Frauen-EM

England besiegt Schweden nach anfänglicher Schwächephase: 7 Erkenntnisse vom Spiel

England v Sweden: Semi Final - UEFA Women's EURO 2022
England v Sweden: Semi Final - UEFA Women's EURO 2022 / Anadolu Agency/GettyImages
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Viele hatten mit einem engen Ergebnis gerechnet, das 4:0 von England gegen Schweden im Halbfinale sieht auf dem Papier dann sehr anders aus. Tatsächlich war es ein sehr verdienter Sieg durch Effizienz und Umstellungen, England offenbarte aber auch weiterhin die bekannten Schwächen, die im Finale in Wembley ausgenutzt werden könnten.


1. Englische Effektivität gibt den Ausschlag

Das auf dem Papier deutliche 4:0 täuscht über die wahren Kräfteverhältnisse im ersten EM-Halbfinale hinweg. Die Skandinavierinnen waren vor allem zu Beginn des Spiels die klar bessere Mannschaft, versäumten aber, den Führungstreffer zu erzielen. Sofia Jakobsson hatte bereits nach wenigen Sekunden das 1:0 auf dem Fuß, fand allerdings an Englands Torfrau Mary Earps kein Vorbeikommen. Die wiederum sah knapp zehn Minuten später nach einer Ecke alles andere als gut aus, die schwedische Angreiferin Stina Blackstenius scheiterte jedoch per Kopf am Querbalken.

Nach rund 20 Minuten stabilisierten sich die Gastgeberinnen, ohne jedoch die Begegnung klar zu dominieren, wie das 4:0 suggerieren könnte. Schweden blieb nach wie vor gefährlich, ließ es im letzten Drittel aber an der nötigen Konsequenz vermissen. Als kaltschnäuziger erwiesen sich die Lionesses, die ihre erste richtig gute Chance direkt zur Führung durch Beth Mead nutzten (34.).

Mit dem 2:0 durch Lucy Bronze kurz nach Wiederanpfiff stellte England die Weichen zu einem denkbar günstigen Zeitpunkt auf Sieg. Schweden versuchte vergeblich, den Anschluss zu erzielen und musste nach und nach mehr Risiko gehen. Nach der Einwechslung der starken Alessia Russo nutzte die Wiegman-Elf die Räume in der schwedischen Defensive und schoss sich auch unter gütiger Mithilfe von Schwedens Torhüterin Hedvig Lindahl zu einem 4:0-Sieg, der mindestens um zwei Tore zu hoch ausfiel.

Am Ende verließen die Engländerinnen mit 17:12 Torschüssen und 58:42 Prozent Ballbesitz als verdiente Siegerinnen den Platz, müssen aber von Glück reden, dass Schweden die nötige Effizienz für ein EM-Halbfinale vermissen ließ.


2. England defensiv anfällig

Besonders in der Anfangsphase hatte England mit dem schnellen schwedischen Umschaltspiel zu kämpfen. Georgia Stanway ließ sich in der eigenen Hälfte zwei Mal den Ball stibitzen, Lucy Bronze bekam Schwedens Fridolina Rolfö nicht unter Kontrolle. Dass Mary Earps bei Ecken nicht immer sattelfest ist, wurde nicht nur bei Blackstenius' Lattenkopfball in der 9. Minuten, sondern auch im zweiten Durchgang deutlich (65.)

Hinzu kamen Unkonzentriertheiten von Kapitänin Leah Williamson und Lucy Bronze, die über das gesamte Spiel den ein oder anderen Fehlpass im Spielaufbau einstreuten. Schweden konnte daraus zwar kein Kapital schlagen. Dass aber Deutschland oder Frankreich im Finale ähnlich nachsichtig mit den englischen Fehlern umgehen, darf bezweifelt werden.

Eine Spielerin, die gegen Schweden etwas überraschend besonders zu überzeugen wusste, war Rachel Daly. Die Linksverteidigerin hatte im Viertelfinale gegen Spanien die Achillesferse in Englands Abwehrverbund dargestellt. Viele Beobachter hätte es nicht überrascht, wenn die gelernte Stürmerin im Halbfinale auf der Bank gesessen hätte. Trainerin Sarina Wiegman entschied sich anders und sprach der 30-Jährigen das Vertrauen aus. Daly bedankte sich mit einer blitzsauberen Leistung und ließ auf ihrer linken Seite nichts anbrennen.


3. White enttäuscht, Russo beweist erneut ihre Jokerqualitäten

In der Sturmspitze begann erneut Routinier Ellen White. Die Rekordtorschützin der Lionesses fand allerdings nicht ins Spiel und gab keinen einzigen gefährlichen Torschuss ab. 13 Ballkontakte zeigen, wie wenig die Stürmerin von Manchester City ins Spiel eingebunden war.

Ganz anders präsentierte sich Jokerin Alessia Russo, die nach 57 Minuten für White eingewechselt wurde. Die 23-Jährige war sofort präsent, bereitete Sekunden, nachdem sie den Platz betreten hatte, Hemps Monsterchance aufs 3:0 vor und besorgte kurz darauf selbst mit einem spektakulären Hackentor den dritten englischen Treffer. Kurz vor Schluss hätte Russo beinahe noch den Doppelpack geschnürt, verpasste Hemps Hereingabe aber um wenige Zentimeter.

Ob Sarina Wiegman ausgerechnet im Finale von ihrem Credo "Never change a winning team" abweicht, ist fraglich. Nachvollziehbar wäre es angesichts der Halbfinalleistungen von White und Russo allemal.


4. Wiegman reagiert auf Probleme im Mittelfeld

Die ersten 25 Minuten über zeigte Schweden eine starke Leistung, kam zu mehreren Chancen und stellte Englands Mittelfeld um Walsh, Kirby und Stanway ruhig. Besonders Walsh, als defensive Mittelfeldspielerin bisher eine der Schlüsselspielerinnen Englands, konnte wenig Einfluss auf das Spiel nehmen. Schwedens Angeldahl und Björn antizipierten gut und konnten viele Pässe abfangen, Asllani setzte Walsh unter Druck.

Schwedens Pressing war weniger aggressiv als in manchen vorherigen Spielen, funktionierte aber gut. Damit wurde England gezwungen, auf die Flügel auszuweichen, Gerhardsson hatte im Spiel durch die Mitte mit der intelligenten Kirby anscheinend Englands größte Stärke erkannt. Auch Spanien hatte England in die direkten Zweikämpfe auf den Flügeln gezwungen, was sehr gut funktionierte.

Daraufhin reagierte England, Walsh spielte etwas weiter links und hatte es nun einfacher, Stanway mit flachen, etwas diagonalen Pässen zu bedienen. Die Lionesses nutzten aus, dass Björn sehr viele Räume abdecken musste, indem Stanway sie oft auf sich zog und Räume für Kirby entstanden. Björn wollte öfters Stanway keinen Raum lassen und musste sie daher pressen, allerdings konnte sich Stanway immer wieder mit ihrer typischen Drehung befreien und dann den Platz nutzen. Angeldahl und Björn mussten daher ständig die Lücken schließen - wenn das nicht gelang, wurde es direkt brenzlig. 


5. Schweden in der entscheidenden Phase schwach, auch Führungsspielerinnen

Zu Anfang der zweiten Halbzeit hätte Schweden eine Drangphase benötigt, gerade nach dem 0:2 von Bronze. Stattdessen zeigten sie sich in diesem Zeitraum offensiv sehr blass, auch erfahrene Führungsspielerinnen wie Fridolina Rolfö und Kosovare Asllani sorgten für wenige Chancen und zogen das Team nicht mit sich. Rolfö war in dem Spiel defensiv sehr gefordert und ließ sich oft in das Mittelfeld fallen, worunter aber ihre kreativen Aktionen litten.

Über die Außenbahnen kam von Schweden nur noch sehr wenig, weil auch die Unterstützung der Verteidigerinnen fehlte, die Hemp und Mead keinen Platz lassen wollten. Erst kurz vor dem 0:3 rappelte sich Schweden nochmal auf, kam zu der Großchance von Blackstenius, ein Tor hätte nochmal Spannung bringen können. Nach dem dritten Treffer war die Luft dann aber endgültig raus.


6. Schwedens Zweikampfschwäche mitentscheidend

Spanien hatte gegen England gezeigt, wie wichtig starke Außenverteidigerinnen gegen England sind. Schweden gelang das nur teilweise – Ilestedt gewann ihre drei bestrittenen Zweikämpfe, Hanna Glas aber nur 33%. Defensiv gewonnene Zweikämpfe wären für Schweden wegen möglicher Konter besonders wichtig gewesen, die beiden Außenverteidigerinnen konnten aber wenige Bälle gewinnen. Auch der Rest der schwedischen Mannschaft zeigte sich nicht besonders zweikampfstark, am Ende stand ein Wert von 39% zu Buche – zu wenig für ein Team, das viel über diese Qualität kommt.

Auch die Offensivspielerinnen konnten sich zu selten durchsetzen. Kosovare Asllani etwa war eine der aktivsten Spielerinnen und nahm 15 Zweikämpfe an, davon gewann sie aber nur vier. Auf der anderen Seite gewann Mead acht ihrer zwölf Zweikämpfe. Die Zweikämpfe waren einer der Gründe, warum Schweden dann die Kontrolle verlor, während Walsh 75% und Stanway 60% ihrer Duelle gewinnen konnten. In der Luft dagegen hatte Schweden mit 61% die Nase vorne und kam zu einigen Kopfballchancen.


7. Flügelspiel weiterhin sehr wichtig für England

In der Anfangsphase waren Hemp und Mead noch recht unauffällig, danach wurden sie aber stärker. Mead glänzte mit einem Tor, zwei Assists und vielen guten Flanken, Hemp als ihr Pendant auf links konnte sich auch mehrmals durchsetzen.

Von ihr hatten sich einige bei diesem Turnier noch mehr erwartet, die 21-Jährige war etwa nur mit einem Drittel ihrer Dribblings erfolgreich. Wenn der Ball dann aber über den Flügel hereinkam, wie etwa beim 1:0, stiftete das große Verwirrung in der schwedischen Defensive, die an diesem Abend kein "defensivt bålverk" – Abwehrbollwerk – war.

Außenverteidigerin Lucy Bronze war offensiv auch viel beteiligt, erzielte das wichtige 2:0 und war oft im offensiven Mittelfeld zu finden. Dadurch ließ sie aber auch viel Platz hinter sich, auch das kein neues Problem - im Finale muss England die Balance zwischen ihren wichtigen Impulsen vorne und Stabilität in der Abwehr finden.


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