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Der BVB und die Torwart-Problematik: Ernte, was du säst

Oscar Nolte
Roman Bürki ist beim BVB gescheitert
Roman Bürki ist beim BVB gescheitert / Lars Baron/Getty Images
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Mit Gregor Kobel hat der BVB einen vielversprechenden neuen Torwart verpflichtet. Eine glasklare und überzeugende Nummer Eins hatte die Borussia seit Roman Weidenfeller nicht mehr. Und auch Kobel muss mit der Torwart-Problematik beim BVB umzugehen lernen. Die Unstetigkeit zwischen den Pfosten führt auf Versäumnisse der Verantwortlichen zurück.


Vor sechs Jahren verpflichtete der BVB Roman Bürki vom SC Freiburg und ließ den Schweizer in die Fußstapfen vom altgedienten Roman Weidenfeller treten. In Dortmund wies Bürki auch ausreichend seine Qualitäten nach - trotzdem gilt er als gescheitert. Ich sage: Ernte, was du säst, BVB.

Die starke Nummer Zwei: modernes Hirngespinst

Der Wahn einer starken Nummer Zwei herrscht im europäischen Fußball seit einigen Jahren. Der BVB, der FC Bayern, Real Madrid - sie alle stiegen auf diesen Zug auf. Und sie alle schafften es nicht, eine homogene Leistungskultur zu entwickeln. Auf einer Position, auf der Selbstvertrauen, Sicherheit und Konstanz so wichtig sind - ähnlich dem Freiwurf im Basketball - schufen viele Kaderplaner ein Klima von Konkurrenzkampf und Ehrgeiz. Die Botschaft dahinter: lieferst du nicht ab, musst du Platz machen.

Etablierte Keeper wie Manuel Neuer hat das kalt gelassen; beim FC Bayern sind es die Ersatzleute (Sven Ulreich, Alexander Nübel), die ohne Not unter dem System zu leiden haben. Bei einem Roman Bürki sorgte es für Verunsicherung. Als Torwart bist du nun einmal der Blöde, wenn du patzt. Bürki brachte das in Dortmund so aus dem Konzept, dass er seinen Spielstil veränderte und sich teils unerklärliche Fehler leistete. Schließlich tauschte Edin Terzic den Schweizer aus und ließ seinen Landsmann Marwin Hitz von der Leine. Der spielte eine souveräne, aber eben auch keine außerordentliche Saison. Jetzt hat der BVB zwei durchschnittliche Keeper, keine klare Nummer Eins und massig Unfrieden.

Marwin Hitz, der genau das abgeliefert hat, was man sich beim BVB erwartet hat, muss nach der Verpflichtung von Gregor Kobel wieder auf die Bank. Das Konkurrenzspiel geht von Neuem los und der Druck auf Kobel wird mit jedem Fehler und jeder Formschwäche steigen. Wirklich nachhaltig ist das nicht. Viel eher blickt man in Dortmund sehnsüchtig auf die nationalen und internationalen Konkurrenten, die seit Jahren Konstanz zwischen den Pfosten haben. Weil sie Schlussmänner haben, von denen sie überzeugt sind - und das auch dementsprechend kommunizieren (oder, wie beim FC Bayern, das Glück haben, dass sich Manuel Neuer nicht unter Druck setzen lässt). Und das sind Leute wie Marc-Andre ter Stegen oder auch Neuer, die in der Vergangenheit auch eine beeindruckende Vita an Böcken aufweisen. Das Vertrauen wurde ihnen daraufhin nur nicht entzogen.

Gregor Kobel
Gregor Kobel ist der neue Hoffnungsträger beim BVB / Frederic Scheidemann/Getty Images

Dass Roman Bürki beim BVB gescheitert ist, liegt nicht an fehlender Qualität. Bürki hätte das Potenzial gehabt, eine neue schwarz und gelbe Ära zu prägen. Diese Hoffnungen setzt man jetzt in Gregor Kobel.

Und doch hat man in Marwin Hitz weiterhin eine Nummer Zwei, die den Anspruch auf Spielzeit stellt. Dabei ist doch allen Beteiligten klar, dass Hitz nicht die Klasse hat, um den BVB dort zu vertreten, wo er hinwill. Die hatte Roman Bürki, die Verantwortlichen haben ihn jedoch nicht auf fruchtbarem Boden grasen lassen.

Dass der Druck von der Bank beim etablierten Stammkeeper für bessere Leistungen sorgt, wie im Modell der starken Nummer Zwei angedacht, halte ich in den meisten Fällen für Kokolores. Roman Bürki hat es verschleißt, Sven Ulreich und (bisher) Alexander Nübel irgendwie auch. Und kennt ihr noch Alphonse Areola? Der galt in Paris mal als das nächste Torwart-Wunder, bis man ihm Kevin Trapp vor die Nase setzte. Heute spielt Areola bei Premier-League-Absteiger Fulham, Trapp wieder bei Eintracht Frankfurt.

Bei dem geringen Verletzungsrisiko eines Torwarts ist es wirtschaftlich wie sportlich nicht förderlich, einen guten zweiten Torwart mit Anspruch auf Spielpraxis im Kader zu haben. Das sorgt nur für Stunk und Unsicherheit auf einer Position, auf der es genau das Gegenteil braucht: Kontinuität und Selbstvertrauen. Das hat sich der BVB selber eingebrockt und die in den letzten Jahren so bitter vermisste Kontinuität versäumt.

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