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Die Laus will nicht mehr springen - droht jetzt eine juristische Schlammschlacht?

Lionel Messi
Pool/Getty Images

Jetzt ist es also doch so gekommen: Lionel Messi ist fest entschlossen, "seinen" FC Barcelona zu verlassen. Den Klub, der ihm im zarten Kindesalter die kostspieligen Hormonbehandlungen ob seines kleinen Körperwuchses bezahlte. Den Klub, der in den letzten Jahren satte 100 Millionen Euro jährlich dafür ausgab, den besten Fußballer der Welt zu entlohnen. Den Klub, mit dem er dreimal die Champions League gewann (eigentlich vier, aber zu dem 2006 gegen den FC Arsenal gewonnenen Titel in der Königsklasse konnte er aufgrund einer zuvor im März erlittenen Verletzung keinen Beitrag leisten).

Und ich kann meine Worte von vor einigen Tagen nun runterschlucken. Mit Kartoffeln, wie der Spanier sagen würde. Aber so ist das halt mit aus der Entfernung (nicht nur geographischen) erstellten Einschätzungen bestimmter Personen. Natürlich habe ich noch nie ein Wort mit dem Superstar gewechselt. Kenne noch nicht mal Bekannte oder Freunde (oder auch nur Arbeitskollegen) von ihm. Unter diesen Umständen kann eine Bewertung der charakterlichen Eigenschaften und der ihnen korrespondierenden (oder auch nicht korrespondierenden) Handlungen eines Menschen immer nur auf einer Mischung aus subjektiven und vielleicht mit dem konkreten Fall vergleichbaren Parametern passieren.

Zudem kommt, dass man auch nicht nah genug am tagtäglichen Betrieb in einem Klub wie dem FC Barcelona dran ist. Kein noch so gut informierter Journalist kann wissen, wer wann wo wie was wem gesagt, versprochen oder zugesichert hat. In diesem Zusammenhang muss man jetzt konstatieren, dass die Vorfälle bei Can Barça, nur ab Januar dieses Jahres gezählt, offenbar gravierender auf Messi eingewirkt haben, als von außen angenommen.

Viele einzelne Punkte summieren sich zu einem großen Ganzen

Da war die Entlassung von Trainer Ernesto Valverde (zu einem Zeitpunkt an dem der Gewinn der Meisterschaft noch absolut möglich schien) und die darauffolgende Präsentation eines relativen Nobodys wie Quique Setién als dessen Nachfolger. Da war die öffentliche Anzählung von Sportdirektor Éric Abidal, mit der energischen umgehenden Replik des Argentiniers, dass doch bitte ein jeder erstmal vor der eigenen Haustür kehren möge. Da war der Bartomeu-Gate-Skandal um angebliche millionenschwere Zahlungen für Social-Media-Agenten, um einige Spieler im Kader in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen. Da waren die harten Wochen des Corona-Lockouts und das Streuen von Interna vonseiten des Klubs, denen zufolge offenbar einige Spieler nicht bereit gewesen seien, Gehaltseinbußen zu akzeptieren. Und da waren die diametral entgegengesetzten Einschätzungen des Trainers (Setién) und des Superstars, was das Erreichen der vor der Saison gesetzten Ziele (also dieselben wie immer: alle möglichen Titel zu holen) betrifft.

Für neun Monate eine stattliche Anzahl von einzelnen Punkten, die in der Summe dann offenbar zu viel für die Laus waren. Und wir haben noch nicht mal über Neymar geredet. Den hätte Messi nämlich liebend gerne wieder neben sich auf dem Platz gewusst - und schien am Ende nicht restlos davon überzeugt gewesen zu sein, dass sein Klub ebenfalls alles menschen- (und finanz-) mögliche für eine Rückkehr des Brasilianers getan habe.

Kommt es zum worst case einer gerichtlichen Auseinandersetzung?

Nun also hat Messi den point of no return überschritten. Ein Zurück kann es eigentlich nicht mehr geben, wenn er sich nicht der Lächerlichkeit preisgeben will. Zumal er nach dem 2:8 gegen die Bayern Zeit genug gehabt hat - und seine Entscheidung auf gerichtsverwertbare Art und Weise (per burofax) dem Empfänger hat zukommen lassen. Selbiges hat übrigens weder mit einem Fax noch mit Büros zu tun, sondern ist - vereinfacht dargestellt - eine Art Einschreiben mit Empfangsbestätigung, das in Spanien, vor allem in juristischen Kontexten, weit verbreitet und üblich ist.

Mit den Begriffen "gerichtsverwertbar" und "juristisch" habe ich auch schon den Pfad der kommenden Wochen (oder gar Monate?) ausgeleuchtet. Denn es bahnt sich schon jetzt ein Konflikt zwischen Spieler und Verein an. Einer Vertragsklausel gemäß konnte Messi seit einigen Jahren in jedem Sommer (Stichtag: 10. Juni) unilateral den Vertrag auflösen. Der 10. Juni war deshalb gewählt worden, weil in normalen, nicht corona-belasteten Jahren die Saison in Spanien normalerweise Ende Mai, Anfang Juni endete. Zehn Tage blieben dem Argentinier somit immer, um die Klausel zu aktivieren.

Das war in diesem Corona-Sommer natürlich anders. Die Saison endete bekanntlich erst Ende Juni. Und genau darauf stützt sich der Klub - und betrachtet die Klausel als gegenstandslos bzw. verwirkt. Der Spieler sieht das etwas anders, und beruft sich dabei auf den Geist der Regelung, derzufolge er nach jeder Saison, auch nach dieser, eben eine Frist von zehn Tagen habe, um zu den Vertrag zu kündigen. Dass das Ende der Spielzeit in diesem Jahr - und die Champions League gehört natürlich zu der Saison - erst Ende August endete, ist ein Fall höherer Gewalt, und kann Messi schlecht vorgeworfen werden. Sollten beide Parteien auf ihren Standpunkten beharren, werden die Gerichte entscheiden müssen.

Niemand wird 700 Millionen Euro für Messi zahlen

Noch ein Wort zu der im Raum stehenden (und in Messis Vertrag fixierten) Ablösesumme von 700 Millionen. Kein Verein auf dieser Welt wird diesen Betrag jemals zahlen. Das weiß auch der FC Barcelona. Wenn es also, ob in gütiger Einvernahme oder aufgrund eines Gerichtsurteils, dazu kommt, dass eine Zahlung an den FC Barcelona fällig wird, wird diese kaum ein Drittel der Summe betragen. Und selbst diesen Betrag halte ich in diesen Corona-Zeiten für obszön. Und bin mir auch gar nicht sicher, ob ein Verein das Risiko eingeht, als Geldverprasser dazustehen, während das Gros seiner Fans jeden Eurocent (oder Pfund-Cent) zweimal umdreht, ehe er ihn ausgibt. Für alles gibt es schließlich ein Limit. Wie wir es im Fall Lionel Messi gerade exemplarisch vorgespielt kriegen.