SC Freiburg

Erster Freiburg-Sieg in München? Wenn nicht jetzt, wann dann!

Guido Müller
So bejubelten die Freiburger ihren fast schon als Pflicht-Sieg eingestuften Dreier gegen Fürth am vergangenen Wochenende
So bejubelten die Freiburger ihren fast schon als Pflicht-Sieg eingestuften Dreier gegen Fürth am vergangenen Wochenende / Christian Kaspar-Bartke/GettyImages
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Vor etwas mehr als 28 Jahren, am 7. August 1993, verlor der SC Freiburg am ersten Spieltag der Saison 1993/94 beim FC Bayern München mit 1:3. Für große Aufregung sorgte das jedoch weder in München noch im Breisgau. Denn für den Sportclub war es damals die allererste Spielzeit überhaupt im Oberhaus. Seitdem hat es der sympathische Klub aus dem Schwarzwald noch 20 Mal versucht, einen Dreier aus München mitzunehmen. Bis heute jedoch erfolglos.


21 Liga-Spiele in München - und (noch) kein Sieg

Insgesamt konnten die Breisgauer erst drei Remis bei den Bayern erkämpfen - bei 18 Niederlagen und einem desillusionierenden Torverhältnis von 12:57. Mitunter gab es für sie auch richtig Haue in der bayrischen Landeshauptstadt.

Am 12. Spieltag der Spielzeit 1999/2000 setzte es ein 1:6, zwölf Jahre später (2011/12) wurde man gar mit 0:7 zurück nach Freiburg geschickt.

Doch nach dem historisch erfolgreichsten Start in eine Bundesliga-Saison überhaupt - die Mannschaft ist nach 10 Spieltagen als einziges Team noch ungeschlagen - fahren die Freiburger diesmal nicht bloß mit der Devise, nicht all zu sehr unter die Räder zu kommen, nach München.

Vielmehr spricht aus den Stimmen der Beteiligten die Zuversicht, diesmal sogar mehr als nur einen Achtungserfolg in Form einer knappen Niederlage oder gar eines Unentschieden mitzunehmen. Immerhin gastiert man als Tabellendritter in der Allianz-Arena, mit gerade mal drei Punkten Rückstand auf den Branchenprimus.

Veränderte Ausgangslage

Entsprechend selbstbewusst geben sich die Offiziellen des Außenseiters vor dem Spitzenspiel des 11. Spieltages. Auch im Hinblick auf ziemlich veränderte Grundvoraussetzungen.

So erklärte Sportdirektor Klemens Hartenbach gegenüber der Welt: "Wir sind in der Vergangenheit oft unter anderen Voraussetzungen in diese Begegnung gegangen. Entweder waren wir nicht formstark genug zu dem Zeitpunkt, oder wir hatten vom Tabellenplatz her das Messer an der Kehle. Dann ist es kein so gutes Gefühl, gegen die Bayern zu spielen."

Doch diesmal kommt alles zusammen. Die von Christian Streich trainierte Mannschaft präsentiert sich seit Wochen in bestechender Form und konnte von den letzten fünf Liga-Spielen vier gewinnen.

"Die Voraussetzungen sind jetzt positiv", glaubt deshalb auch Hartenbach. Verweist aber auch auf die darin liegende Gefahr.

Denn es sei "auch immer ein Ritt auf der Rasierklinge. Wenn du zu euphorisch nach München fährst und denkst, jetzt bist du in der Verfassung, dass du sie schlagen kannst, kann das total nach hinten losgehen. Andererseits darfst du auch nicht zu devot und mit zu viel Respekt hinfahren, sondern musst genau diesen schmalen Grat aufbauen, dass du total fokussiert bist und mit einer guten Haltung ins Spiel gehst."

Doch für Unterwürfigkeit gibt es eigentlich auch gar keinen Grund. Denn mit viel Beharrlichkeit und Kontinuität auf allen Ebenen hat es der SCF vor allem in den vergangenen Spielzeiten geschafft, sich in der Beletage nicht nur zu etablieren (zuletzt belegte man den 8. und 10. Rang im Endklassement), sondern parallel dazu auch noch den Spagat hinzukriegen, seine alte Sportstätte an der Dreisam gegen eine hochmoderne Arena einzutauschen und somit die Weichen für eine noch erfolgreichere Zukunft zu stellen.

Man ist größer, professioneller geworden - ohne dabei die eigene Identität, basierend auf Demut und Bescheidenheit, verloren zu haben. So etwas kriegen auch nicht alle Klubs hin.

Personelle Kontinuität auf den Schlüsselpositionen

Eines der Erfolgsgeheimnisse ist sicherlich die personelle Kontinuität auf den Schlüsselpositionen. Christian Streich agiert seit 1995 als Trainer des Klubs. Zunächst im Jugendbereich tätig, übernahm er im Januar 2012 den Posten des Cheftrainers - und hat diesen seitdem nicht mehr abgegeben.

Sportdirektor Hartenbach (seit 1999 dabei) und Sportvorstand Jochen Saier (seit 2002) komplettieren eine Führungsriege, die in dieser Form einzigartig ist im Oberhaus.

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Trainiert seit 2012 die Profis des SCF: Christian Streich / THOMAS KIENZLE/GettyImages

Diese Beständigkeit in den Grundstrukturen überträgt sich in dieser Saison auch auf die Mannschaft. Und plötzlich auch auf die Fans. Als die Freiburger vergangene Woche einen 3:1-Sieg gegen die noch immer sieglosen Tabellenletzten aus Fürth eingefahren hatten, skandierten die Freiburger Fans mit Blick auf den nächsten Auswärtsgegner: "Zieht den Bayern die Lederhosen aus!"

Wie gesagt - es ist nur ein schmaler Grat zwischen Selbstbewusstein und Selbsttäuschung. Doch nicht nur in Freiburg traut man dem heutigen Bayern-Gegner eine Überraschung zu. Grund dafür sind auch die ganz individuellen Entwicklungen, die einige Freiburger Spieler zuletzt genommen haben.

Mit Nico Schlotterbeck und Christian Günter verfügt der Sportclub auf einmal auch über eigene deutsche Nationalspieler. Auch Torjäger Nils Petersen (Silbermedaillengewinner und Torschützenkönig beim olympischen Fußballturnier 2016 in Rio) kann ebenfalls Meriten im DFB-Dress vorweisen.

Christian Günter
Christian Günter im Kreis der deutschen Nationalmannschaft / Marc Mueller/GettyImages

Zudem hat man mit Vincenzo Grifo sogar einen Nationalspieler aus dem Lande des amtierenden Europameisters im Kader. Ganz klar: aktuell fährt der Klub die Ernte seiner guten Arbeit aus den Vorjahren ein.

Vincenzo Grifo
Bei der EURO2020 zwar nicht im italienischen Kader, hat Vincenzo Grifo aber schon 6 A-Länderspiele (2 Tore, 2 Vorlagen) auf dem Buckel / Claudio Villa/GettyImages

Was auch Hartenbach so sieht: "Ich würde sagen, wir erleben gerade den am meisten ineinandergreifenden SC Freiburg. Das hat sich in den letzten zwei, drei Jahren so entwickelt. Man fühlt, dass ein Rädchen in das andere greift. Das sieht man jetzt auch auf dem Platz."

Und deshalb traut sich nun auch ein eigentlich eher nicht zu Euphorie neigender Cheftrainer, vor einem Trip nach München forschere Töne als in der Vergangenheit anzuschlagen: "Wir wollen ihnen die Stirn bieten. Auch wenn sie vielleicht nur halb so groß ist wie ihre."

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