EM 2020

It's coming Rome! Italien schlägt England im Elfmeterschießen und krönt sich zum Europameister

Oscar Nolte
Italien ist Europameister!
Italien ist Europameister! / Andy Rain - Pool/Getty Images
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Tore:
0:1 Shaw (2.)
1:1 Bonucci (67.)


It's coming home or it's coming Rome? Im Londoner Wembley spielten Italien und England am Sonntag den Europameister-Titel aus. Beide im Turnierverlauf extrem diszipliniert und defensiv stark und jeweils verdient im Endspiel.

Gareth Southgate stellte seine Three Lions um, brachte Trippier für Saka und bot seine Mannschaft aus einer Dreier- bzw. Fünferkette heraus auf. Offensiv setzte Southgate neben Kane und Sterling zunächst auf Mount. Italiens Nationaltrainer Roberto Mancini vertraute seiner Elf aus dem Halbfinale gegen Spanien.

England, die fünf ihrer sechs bisherigen Spiele im Wembley austragen durften und vom ersten EM-Titel überhaupt träumten, legte los wie ein Feuerwerk. Nach einer italienischen Ecke konterten die Three Lions, Trippier fand mit einer maßgeschneiderten Flanke schließlich am zweiten Pfosten Shaw, der per Dropkick sein erstes Länderspieltor überhaupt erzielte - vielleicht das wichtigste seiner Karriere. Donnarumma im Tor der Italiener hatte beim Abschluss von Shaw ins kurze Eck keine Chance.

Die Squadra Azzurra, erstmals im Turnier in Rückstand, befand sich nach dem frühen Gegentreffer in Schockstarre. England hingegen schaltete keinen Gang runter und spielte die offensiv ansehnlichste Halbzeit im bisherigen Turnier der Three Lions. Über die beiden Außen Shaw und Trippier drohte für Italien immer Gefahr, Harry Kane als verkappter Spielmacher öffnete zudem immer wieder Räume. Vor eine wirkliche Prüfung stellen konnte die Mannschaft von Southgate Donnarumma in der ersten Halbzeit nicht mehr. Defensiv stand die Mannschaft allerdings wie ein Bollwerk und ließ Italien überhaupt nicht zum Zug kommen. Einzig Chiesa sorgte im ersten Durchgang für die Squadra Azzurra für Gefahr: nach einem Turbo-Dribbling rauschte sein Flachschuss nach 35 Minuten knapp am rechten Pfosten vorbei.

Italiens Umstellung fruchtet - Bonucci gleicht aus

Mancini reagierte zehn Minuten nach dem Seitenwechsel und nahm Barella und Immobile raus, brachte für den Lazio-Knipser Berardi, der auf Rechts rückte und im Zentrum Platz für Insigne als falsche Neun machte. Italien übernahm zunehmend die Ballbesitz-Kontrolle, fand gegen den englischen Abwehr-Riegel jedoch weiterhin kaum Räume, obwohl mit der Hereinnahme von Berardi deutlich mehr Bewegung im letzten Drittel der Squadra Azzurra stattfand.

England konzentrierte sich aufs Verteidigen und ließ sich zunehmend an den eigenen Sechzehner drängen; Chiesa scheiterte nach einer guten Stunde an Pickford. Eine kurze Entlastung fanden die Three Lions kurz darauf durch eine Ecke; Stones scheiterte mit seinem Kopfball jedoch an Donnarumma.

Die Umstellung Mancinis fruchtete jedoch und Italien belohnte sich schließlich nach 67 Minuten für die Druckphase: nach einer Ecke scheiterte Verratti am Pfosten, Bonucci stocherte den Ball dann jedoch zum Ausgleich über die Linie. Italien gewann durch den Wirkungstreffer Oberwasser und wirkte nun näher dran an einem Siegtreffer in der regulären Spielzeit. Einen langen Ball von Bonucci brachte Berardi nach 73 Minuten beinahe im Tor von Pickford unter.

England wirkte durch den Gegentreffer angeknockt. Die Squadra Azzurra gab fortan den Ton an, erarbeitete sich aber nicht mehr die klaren Chancen. Mit Chiesa musste nach 84 Minuten dann auch noch der gefährlichste Stürmer angeschlagen vom Platz. Es roch nach Verlängerung - und die bekam Wembley auch.

Allerdings eine sehr zermürbende Verlängerung. Den ersten wirklichen Aufreger gab es erst nach 103 Minuten, als Pickford eine scharfe Flanke von Emerson vor die Füße von Belotti lenkte, der aus zehn Metern jedoch verzog. Zuvor verpasste Bernadeschi die Hereingabe von Emerson nur um einen Schritt. Von England war weiterhin wenig bis nichts mehr zu sehen.

Nach dem Seitenwechsel prüfte Bernadeschi Pickford nochmal mit einem Freistoß, den der Everton-Keeper beinahe fallen ließ, im Nachpacken jedoch sicher hatte. Die Partie nahm im letzten Durchgang durchaus Fahrt auf, Donnarumma bekam kurz nach dem Bernadeschi-Freistoß gerade noch vor Stones die Fäuste an eine englische Flanke. Die Three Lions nahmen das Ruder in der Schlussphase in die Hand und drängten Italien tief in die eigene Hälfte. Eine klare Torchance ergab sich allerdings nicht mehr. Die EURO2020 musste einen Sieger im Elfmeterschießen finden.

- Italien begann, Berardi trat als erster Schütze an - und verwandelte souverän.
- Für England trat anschließend Kane an - und traf platziert ins linke Eck.
- Belotti folgte für Italien - und scheiterte zentral an Pickford! Schwach geschossener Elfmeter.
- Maguire bekam die Chance, England in Führung zu bringen - und hämmerte den Ball in den rechten Winkel!
- Bonucci musste für Italien nun unbedingt nachlegen - und brachte den Ball im Tor unter.
- Rashford trat als nächster Schütze an - und setzte den Ball an den Pfosten!
- Bernadeschi konnte nun wieder für Italien vorlegen - und traf sicher mittig.
- Für England sollte nun Sancho nachziehen - doch er scheiterte an Donnarumma!
- Der sicherste Italiener, Jorginho, konnte die Squadra Azzurra nun zum Europameister krönen - doch Pickford hielt! Unglaublich!
- Für England trat nun Saka an, der treffen musste - aber verschoss! Donnarumma hält, Italien ist Europameister!


England in der Einzelkritik: Die Noten der Three Lions

1. Torwart und Abwehr

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Hielt zwei Elfmeter: Jordan Pickford / JOHN SIBLEY/Getty Images

Jordan Pickford: Wurde im ersten Durchgang gar nicht ernsthaft geprüft. War dann gut gegen Insigne zur Stelle und stark gegen Chiesa. Unglücklich beim 1:1, im Nachfassen gegen Bernadeschis Freistoß. Im Elfmeterschießen hielt er zwei, doch es reichte nicht. 7/10

Harry Maguire: Organisierte den englischen Defensiv-Verbund zunächst mehr als ordentlich, nur Chiesa brachte ihn einmal ins Schwitzen. Auch als Unruheherd bei eigenen Standards aktiv. 7/10

John Stones: Arbeitete viel weg und blockte den Abschluss von Immobile. Wenig Zugriff beim 1:1. Fast mit dem Siegtreffer, doch verpasste er den Kopfball. Dennoch eine starke Partie. 7/10

Kyle Walke
r: Fügte sich gut in seine Rolle in der Dreierkette ein und ging dann nach dem 1:1 als Rechtsverteidiger in das Duell gegen Chiesa. In der Verlängerung mit Dusel gegen Emerson. 7/10

2. Mittelfeld

Declan Rice, Bryan Cristante
Bockstarker Auftritt von Declan Rifce / Carl Recine - Pool/Getty Images

Luke Shaw: Erzielte früh und sehenswert das 1:0, mimte in Halbzeit eins oft den Flügelstürmer. Spätestens nach dem 1:1 dauerhaft in der Defensive gebunden. 6/10

Kieran Trippier
: Legte Shaw das 1:0 auf, stand im ersten Durchgang ebenso so hoch wie sein Kollege. Im zweiten Durchgang mehr gegen Chiesa gefordert. Die hohe Laufarbeit endete in der 70. Minute, als er durch Saka ersetzt wurde. 6/10

Declan Rice: Ungemein umtriebig und immer auf der Suche nach Löchern im eigenen Bollwerk, um diese zu stopfen. Ging völlig ausgepumpt nach 74 Minuten vom Feld. Starke Leistung des wohl besten Engländers! 8/10

Kalvin Philips: Zunächst weniger auffällig als sein Partner Rice, doch mit einigen guten Aktionen. Sehenswerter Abschluss in der Verlängerung, insgesamt eine solide Vorstellung. 6/10 

3. Sturm

Harry Kane
Harry Kane verwandelte seinen Elfmeter - doch es reichte nicht / John Sibley - Pool/Getty Images

Mason Mount: Quasi unsichtbar in der ersten Hälfte und schlief dann beim italienischen 1:1. Konnte sich offensiv kaum in Szene setzen und wurde in der Verlängerung erlöst. 4/10

Raheem Sterling
: Seine auffälligste Aktion war zunächst eine Schwalbe zu Beginn der zweiten Hälfte. Arbeitete viel, zeigte sich vor dem italienischen Kasten aber mehrfach uninspiriert. 5/10

Harry Kane: Offensiv trat er fast nicht in Erscheinung, half aber viel in der Arbeit gegen den Ball. Dennoch wirkte er sehr gehemmt und konnte sein eigentliches Potenzial im Angriff nie entfalten. 6/10

4. Einwechselspieler

Marcus Rashford
Marcus Rashford scheiterte vom Punkt / John Sibley - Pool/Getty Images

Bukayo Saka (ab 70.): Kam für Trippier und gab den Rechtsaußen, nachdem England auf 4-3-3 umstellte. War aber größtenteils in der Defensive gebunden. 5/10

Jordan Henderson (ab 74.): Sollte nach dem 1:1 für Ruhe und Stabilität sorgen. Schaffte dies auch, sorgte aber zunächst für keine Impulse nach vorn. Fiel zudem mit einigen leichten Ballverlusten auf. Wie im gesamten Turnier eher Mitläufer als Antreiber. 3/10

Jack Grealish (ab 99.): Kam für den glücklosen Mount in die Partie und brachte zumindest die Zuschauer wieder mehr ins Spiel. Trotz einiger Szenen eher glanzlos. 5/10

Marcus Rashford, Jadon Sancho (beide ab 120.)
: Kamen beide ausschließlich für das Elfmeterschießen - mit bescheidenem Ausgang. keine Bewertung

Italien in der Einzelkritik: Die Noten der Squadra Azzurra

5. Torwart und Abwehr

Leonardo Bonucci
Leonardo Bonucci erzielte den erlösenden Ausgleichstreffer für Italien / Claudio Villa/Getty Images

Gianluigi Donnarumma: Beim Gegentor von Shaw machtlos, ansonsten sicher bei hohen Bällen und Flanken. Parierte einen gefährlichen Kopfball von Stones nach etwas mehr als einer Stunde stark. Im zweiten Durchgang der Verlängerung wischte der Italien-Keeper eine Flanke kurz vor dem einköpfbereiten Stones weg. Am Ende der Matchwinner mit dem gehaltenen Elfmeter gegen Saka. 10/10

Giovanni Di Lorenzo: Vergaß Shaw beim 1:0 im Rücken und durchlebte eine wacklige Anfangsphase mit vielen Ungenauigkeiten. Anschließend solide, aber unauffällig. 5/10

Leonardo Bonucci: Gewohnt solide im Abwehrzentrum. Da England primär über die Außen kam jedoch in der Defensive kaum gefordert. Probierte es in der 45. Minute mit einem Frustversuch aus der Distanz, um seine Mannschaft wachzurütteln. Nach 67 Minuten war der italienische Rekordnationalspieler dann zur Stelle und drückte den Ball nach einer Ecke zum Ausgleich über die Linie. Spielte nach 73 Minuten einen überragenden Ball auf Berardi, der knapp verzog. 9/10

Giorgio Chiellini: Präsent, eklig und konsequent in den Zweikämpfen - jedoch wie Bonucci ohne die großen defensiven Prüfungen. Als Leader natürlich omnipräsent. Verschätzte sich nach 96 Minuten gegen Saka und zeigte dem Jungspund, anschließend, warum mit ihm nicht gut Kirschen essen ist; sah für ein grobes taktisches Foul zurecht gelb. Grätschte zu Beginn der Verlängerung Sterling in gefährlicher Position ab. 8/10

Emerson Palmieri: Wurde auf der linken Seite zwar immer wieder eingesetzt, wusste mit dem Ball aber wenig anzufangen. Defensiv durch die offensiven und schnellen Außenverteidiger der Engländer jedoch auch extrem gefordert. Blieb im gesamten Spiel unauffällig. 5/10

6. Mittelfeld

Jorginho, Mason Mount
Jorginho trieb das italienische Mittelfeld an / Claudio Villa/Getty Images

Marco Verratti: Im ersten Durchgang überhaupt nicht im Spiel, Versuchte sich gelegentlich Bälle im Abwehrzentrum abzuholen, wusste mit der Kugel jedoch auch nicht wirklich etwas anzufangen. Bekam im Verbund des Dreier-Mittelfelds das Zentrum nicht dicht. Bereitete den Treffer von Bonucci mit einem Kopfball an den Pfosten quasi vor. 5/10

Jorginho: Der italienische Regisseur überdehnte sich nach 20 Minuten das Knie und schien nicht mehr weitermachen zu können. Biss jedoch auf die Zähne und war im ersten Durchgang einer der aktivsten, ballsichersten und zielstrebigsten Italienern. 7/10

Nicolo Barella: Tauchte im ersten Durchgang komplett unter. Vom Mittelfeld-Ass war überhaupt nichts zu sehen - weder offensiv, noch defensiv. Verließ nach 54 Minuten den Platz. 3/10

7. Sturm

Federico Chiesa, Bukayo Saka
Im Dribbling kaum zu stoppen: Federico Chiesa / Paul Ellis - Pool/Getty Images

Federico Chiesa: Wenn es im ersten Durchgang aus italienischer Sicht gefährlich wurde, dann über Chiesa. Der Juve-Star sah den Ball nicht oft, ging aber sofort ins Tempo-Dribbling, wenn er die Kugel bekam. Sein sehenswerter Flachschuss nach 35 Minuten rauschte knapp am Pfosten vorbei. Auch nach dem Seitenwechsel agil, scheiterte nach 60 Minuten an Pickford. Der gefährlichste Angreifer der Squadra Azzurra verletzte sich nach 80 Minuten jedoch und wurde kurz darauf ausgewechselt. 8/10

Lorenzo Insigne: Wirkte in der Anfangsphase nervös und leistete sich einige Flüchtigkeitsfehler. Versuchte sich in die Partie zu kämpfen, forderte viele Bälle, konnte aber auch kaum für Impulse sorgen. Verfehlte mit zwei Freistößen aus aussichtsreicher Position knapp den Kasten von Pickford. Rückte nach der Auswechslung von Immobile als falsche Neun in die Spitze, kreierte allerdings zu wenig und wurde nach Ablauf der regulären Spielzeit ausgewechselt. 5/10

Ciro Immobile: War komplett abgemeldet und von der englischen Innenverteidigung aus dem Spiel genommen. Sah keine Bälle und auch kein Land. Ein gebrauchter Auftritt. Musste wie Barella nach 54 Minuten gehen. 2/10

8. Einwechselspieler

Jordan Pickford, Federico Bernardeschi
Federico Bernadeschi verpasste den Siegtreffer haarscharf / Laurence Griffiths/Getty Images

Bryan Cristante (ab 54.): Sorgte nach seiner Einwechslung für Stabilität im italienischen Mittelfeld und schaltete sich immer wieder nach vorne ein - jedoch ohne Durchschlagskraft. 5/10

Domenico Berardi (ab 54.): Sorgte für mehr Schwung im letzten Drittel. Hatte zwar kaum nennenswerte Ballaktionen, kreierte mit seiner Bewegung jedoch viel mehr Räume, die die Druckphase der Squadra Azzurra nach seiner Einwechslung ermöglichte. 5/10

Federico Bernadeschi (ab 84.): Bemüht, aber ohne nennenswerte Aktionen. Machte einige Bälle fest und unterstütze somit das italienische Offensiv-Spiel. 5/10

Andrea Belotti (ab 91.): ohne Bewertung.

Manuel Locatelli (ab 97.): ohne Bewertung.

Alessandro Florenzi (ab 118.): ohne Bewertung.

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