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Champions League

Madrid hat einen neuen Sheriff: Die größten Champions-League-Sensationen seit 2010

Guido Müller
Die Spieler von Sheriff Tiraspol sorgten gestern Abend für eine echte Sensation
Die Spieler von Sheriff Tiraspol sorgten gestern Abend für eine echte Sensation / Gonzalo Arroyo Moreno/Getty Images
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Nach der Heimniederlage gegen den moldawischen Vertreter Sheriff Tiraspol ergießt sich europaweit Spott und Häme über Real Madrid. Doch Überraschungen oder gar Sensationen (die Trennlinie zwischen beiden Kategorien ist sehr schmal) sind in der Champions League keine Seltenheit.


Wohl kaum einer hätte am zweiten Champions-League-Spieltag auf Sheriff Tiraspol als Sieger getippt. Zwar sind die Moldauer mit ihrem Auftakterfolg gegen Schachtar Donezk sehr gut in die Gruppenphase gestartet - doch als Favorit sind sie am Dienstagabend im Bernabéu-Stadion natürlich nicht angetreten.

Ein Blick auf die Champions-League-Statistik der letzten elf Jahre (ab der Saison 2010/11) lehrt uns jedoch, dass solche Überraschungen (oder Sensationen) durchaus öfter vorkommen, als von vielen gedacht. Hier eine Auswahl anderer bemerkenswerter Resultate in der Königsklasse in den letzten elf Jahren.

Saison 2011/12: Gruppe C - Manchester United - FC Basel 3:3; FC Basel - Manchester United 2:1

Beide Gruppenspiele zwischen Engländern und Schweizern taugen hier als einschlägige Beispiele. Im heimischen Old Trafford kamen die Red Devils nicht über ein 3:3 hinaus, obwohl sie zur Pause kommod mit 2:0 geführt hatten.

Die Eidgenossen waren dann so "Frei", das Spiel binnen achtzehn Minuten zu drehen: Ex-BVBler Alexander Frei (zweimal) und sein zehn Jahre jüngerer Bruder Fabian (der Alexanders 2:2 vorbereitete) stellten zwischen der 58. und der 76. Spielminute auf 3:2 für die Gäste, ehe Ashley Young in der Schlussminute wenigstens noch der Ausgleich gelang.

Der zweifache Torschütze Alexander Frei jubelt mit Marco Streller
Der zweifache Torschütze Alexander Frei jubelt mit Marco Streller / Jamie McDonald/Getty Images

Bezüglich des Rückspiels im St. Jakob-Park hätten die Engländer also durchaus vorgewarnt sein können. Doch sie unterlagen mit 1:2 - auch weil Alexander Frei wieder traf.

Saison 2011/12: Achtelfinale - Olympique Lyon - APOEL Nikosia 1:0, 0:1 (3:4 n.E.)

Zugegeben: die ganz großen Jahre waren für "OL" schon vorbei, als sie im Achtelfinale der Spielzeit 11/12 auf den zypriotischen Vertreter APOEL Nikosia trafen.

Zwischen 2002 und 2008 war der Klub aus der Rhone-Region siebenmal in Folge (!) französischer Meister geworden und zudem zwei Jahre zuvor (2010) bis ins Halbfinale der Königsklasse vorgestoßen (wo sie an Bayern München scheiterten).

Entsprechend gab man sich siegesicher, nachdem man das Hinspiel gegen Nikosia mit 1:0 gewonnen hatte. Doch auf Zypern konnten die Hausherren die Paarung bereits nach neun Minuten egalisieren - um im finalen Penalty-Shootout die Überraschung perfekt zu machen.

Saison 2012/13: Gruppe H - Manchester United - CFR Cluj 0:1

Vielleicht lag es daran, dass die Roten Teufel bereits vor dem letzten Gruppenspieltag für das Achtelfinale qualifiziert waren. Als Erklärung mag dieser Ansatz reichen - eine Entschuldigung für den pomadigen Auftritt ist er allerdings nicht.

Immerhin standen - trotz nachvollziehbarer Rotationen von Sir Alex Ferguson - Spieler wie David de Gea, Phil Jones, Chris Smalling, Ryan Giggs, Danny Welbeck, Chicharito oder Wayne Rooney auf dem Platz. Zudem genoss man den Heimvorteil und wusste knapp 72.000 Fans im Rücken.

Doch Namen (und das Publikum) allein gewinnen keine Spiele. Und so kam der rumänische Außenseiter (der am Ende den dritten Gruppenplatz belegte) durch ein Tor von Luis Alberto (56.) zu einem der größten Triumphe der Klubgeschichte.

Saison 2015/16: Gruppe F - Dinamo Zagreb - FC Arsenal 2:1

Das nennt man dann wohl "Pulver frühzeitig verschossen". Denn in der Spielzeit 15/16 gelang den Kroaten von Dinamo Zagreb nur ein einziger Sieg in der Gruppenphase: gleich zum Auftakt gegen den hochfavorisierten FC Arsenal (2:1).

Offenbar der Weckruf, den die Gunners (mit Mesut Özil, Santi Cazorla, Mikel Arteta, Olivier Giroud oder Alexis Sánchez in ihren Reihen) brauchten. Im Rückspiel korrigierten die Londoner den Lapsus, der ihnen fast den Einzug ins Achtelfinale gekostet hätte, durch ein deutliches 3:0.

Saison 2016/17: Gruppe D - FK Rostow - FC Bayern München 3:2

Ausrutscher, egal ob auf nationaler oder internationaler Ebene, sind beim FC Bayern in den letzten Jahrzehnten immer rarer geworden. Doch vor fünf Jahren unterlag das Münchener Starensemble beim russischen Klub FK Rostow, der selbst in der heimischen Liga meist nur eine Statisten-Rolle einnimmt.

Dabei ließ sich der kühle Novemberabend gar nicht schlecht an für die Bayern. Douglas Costa besorgte nach einer guten halben Stunde die Führung, die aber kurz vor dem Pausenpfiff durch Azmoun egalisiert wurde.

FC Rostov vs FC Bayern Munich - UEFA Champions League
Kollektive Ekstase nach Noboas (re.) Siegtor für Rostow / Anadolu Agency/Getty Images

Nach einem wilden Ritt in Durchgang zwei stand es am Ende ziemlich überraschend 3:2 für die Gastgeber.

Saison 2018/19: Gruppe C - Roter Stern Belgrad - FC Liverpool 2:0

Das Spiel zwischen den beiden einstigen Titelträgern ging überraschend klar an die Hausherren. Bereits zur Pause war die Messe im Grunde schon gelesen: zweimal hatte Marko Marin vorbereitet, zweimal Milan Pavkov vollstreckt.

Auch nach der Pause fiel den pomadigen Gästen kaum noch was ein, was angesichts der Top-Besetzung der Klopp-Elf (mit van Dijk, Alexander-Arnold, Wijnaldum, Milner, Mané oder Salah) durchaus überraschend war.

Am Ende war es wohl der benötigte Schuss vor den Bug: denn im "Gruppenfinale" schlugen die Reds gut einen Monat später die SSC Neapel mit jeder Menge Dusel 1:0 - und schafften es am Ende sogar, ins Finale einzuziehen, wo sie in einem rein englischen Duell die Spurs aus Tottenham besiegten.

Saison 2018/19: Gruppe H - Young Boys Bern - Juventus Turin 2:1

Bereits vor ihrem zwei Wochen zurückliegenden Sensationssieg gegen Manchester United in der diesjährigen Edition, haben die Schweizer in der Königsklasse für Aufsehen gesorgt. Vor drei Jahren gewannen sie nämlich im heimischen Wankdorf-Stadion mit 2:1 gegen Juventus Turin.

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Soeben hat es bei Szczesny zum 1:1 eingeschlagen. / FABRICE COFFRINI/Getty Images

Zum Weiterkommen reichte dieser Achtungserfolg allerdings nicht. Mit nur 4 Punkten belegten die Berner am Ende den vierten Rang in der Gruppe.

Saison 2019/20: Gruppe C - Dinamo Zagreb - Atalanta Bergamo 4:0

Nicht so sehr, dass die Kroaten gegen die Göttliche überhaupt gewinnen konnten (immerhin, siehe oben, haben sie auch schon Kaliber wie Arsenal geschlagen), sondern vielmehr die Höhe ihres Sieges gegen die Bergamaschi war an jenem Septemberabend das Überraschende.

Es war das Spiel des Mislav Orsic, dem nach der frühen Führung durch Marin Leovac (10.) zwischen der 31. und der 68. Spielminute ein Dreierpack gelang. Doch ähnlich wie vier Jahre zuvor gegen die Gunners, sollte dieser Sieg der einzige von Dinamo während der Gruppenphase bleiben.

Atalanta hingegen kam nicht nur in der Gruppe weiter, sondern spielte sich bis ins Viertelfinale (unter Corona-Bedingungen), wo sie den späteren Finalisten PSG am Rand der Niederlage hatten.

Saison 2020/21: Gruppe H - Basaksehir - Manchester United 2:1

Sorry, United-Fans, aber beschließen tun wir den Reigen erneut mit Manchester United. Die Red Devils haben in den letzten Jahren tatsächlich einige Gelegenheiten genutzt, sich zu blamieren.

So auch in der vergangenen Saison. Trotz eines Auftaktsieges bei Paris St. Germain (!), belegten die Spieler von Ole Gunnar Solskjaer am Ende nur den dritten Platz, der zur Teilnahme an der Europa League berechtigt. Schuld hatte vor allem die völlig überraschende Niederlage beim türkischen Meister Basaksehir, der nur dieses eine Spiel gewinnen konnte.

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