyer, Leistner und Onana zu den eher gelungenen Transfers rechnen, während der als "Säulenspieler" gelobte Gjasula und der ehemalige Reserve-Torwart des FC Bayern eindeutig zu den großen Enttäuschungen der Saison zu zählen sind.

Klaus Gjasula
Zum erhofften Säulenspieler wurde Klaus Gjasula beim HSV zu keiner Phase / Simon Hofmann/Getty Images

In der Summe ergibt sich somit ein mehr als ernüchterndes Gesamtbild, was die bisherige Arbeit von Jonas Boldt beim Hamburger SV betrifft.

Mir selbst ist er dabei gar nicht mal unsympathisch. Was aber natürlich nicht im Entferntesten ein Kriterium für die Bewertung seiner Arbeit sein darf. Die ihm von vielen HSV-Fans vorgeworfene oder unterstellte Arroganz lässt sich vielleicht auch auf seine schiere Körpergröße zurückführen, mit der er den meisten seiner Gesprächspartner scheinbar "von oben herab" begegnet.

Am Ende des Tages versucht natürlich auch ein Jonas Boldt, aus seiner Tätigkeit das Bestmögliche für den Klub herauszuholen. Dazu gehört auch, ich schrieb es eingangs, die Repräsentation des Klubs nach außen.

Wie am vergangenen Sonntag, als er den Millionen gefrusteter HSV-Fans irgendwie erklären musste, warum es auch im dritten Jahr hintereinander wieder nicht für den Aufstieg gereicht hat.

Unglückliche Aussage nach dem erneut vergeigten Aufstieg

Neben den üblichen Sprachhülsen bezüglich seiner Zukunft ("Es ist ein steiniger Weg. Aber wir gehen ihn weiter. Und da werde ich definitiv vorangehen.") ließ er dabei einen Satz verlauten, der allen, die es mit der Raute halten, wie blanker Hohn vorgekommen sein muss.

Denn die Meinung, dass "vom Verpassen des Aufstiegs abgesehen" der "HSV in vielen Dingen keine Lachnummer" sei, dürfte er zurzeit wohl ziemlich exklusiv haben. Ich musste am Sonntag lange nachdenken, um darauf zu kommen, an welchen Film mich diese Aussage erinnerte.

Am Ende fiel es mir auch noch ein: es war die Szene des konspirativen Treffens der Volksfront von Judäa in Monty Phytons "Leben des Brian" (Stichwort: was haben die Römer eigentlich für uns getan, abgesehen von der Installierung von Abwassersystemen, der Errichtung eines Steuerwesens, der Organisation von Polizei etc. etc. etc.?).

Irgendwie ja auch wieder passend angesichts des Leidenswegs meines geliebten Klubs. Gespannt darf man nun in den kommenden Wochen darauf sein, wie die sportliche Führung (sprich Aufsichtsrat des e.V.) über Boldt und dessen Arbeit urteilen wird.

Bleibt nur zu hoffen, dass man sich dafür nicht bis zu den Wahlen des neuen Präsidenten des Gesamtklubs (der dann automatisch einen Platz im Aufsichtsrat hätte), irgendwann im Sommer, Zeit lässt.

Gerade durch die nun vorzeitig "erreichte" Planungssicherheit bezüglich der Liga, in der man im nächsten Jahr spielen wird, hat man eigentlich einen gewissen zeitlichen Vorteil gegenüber so manchem Konkurrenten auf dem Transfermarkt. Aber "eigentlich" ist im Zusammenhang mit dem HSV immer noch ein sehr gefährliches Wort gewesen.

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