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Real Madrid

Bei Real Madrid singen sie den Blues!

Guido Müller
Konnte seinem Team keinen Halt geben: Reals Kapitän Sergio Ramos
Konnte seinem Team keinen Halt geben: Reals Kapitän Sergio Ramos / Quality Sport Images/Getty Images
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Kein anderer Klub definiert sich und seinen Erfolg so sehr über das Abschneiden in der Champions League wie Real Madrid. In diesem Wettbewerb, den man insgesamt schon dreizehn Mal in die Trophäensammlung entführen konnte, fühlt sich Real, nach Angaben seiner Repräsentanten, wie im eigenen Wohnzimmer. Mit Hausrecht auf Lebenszeit, versteht sich. Umso bitterer ist die Erfahrung, auch aus diesem heimischen Idyll vertrieben werden zu können.


Wenn darüber hinaus das Bild, das die Mannschaft abgibt, so wenig königlich daherkommt wie am gestrigen Abend an der Londoner Stamford Bridge, dann kochen die Emotionen in diesem Klub intensiver als irgendwo sonst hoch. Schuldige sind dann auch immer schnell gefunden.

Für die spanischen Berichterstatter sind es in diesem Fall mehrere. Begonnen mit dem Trainer Zinédine Zidane. Zwar will keiner in der spanischen Hauptstadt dem Franzosen das Verdienst absprechen, in einer schwierigen Saison die Mannschaft bis ins letzte Saisonviertel auf Spur gehalten zu haben. Doch etwas mehr Widerstand gegen die Blues hätten sich die Fans dann schon gewünscht.

Zidanes fragwürdige Personalentscheidungen

Dass dieser jedoch von der Mannschaft, die gestern Abend um kurz vor Neun auf den Rasen geschickt wurde, nicht geleistet werden konnte, ist der Schuh, den sich der Trainer nolens volens anziehen muss.

Zinedine Zidane
Fand nicht die richtigen Mittel, um gegen Chelsea zu bestehen: Real-Coach Zinédine Zidane / Quality Sport Images/Getty Images

Die berechtigten Fragen bezüglich seines Coachings beginnen in der Verteidigung, in der Zidane seinen Landsmann Mendy auf einer Zwitterposition zwischen linker Außenbahn (dem angestammten Habitat des 25-Jährigen) und halblinkem Mittelfeldspieler aufstellte, weil er auf eine defensive Dreierkette, gebildet aus Nacho, Sergio Ramos und Éder Militao setzte.

Eine Maßnahme, die - nebenbei bemerkt - schon im Hinspiel (mit Varane statt Ramos im Zentrum, und Marcelo für Mendy) nicht funktioniert hat.

Ferland Mendy
Hing über neunzig Minuten in der Luft: Ferland Mendy / Quality Sport Images/Getty Images

Mit der Konsequenz, dass Mendy gestern über die neunzig Minuten nicht zu wissen schien, ob er nun die Pace auf der linken Seite machen oder seine Kollegen im Zentrum unterstützen sollte. Im Endergebnis kam dann weder das eine noch das andere dabei rum.

Oder Sergio Ramos. Etwa eine Stunde lang konnte der Kapitän die logischen physischen Defizite (nach monatelanger - und nur kurzfristig im Spiel gegen den FC Eibar unterbrochener - Verletzungspause) noch halbwegs kaschieren. Dann verließen ihn zusehends die Kräfte - und die Hintermannschaft der Blancos begann, in ihre Einzelteile zu zerfallen.

Sergio Ramos
Nicht fit genug für ein Champions League-Halbfinale: Sergio Ramos / James Williamson - AMA/Getty Images

Nicht ganz zufällig also, dass just ab diesem Zeitpunkt die Hausherren nahezu im Fünfminuten-Takt zu Großchancen kamen, um die frühe Führung von Werner aus der 23. Minute auszubauen.

Dass es am Ende bei "nur" zwei Gegentoren blieb, war einzig und allein dem Unvermögen der Londoner, gepaart mit großartigen Paraden von Real-Torhüter Courtois (gestern der Beste seiner Mannschaft!), geschuldet.

Doch Zidane muss sich auch fragen lassen, warum er einen Vinicius auf einmal als quasi rechten Verteidiger aufgeboten hat. Eine Position, auf der der Brasilianer in dieser Saison erst einmal gespielt hat (und auch das nur aufgrund personeller Engpässe).

Mit entsprechend viel zu viel Raum vor sich, um in für Chelsea wirklich gefährliche Eins-gegen-Eins-Situationen zu kommen, hing somit auch der rechte Flügel der Königlichen in der Luft. Asensio, der immer mehr zu einem Schatten früherer Tage wird, machte es nach seiner Einwechslung dann auch nicht besser.

Hazard zieht Großteil der Kritik auf sich

Doch die wohl kritischste Entscheidung Zidanes war die, Eden Hazard das Vertrauen zu schenken. Ein Eden Hazard, über den der Sportjournalist Josep Pedrerol in seinem TV-Format El Chiringuito vom gestrigen Abend ein vernichtendes Urteil fällte.

"Zwei lange Jahre lang hat Real auf ihn gewartet. Zwei Jahre, in denen er die Fans des Klubs nur verarscht hat. Und dann noch das: Real ist ausgeschieden - und Hazard lacht sich am Spielfeldrand schlapp. Hazard darf keine Minute länger mehr für diesen Klub spielen."

Die Zornesröte hatte Pedrerol vor allem eine Szene nach dem Spiel ins Gesicht getrieben, als sich der Belgier, wenige Augenblicke zuvor mit seinem Klub aus der Champions League eliminiert und offenbar dennoch bester Stimmung, feixend mit seinen Ex-Kollegen austauschte.

Pedrerols Kollege von der schreibenden Zunft, Tomás Roncero, stieß ins selbe Horn. Und wandte sich in seiner Video-Botschaft direkt an den Belgier: "Worüber genau lachst du eigentlich, Eden? Vielleicht habe ich ja etwas nicht mitbekommen? Sag es uns doch. Worüber genau lachst du? Über die zwei Jahre, die wir schon auf dich warten? So wenig Respekt bringst du uns entgegen?" (as.com)

Und einmal in Rage, kriegte sich Roncero auch gar nicht mehr ein: "Rausgeflogen aus der Champions League. Aber - sch....egal, nicht wahr? Hauptsache, du spielst die Europameisterschaft, nicht wahr? Guter Plan: Bei Real sich langsam in Form bringen, um dann beim Großturnier wieder zu strahlen."

Forderungen nach umwälzendem Kader-Umbruch werden lauter

Seine Abrechnung beschloss er mit einem Ausblick auf die profunde Kaderveränderung, die seiner Meinung nach im Sommer vorangetrieben muss. Der Name David Alabas, als erster bestätigter Neuzugang für die kommende Saison, fiel da genauso wie der von Kylian Mbappé, auf dessen Verpflichtung nun die Hoffnungen der Real-Fans (und auch der Verantwortlichen) liegen.

Denn einzig und allein auf die Treffsicherheit eines Karim Benzema, mit 33 Jahren auch kein ausgewiesener Jungspund mehr, zu vertrauen, erwies sich spätestens gestern Abend als reine Illusion.

Karim Benzema, Antonio Rudiger
Zwei Torschüsse in neunzig Minuten - ansonsten hatte die Chelsea-Abwehr (hier Antonio Rüdiger) Karim Benzema gut im Griff / James Williamson - AMA/Getty Images

Zwei Torschüsse des Franzosen in Halbzeit eins, übrigens die einzigen des Teams in neunzig Minuten: das ist die erschütternde Bilanz einer Mannschaft, die gestern auf jeden Fall ein Tor erzielen musste, um überhaupt die Chance aufs Weiterkommen zu wahren.

Zidane, Ramos, Asensio, Hazard - diese Namen stehen nach dem gestrigen Ausscheiden nun mehr denn je im Fokus der Kritik. Und sollte zu allem Überfluss auch das Projekt Titelverteidigung in der heimischen Meisterschaft scheitern (wonach es zur Zeit aussieht!) und die Saison ohne Titel beschlossen werden, kann man von einem langen und umwälzenden Sommer im weißen Teil der spanischen Hauptstadt ausgehen.

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