Vor und nach einem Spiel stellt sich Marco Reus den Fragen der Journalisten und ist darum bemüht, ehrliche Antworten zu geben. Auf dem Platz ist der Mannschaftskapitän von ​Borussia Dortmund aber nicht der Führungsspieler, der er in Interviews vorgibt zu sein; und auch seine Leistungen lassen zu wünschen übrig. Ein Reus in Topform wäre auch dafür geeignet, ein guter Leader zu sein - davon ist er aber weit entfernt.


Die Reunion von Marco Reus​ und Lucien Favre trug in der ersten gemeinsamen Saison seit der Trennung im Sommer 2012 - Reus wechselte von ​Borussia Mönchengladbach zu Borussia Dortmund - Früchte. In der Bundesliga erzielte der offensive Mittelfeldspieler 17 Tore, steuerte elf Assists bei und lieferte in allen drei Wettbewerben 34 Torbeteiligungen in 36 Spielen.


Nach dem neunten Spieltag steht er wie im Vorjahr bei fünf Toren, hat allerdings nur einen statt fünf Assists auf dem Konto. Die nominellen Zahlen stehen auch nicht im Vordergrund, vielmehr ist es die Haltung auf dem Platz. Seine Verantwortung als Kapitän lebt er in der Kommunikation mit dem Schiedsrichter aus, nicht aber mit seinen Mitspielern. Wie ehrgeizig er ist, ist allerhöchstens beim Torjubel erkennbar.


Von den Klubverantwortlichen wird Reus stark geredet, im Social-Media-Bereich wurde er für seinen Einsatz bei Borussia Mönchengladbach nahezu als Held gefeiert - der Schuss ging allerdings nach hinten los. Nicht nur, ​weil die Fans das Risiko eines Einsatzes nicht verstanden, sondern auch, weil Reus im ​Champions-League-Spiel gegen Inter Mailand fehlte. An einem guten Tag hätte er der Mannschaft mit seiner Kreativität helfen können, ohne ihn und Paco Alcácer wirkte es allerdings wie ein ideenloser, blutleerer Auftritt des BVB.

Marco Reus

Seit Wochen außer Form: Marco Reus.



Auch im ​Revierderby gegen Schalke 04 hing Reus oftmals in der Luft, war kaum am Ball zu sehen, ging nicht als Anführer vorneweg - abgesehen von der Szene, in der er sich bei Schiedsrichter Dr. Felix Brych darüber echauffierte, dass Salif Sané für ein hartes Einsteigen in der 83. Minute nur Gelb statt Rot sah. 


Nach dem Spiel stand Reus wieder einmal Rede und Antwort (zitiert via FAZ): "Wir dürfen mit dieser Leistung nicht zufrieden sein. Uns fehlen die Leichtigkeit und die Form", sagte er und erklärte, man habe "in den ersten 70 bis 75 Minuten haben wir wenig nach vorne investiert. Wir haben uns vorne zu wenig bewegt, zu wenig gezeigt."


Stein: Reus "der erste, der abtaucht"


Davon ist er nicht ausgenommen. Auf seiner Stammposition im offensiven Mittelfeld wirkt er unsichtbar, von jeglicher Körpersprache ist keine Spur. So, das empfindet auch der frühere Torwart Uli Stein, verhält sich kein Anführer. "Wenn ich Marco Reus vorne sehe", holte er bei Sky90 zur Kritik aus, "der spielt das, was der Trainer vorgibt. Keine Emotionen, da ist nichts."


Der Nationalspieler sei "der erste, der abtaucht, wenn es nicht läuft. Wenn es läuft, dann macht er hin und wieder zwei, drei gute Aktionen, aber ansonsten siehst du ihn nicht" - dabei müsse er als Kapitän die Emotionen auf dem Platz vorleben. Darin sieht Stein aber auch einen Zusammenhang mit dem emotionslosen Lucien Favre: "Im Endeffekt spiegelt das, was die Mannschaft auf dem Platz zeigt, das wider, was der Trainer an der Seitenlinie vorgibt. ​Da kommen keine Emotionen. Selbst im Derby fiebert er nicht richtig mit. Man hat das Gefühl, er nimmt das einfach so hin. [...] Die Dortmunder brauchen einen echten Motivator, der die Spieler richtig anpackt." Jeder Spieler sei gefühlt "mit sich selbst beschäftigt", niemand nehme "das Ruder in die Hand. Da passiert nichts."


Zudem mangelt es Reus auch wie seinen Mitspielern spielerisch an Konstanz. Das letzte wirklich gute Spiel absolvierte er beim 4:0 über Bayer Leverkusen, doch seit den zahlreich vergebenen Chancen beim 0:0 gegen den ​FC Barcelona wirkt es, als hätte er den Anschluss verloren. Mit guten Leistungen auf dem Platz könnte Reus auch seine Rolle als Kapitän erfüllen, von beidem ist allerdings keine Spur. 


Die Rehabilitation ist ein langer Prozess


Ewald Lienen sieht demzufolge auch ein Problem in der Kaderstruktur. "Es ist wichtiger, was für Spielertypen du hast. Dortmund hat zu viele technische Spieler", sagte er, "es fehlen echte Leader vor der Abwehr, die jeden Zweikampf gewinnen können, wenn sie es denn wollen." 


Und so wird die Verantwortung auf Marco Reus übertragen, der dafür offenbar nicht gemacht ist. Seine Identifikation mit dem Verein ist nicht außer Acht zu lassen, doch es braucht mehr, um ein wahrer Kapitän zu sein. Der erste Schritt dahin ist die Form, die er wiederfinden muss.