90min
facebooktwitterinstagramyoutuberss

Davon, ein Fußballfan in Hamburg zu sein!

Jonas David
Thomas Eisenhuth/Getty Images

Hamburg erwachte heute morgen in goldenem Sonnenglanz. Es kündigt sich ein weiterer strahlender Spätsommertag in der Elbmetropole an. Wetter, das dazu einlädt, entspannt um die Außenalster zu flanieren. Oder der sich ständig verändernden Hafencity einen Besuch abzustatten. Man könnte sich in ein gemütliches Café in Eppendorf oder Harvestehude setzen und die Leute an sich vorbeiziehen sehen. Oder sich einen Veggy-Burger in Altona oder Ottensen schmecken lassen. Es gibt so vieles, was man in dieser Stadt machen kann. Nur Fußball-Fan sollte man eher nicht sein.

Zumindest sollte das Kicker-Herz nicht an einen der beiden großen Klubs der Stadt vergeben sein. Denn sonst wird es schwierig. Gestern und vorgestern lieferten sie beide wieder mal den Beweis dafür: so wie der HSV und der FC St.Pauli hat sich jedenfalls kein anderer der 36 Bundes- und Zweitligisten in der diesjährigen ersten Pokalrunde blamiert. Ok, den Big-City-Club könnte man vielleicht auch noch nennen.

Gut elf Wochen sind seit dem Ende der letzten Saison vergangenen. Elf Wochen Zeit um die Geister der Vergangenheit zu verscheuchen und neue Illusionen, gleich einem Windstoß frischer Luft, ins Haus zu lassen. Elf Wochen, in denen man sich die Neuzugänge und erste stolprige Vorbereitungsspiele - wie jedes Jahr- schöngeredet und die aufkommende Angst, dass alles wieder so wird wie im Vorjahr, einfach ignoriert hat. Elf Wochen, in denen man es tatsächlich beinahe geschafft hat, Diekmeiers Tor zum 1:5 beim Gastspiel der Sandhäuser Ende Juni wie einen schlechten Traum wirken zu lassen.

Doch neunzig Pokalminuten in Dresden haben ausgereicht, um alle alten Geister zurückzurufen und alle neuen Illusionen sich in Nichts auflösen zu lassen. Was hat sich seit Ende Juni eigentlich geändert außer die Namen des Personals?

Un dennoch: wenn ich will, kann ich sehr dickköpfig sein. Und statt wie Supporters-Boss Timo Horn jetzt schon innerlich einen Haken an die gesamte Saison zu setzen, warte ich lieber noch mal die nächsten drei Liga-Spiele ab.

Pokal war eh nicht zu gewinnen - wichtig sind die Liga-Ergebnisse

Ja, der DFB-Pokal ist ein toller Wettbewerb (mit Zuschauern noch viel mehr als ohne!). Aber mal ehrlich: welcher HSV-Fan rechnet sich in den letzten Jahren dort was aus? Also, ich schon seit gefühlten zehn Jahren nicht mehr. Und wenn du einen Wettbewerb, aller Voraussicht nach, sowieso nicht gewinnen kannst, ist es strukturell egal, ob du nun in der ersten oder zweiten Runde oder im Halbfinale ausscheidest. Oder gar erst im Finale unterliegst. Der HSV selbst kalkuliert meines Wissens auch schon seit Jahren nur mit dem Erreichen der zweiten Runde.

Ok, selbst dieses "Ziel" wurde mit dem gestrigen Auftritt verpasst. Aber der wirklich wichtige Wettbewerb ist und bleibt natürlich die Liga. Von daher muss die Devise jetzt heißen: Mund abputzen, Pokal-Chip gegen Liga-Chip eintauschen und nach vorne blicken. Sollte es allerdings auch gegen Düsseldorf, Paderborn und Aue in der Summe zu nicht mehr als zwei oder drei Punkten reichen, wird es schon richtig schwer, die selbst eingeforderte (und angekündigte) Geduld zu bewahren.

Aber vielleicht macht es diese HSV-Truppe 2020/21 ja mal antizyklisch: statt wie in den beiden Jahren zuvor (relativ) gut zu beginnen, um am Ende jeweils dramatisch einzubrechen, machen sie es in dieser Saison halt genau umgekehrt. Ich weiß: die Skeptiker, Dauernörgler und Berufspessimisten werde ich damit nicht überzeugen. Andererseits will ich mir von diesem Sport nun auch nicht mein übriges Leben versauen lassen. Denn der Fußball, so spektakulär er auch manchmal daher kommt, ist und bleibt am Ende des Tages nichts weiter als die wichtigste Nebensache der Welt. Die Betonung dabei liegt auf "neben".