90min
facebooktwitterinstagramyoutuberss

Atléticos Kampf gegen RB Leipzig und den ewigen Champions-League-Fluch

Enrique Cerezo
Träumt vom ersten Triumph in der Königsklasse: Atléticos Präsident Enrique Cerezo | Aitor Alcalde Colomer/Getty Images

Morgen Abend (21.00 Uhr) spielt Atlético Madrid sein Champions League-Viertelfinale gegen RB Leipzig. Somit tritt der Pupas in Aktion. Mit diesem der Kindersprache entlehnten Begriff wird der Klub seit Jahrzehnten in Spanien etwas spöttisch genannt. Der Verein selbst würde diesen nicht wirklich zierenden Titel gerne abgeben. Die Bühne dafür soll Lissabon werden.

"Hast du dir aua gemacht?", fragen besorgte Eltern hierzulande, wenn sich ihre kleinen Schützlinge mal wieder irgendwo gestoßen haben oder gefallen sind. Im Grunde genommen kann man "aua" durch "pupa" ersetzen - und hätte das spanische Pendant zu der Frage. Denn irgendwie war die Geschichte dieses Klubs aus dem Süden der spanischen Hauptstadt seit jeher mit Schmerzen verbunden. Sowohl im Wortsinn als auch metaphorisch.

Während ersteres vor allem mit dem traditionell kampfbetonten Stil der Colchoneros zusammenhängt (in Madrid und in Restspanien heißt es: "Real spielt Fußball, Atlético arbeitet ihn!"), ist letzteres vor allem an die vielen unglücklichen Erlebnisse, vor allem auf europäischer Bühne, zurückzuführen, die die Rotweißen und ihre treuen Fans in den vergangenen Jahrzehnten erleiden mussten.

Schwarzenbeck traf Atlético ins Herz

Über allem steht dabei immer noch, quasi als Keimzelle allen Übels, das verlorene Finale im Europapokal der Landesmeister im Mai 1974. 1:0 hatten die Madrilenen damals im Brüsseler Heyselstadion gegen den deutschen Meister Bayern München geführt. Luis Aragonés, der 34 Jahre später die spanische Nationalmannschaft zum zweiten EM-Titel der Geschichte führen sollte, hatte in der 114. Minute zum 1:0 für seine Mannschaft getroffen. Der Pott, den der ungeliebte Erzrivale aus dem Norden der Stadt zu diesem Zeitpunkt bereits sechsmal nach Madrid hatte holen können, schien nun endlich auch mal in die Hände der Rojiblancos zu gelangen.

Nur noch wenige Sekunden waren zu spielen, als Georg "Katsche" Schwarzenbeck den Ball im Mittelfeld nach vorne trieb. Da er keine Anspielstation fand und die Partie jeden Moment abgepfiffen werden konnte, machte Schwarzenbeck etwas, was er vorher praktisch nie gemacht hatte: er schoss einfach mal auf das Tor des Gegners. Das war zwar noch gut dreißig Meter von ihm entfernt - aber wie gesagt: was hätte er sonst tun sollen? Und tatsächlich fand der Ball, durch Beine von Freund und Feind hindurch den Weg ins von Miguel Reina (der Vater des späteren Nationaltorhüters Pepe Reina) gehütete Tor.

Schockstarre bei den Spaniern, ungläubiger Jubel bei den Deutschen. Eine Verlängerung gab es damals noch nicht, so dass ein Wiederholungsspiel, am selben Ort und zwei Tage später, die Entscheidung bringen musste. Der Rest ist schnell erzählt: euphorisierte Bayern überrannten frustrierte Madrilenen mit 4:0 - und setzten danach zum europäischen Höhenflug an. Denn auch 1975 und 1976 gewannen die Münchener den Henkelpott und wurden zu dem, was sie bis heute sind.

Der Pupa war geboren

Was irgendwie auch für Atlético galt. Denn von nun an waren sie "el pupa", der Aua. Zwar konnten sie sich den Weltpokal im Winter jenes Jahres 1974 sichern - aber auch nur, weil die Bayern darauf verzichteten, im von einer Militärdiktatur regierten Argentinien anzutreten. Und wirklich trösten konnte der Erfolg gegen CA Independiente (0:1, 2:0) keinen in der Atlético-Familie.

Diese geschichtliche Perspektive muss man einnehmen, um zu verstehen, wie sehr sich der bis zu seinem Umzug 2017 am Fluss Manzanares angesiedelte Klub nach einem Triumph in der Königsklasse sehnt. Erst recht nach den nicht minder traumatischen Finals gegen Real Madrid in den Jahren 2014 und 2016. Vor allem das erste der beiden, mit Sergio Ramos´Ausgleichstreffer in der dritten Minute der Nachspielzeit, mutete beinahe wie ein "Brüssel 1974 Reloaded" an.

Cerezo: "Der Fußball schuldet uns eine Champions League!"

Und so kann es auch nicht verwundern, dass der Präsident von Atlético, Enrique Cerezo, genau diese unglückliche historische Dimension bemüht, um der Welt (via marca) zu sagen: "Der Fußball schuldet uns eine Champions League!". Doch von vermeintlichen historischen Schulden will der Fußball für gewöhnlich nichts wissen. Erst recht nicht der morgige Gegner aus Sachsen.

Viele in Spanien jubelten, als die Auslosung für das Viertelfinale feststand. Mit RB Leipzig, so meinte man, hätte Atlético den einfachsten aller sieben möglichen Gegner zugelost bekommen. Was auch Cerezo nicht verneint. Jedoch mit einem deutlich in die Höhe gehobenen mahnenden Finger: "Vorsicht! Es gibt keine einfachen Gegner. Wir sprechen von den acht besten Teams Europas, und da gibt es keine leichten Rivalen. Es ist eine deutsche Mannschaft, und schon deshalb muss man maximalen Respekt haben. Sie sind, genau wie wir, dritter in ihrer Liga geworden und haben großartige Spieler."

Und dennoch fährt der Präsident mit einer gesunden Portion Optimismus zum Final-Turnier von Lissabon. "Ich habe denselben Traum wie immer. Vielleicht sogar noch mehr diesmal. Es ist ein untypisches Finale, aufgrund der ganzen Vorfälle rund um die Corona-Pandemie. Es wurden dann Spiele ausgetragen, wir warfen den FC Liverpool aus dem Rennen - doch dann war alles unterbrochen. Doch auch die Fans träumen weiterhin. Wir fahren nach Lissabon mit einer einzigen Idee im Kopf: die Champions League-Trophäe nach Madrid zu holen. Wir wollen uns endlich der Stacheln der drei verlorenen Finals entledigen."