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Der BVB und die fehlende Silberware: Die endlose Diskussion um... was eigentlich?

Hans-Joachim Watzke, Lucien Favre
Der BVB gewinnt auch in dieser Saison keinen Titel | TF-Images/Getty Images

Der BVB geht - unter Annahme, dass der FC Bayern eines seiner drei ausstehenden Spiele gewinnen wird - auch in diesem Jahr leer aus. In Dortmund wird erneut über die fehlende Silberware und die Qualitäten von Cheftrainer Lucien Favre diskutiert. Ich frage mich: Warum diese gezwungene Hochstaplerei?

'Im Fußball geht es schließlich immer um Titel' - so oder so ähnlich könnte Lucien Favre eines Tages vom BVB verabschiedet werden. An dem Schweizer wird nämlich aufgrund der ausbleibenden Silberware immer wieder herumgekittelt. Im Fußball geht es schließlich immer um Titel - romantisch, gewiss. Doch Pokale sind etwas für die Vitrine; die schwarzen Zahlen auf dem Festgeldkonto sind zur relevanten Währung des Fußballs geworden. Und in diesem Bereich darf sich der BVB Jahr für Jahr auf die Schultern klopfen.

15 Jahre BVB: Von der Insolvenz an die Weltspitze

Drehen wir die Uhren um 15 Jahre zurück. Der BVB steht vor dem Konkurs, Glanz und Gloria liegen gefühlt viel weiter als drei Jahre zurück. Ein Klub auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit und in den Ruin. Diese argumentative Grundlage hat sich mittlerweile ausgelutscht, doch dadurch verliert sie nicht ihre Berechtigung. Die Borussia hat sich in nur 15 Jahren vom drohenden Konkurs zu einem der bestaufgestellten Vereine der Welt gewirtschaftet. BWL-Note: Eins plus mit Sternchen. Und der Rubel in Dortmund rollt unaufhaltsam weiter.

Zurück zur Romantik: Natürlich lechzt der Verein nach Titeln und leidet unter der Sehnsucht nach Silberware. Drei Jahre ist der letzte Titelgewinn her; 2017 besiegte der BVB Eintracht Frankfurt im DFB-Pokalfinale. Die letzte Meisterschaft reicht mittlerweile acht Jahre zurück. Das Dortmunder Pokalzimmer setzt Staub an. Dass der BVB vor zwölf Jahren, als Jürgen Klopp neuer Cheftrainer der Borussia wurde, ungefähr so weit von einem Titelgewinn entfernt war, wie es heute der FC Schalke ist, wird gerne vergessen. Und anders als im Pokalzimmer ist im Betrieb Borussia Dortmund keine Spur von Staub.

Eintracht Frankfurt v Borussia Dortmund - DFB Cup Final 2017
Vor drei Jahren gewann der BVB seinen letzten Titel | TF-Images/Getty Images

Ganz im Gegenteil! Lucien Favre ist ein hervorragender Trainer, der den BVB in seinen nun zwei Jahren Amtszeit auf ein neues sportliches Niveau heben konnte. Dass noch kein Titel für den Schweizer herausgesprungen ist, ist die einzig berechtigte Kritik, die sich Favre gefallen lassen muss. Dass der BVB in den entsprechenden Wettbewerben auf Mannschaften trifft, die auch ein wenig kicken können und in ganz anderen finanziellen Sphären unterwegs sind, hat in der Trainerfrage beim BVB scheinbar kaum Gewicht. Auch wenn die Strippenzieher hinter dem Erfolg, namentlich die Herren Hans-Joachim Watzke, Michael Zorc, Matthias Sammer, Sebastian Kehl (und einige weitere), sich gebetsmühlenartig hinter den Trainer stellen, lässt die Kritik an Favre nicht ab. Immerhin fehlt weiterhin die Silberware.

Der BVB begeistert auf allen Ebenen - und wird doch als Versager diffamiert

Dass der Dortmunder Geldspeicher sich immer weiter füllt, die schwarz-gelbe Adresse immer nobler wird und ein nicht zu leugnender sportlicher Fortschritt besteht, wird völlig außer Acht gelassen. Dass der BVB Spieler für über 100 Millionen Euro verkauft (bei entsprechend konträren Einkaufspreisen), gehört mittlerweile der Tagesordnung an. Dass die heißesten Talente Europas alle nach Dortmund wechseln wollen, ist so gewöhnlich wie der 2. Februar für Bill Murray. Dass der BVB unter Favre mitunter schwindelerregend guten Fußball spielt und sich auch defensiv in seiner zweijährigen Amtszeit stabilisieren konnte, fällt mittlerweile unter die gesittete Erwartungshaltung. Der Schrei nach Titeln ist daher nichts anderes als völlig verständliche, und doch völlig deplatzierte Hochstaplerei.

Oder anders ausgedrückt: Es fehlen nur noch die Titel, um den Eisbecher perfekt zu machen. Und bis es soweit ist, sollte der BVB deutlich mehr Lob ernten. Für die herausragende Kaderplanung (Stichwort: Mats Hummels, Emre Can, Erling Haaland), für die vorbildliche Betriebswirtschaftsleistung, für eine ungeheure Konstanz (seit zehn Jahren die nahezu unangefochtene Nummer Zwei in Deutschland) und für eine unglaublich ausgewogene und homogene Mannschaft, die vom genau richtigen Trainer betreut wird. In Dortmund bewegt sich alles in rasantem Tempo vorwärts - abgesehen von der Kritik und dem Staub in der Pokalvitrine.

Doch um was diskutieren wir eigentlich, wenn wir Borussia Dortmund an diesem einen Aspekt messen? Um die goldene Ananas; um die fehlende Silberware; um Hochstaplerei. Das wird dem BVB nicht gerecht - und Lucien Favre ebenfalls nicht. Denn auch von zig zweiten Plätzen kann man sich im Fußball ganz viel kaufen.