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Flick-Beben: Interne Kritik am Bayern-Trainer & eine Chronologie der Pannen

Simon Zimmermann
Apr 19, 2021, 10:10 AM GMT+2
Intern soll es durchaus Kritik an Hansi Flick gegeben haben
Intern soll es durchaus Kritik an Hansi Flick gegeben haben / Martin Rose/Getty Images
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Hansi Flick will nicht mehr Bayern-Trainer sein. Nach Saisonende will der 56-Jährige seinen Vertrag auflösen. Hauptgrund sind die ständigen Streitereien und Machtkämpfe mit Sportvorstand Hasan Salihamidzic. Aber auch die interne Kritik am Sextuple-Coach soll eine Rolle gespielt haben. Flick soll u.a. ohne Absprache mit potenziellen Neuzugängen telefoniert haben.

Nach dem Sieg in Wolfsburg machte Hansi Flick öffentlich deutlich, was man schon seit geraumer Zeit erahnen konnte: Der Trainer des FC Bayern will den Rekordmeister am Saisonende verlassen und seinen bis 2023 datierten Vertrag auflösen!

Der Zeitpunkt der Verkündung, direkt nach dem 3:2-Sieg am Samstag, erwischte die FCB-Bosse offenbar auf dem falschen Fuß. Am Tag darauf sah sich der Vorstand dazu veranlasst, eine offizielle Stellungnahme abzugeben, in der man den Vorgang des Trainers missbilligte.

Kahn wollte Flick von Verbleib überzeugen

Wie Sport1-Reporter Florian Plettenberg berichtet, soll Bald-Vorstandsboss Oliver Kahn in der Woche zuvor noch versucht haben, Flick von einem Verbleib in München zu überzeugen. Das Gespräch am vergangenen Donnerstag soll dabei sehr nüchtern und sachlich ("businesslike") abgelaufen sein.

Kahn soll Flick dabei einen Weg aufgezeigt haben, wie eine künftige Zusammenarbeit mit Sportvorstand Hasan Salihamidzic weiter möglich sei. Flick aber blieb bei seinem Entschluss, dass es keine Alternative zu einer Trennung am Saisonende gebe.

Oliver Kahn konnte Flick nicht mehr überzeugen
Oliver Kahn konnte Flick nicht mehr überzeugen / Alexander Hassenstein/Getty Images

Bis zuletzt war die Rolle von Oliver Kahn in der Dauer-Fehde zwischen Flick und Salihamidzic offen. Während Karl-Heinz Rummenigge klar hinter Flick stand, positionierte sich Ehren-Präsident Uli Hoeneß hinter Brazzo. Kahn steht und stand zwischen den Stühlen - und wollte die Streitereien ohne Emotionen regeln. Ein Plan, der schiefgelaufen ist.

Flick-Entscheidung stand schon lange fest!

Eine wirkliche Chance auf Erfolg schien Kahn ohnehin nicht mehr gehabt zu haben. In Flick war der Entschluss längst gereift. Schon vor rund sechs Wochen soll er laut kicker-Informationen seinen Anwalt angerufen haben, um ihm seinen Abgangs-Wunsch mitzuteilen.

Im Anschluss soll es zwischen Flick, Rummenigge und Präsident Herbert Hainer ein Gespräch gegeben haben, bei dem der FCB-Coach den Verantwortlichen mitteilte, dass er und Salihamidzic einfach nicht zusammenpassen würden. Einen Machtkampf mit dem Sportvorstand strebte Flick aber nicht an - und so gab es für ihn nur eine Konsequenz.

"Die Entscheidung, die ich getroffen habe, habe ich nach reiflicher Überlegung getroffen", bestätigte der Noch-Bayern-Coach. Flick erklärte auch, warum der den Zeitpunkt nach dem Wolfsburg-Spiel als richtigen erachtete. Ihm sei es wichtig gewesen, "dass die Mannschaft das nach knapp zwei erfolgreichen Jahren von mir erfährt, weil es das ein oder andere an Flurfunk schon gegeben hat".

Die Gründe für seinen Entschluss habe er "mit dem Verein besprochen, die bleiben jetzt erst einmal intern", so Flick weiter. Ganz offensichtlich liegt aber das miese Verhältnis zu Salihamidzic als Hauptgrund auf der Hand.

Hasan Salihamidzic und Hansi Flick waren sich bei der Kaderplanung meist uneins
Hasan Salihamidzic und Hansi Flick waren sich bei der Kaderplanung meist uneins / Alexander Hassenstein/Getty Images

Angefangen hatte es schon im Winter-Trainingslager in Kater 2020, als Flick offensiv und öffentlich Verstärkungen forderte. Es war der erste Konflikt zwischen Trainer und Sportvorstand, der dann auch gleich öffentlich ausgetragen wurde.

Der Höhepunkt dieses Konflikts um die Kaderplanung war dann der Deadline Day im vergangenen Sommer, als der FC Bayern auf den letzten Drücker dringend benötigte Kader-Ergänzungen verpflichtete. Die meisten jedoch waren nicht unbedingt Flicks Wunschspieler - um es vorsichtig zu formulieren. Bis auf Eric Maxim Choupo-Moting können nach knapp einer Saison auch alle als Fehleinkäufe abgestempelt werden.

Interne Kritik an Flick

Die größten Probleme hatte Flick aber mit den Abgängen von David Alaba und Jerome Boateng. Auch deshalb sieht er die Chancen im internationalen Vergleich - und damit auf die Wiederholung der großen Erfolge seiner Debüt-Saison, schwinden. Mitglieder der Klub-Führung sollen laut kicker diese Bedenken nicht sonderlich positiv aufgenommen haben. Sie hätten sich mehr Verständnis und Identifikation mit dem Klub und seinem Weg der finanziellen Vernunft gewünscht.

Es sollen aber nicht die einzigen, leise vernehmbaren Vorwürfe gegen Flick gewesen sein. Der Bayern-Coach soll Spieler, bei denen er persönlich an einem Transfer interessiert war, ohne Absprache angerufen haben. Damit hätte er tatsächlich den Arbeitsbereich von Salihamidzic untergraben.

Dazu wird ihm vorgeworfen, Talente zu zaghaft einzubauen - wobei man sich hier fragen muss, welcher Bayern-Coach in den letzten Jahren dies stärker vorangetrieben hatte. Generell der Umgang mit dem Campus und Ärger mit der U23, sollen ihm ebenfalls vorgeworfen worden sein.

Zu guter Letzt gab es auch Kritik an der Spielweise. Die vielen Gegentore als Folge der extrem offensiven Ausrichtung, sollen teils bemängelt worden sein. Sie war es allerdings, die den Bayern das historische Sextuple bescherte und das Spiel des Rekordmeisters so attraktiv wie lange nicht mehr machte.

Verständlich ist sie demnach nur bedingt. Flick aber bekam sie mit und nahm sie sich offenbar auch zu Herzen. Zumindest ein weiterer Grund, um die Brocken in München hinzuschmeißen, dürfte sie gewesen sein.

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