Real Betis will aktiven und technisch guten Fußball spielen. In der laufenden Saison mangelt es dem spanischen Erstligisten noch an der Kaltschnäuzigkeit, oft fehlt der letzte Pass. Ohne den verletzten Dribbler Nabil Fekir wird es nicht einfacher, in höhere Tabellenregionen vorzustoßen.


Üblicherweise nehmen Real Madrid, Atletico Madrid und der FC Barcelona die Transfernews des Fußball-Sommers in Spanien für sich in Beschlag. Fußballfans werden mit den neusten Wechseln der Spitzenklubs versorgt, kleinere Vereine kommen häufig zu kurz. Nicht so am 22. Juli 2019, als Real Betis die Verpflichtung von Nabil Fekir von Olympique Lyon bekannt gab.


2018 wurde Fekir Weltmeister mit Frankreich; auch wenn er im erstklassigen Kader der Franzosen "nur" als Einwechselspieler zum Zug kam, zählt er seit Jahren zu den besten europäischen Kickern auf seiner Position im offensiven Mittelfeld. Die Torgefährlichkeit, Ballführung und Finesse des gebürtigen Lyoners besitzen nicht viele Kollegen. Eine Verstärkung - zumindest mal als Reservespieler - wäre er für wohl jeden Klub der Welt. Umso glücklicher kann sich Real Betis schätzen, ihn für 19,75 Millionen Euro verpflichtet zu haben. Für die gegenwärtige Zeit eine Schnäppchensumme, selbst wenn das Gesamtvolumen des Geschäfts durch Bonuszahlungen noch ansteigen könnte.


Liverpool bläst Fekir-Transfer ab


Im Sommer 2018 stand Fekir kurz vor einem Wechsel zum englischen Hochkaräter FC Liverpool. Der amtierende Champions-League-Sieger war offenbar bereit, 65 Millionen Euro lockerzumachen. Unter mysteriösen Umständen wurde der Transfer im letzten Moment allerdings abgeblasen.


Manche Beteiligte, wie Fekirs damaliger persönlicher Berater Jean-Pierre Bernes, behaupten, dass Fekirs Knieprobleme dem Deal einen Strich durch die Rechnung gemacht hätten. Im Gespräch mit der L'Equipe am 10. September schilderte Fekir seine gegenteilige Sicht auf die Dinge: "Die Wahrheit, warum der Transfer nach Liverpool nicht klappte, weiß nicht einmal ich selbst. Ich habe meinen Medizincheck bestanden und anschließend haben sie sich entschieden, mich doch nicht unter Vertrag zu nehmen." 2015 hatte sich Fekir beide Kreuzbänder und den Meniskus gerissen, in den letzten Jahren blieb er jedoch weitestgehend verletzungsfrei.


Wäre der Wechsel zustande gekommen, hätte der Linksfuß den Gewinn des Henkelpotts in seiner Vita festhalten können. Auch in internationalen Wettbewerben vertretene Klubs wie der SSC Neapel, der AC Mailand und der FC Sevilla sollen sich um ihn bemüht haben, doch Fekir entschied sich nach einer weiteren Saison bei Olympique Lyon für Real Betis Sevilla, das die Spielzeit 2018/2019 auf Platz zehn abschloss. Zieht man seine anderen Optionen in Betracht, wundert man sich, dass er sich dem Klub mit dem kleinsten Namen und den geringsten finanziellen Möglichkeiten verschrieben hat.


Geld ist demnach nicht der Grund, weshalb sich Fekir für vier Jahre den Verdiblancos, den Grün-Weißen, angeschlossen hat. Bei Real Betis verdient er 3,5 Millionen Euro pro Jahr, während er bei den Mitbewerbern mehr Zaster eingesackt hätte. Sein Ex-Jugendtrainer Gerard Bonneau bei Lyon erwähnte gegenüber El Pais die aufsässige Persönlichkeit von Fekir: "Nabil war schon immer ein Rebell. Er hat nach dem geplatzten Wechsel zu Liverpool mit Lyon abgeschlossen und sich geschworen, dass er nach der Saison ein neues Abenteuer im Ausland erleben möchte."


Dieses Szenario ist nun eingetreten. Fekir hat sich von den meisten seiner Profikollegen emanzipiert, indem er den Schritt zu einem nominell schwächeren Verein gegangen ist und nicht dem großen Geld hinterherjagt. Beinahe wäre er allerdings nicht im Estadio Benito Villamarin von Betis gelandet, sondern 3 Kilometer weiter nördlich im Estadio Ramon Sanchez Pizjuan, der Arena des Stadtrivalen Sevilla Futbol Club. "Sevilla wollte mich, aber Betis war schneller. Ich bin jemand, der sein Wort hält", sagte Fekir bei seiner ersten Pressekonferenz.


Weitere Neuzugänge und schmerzhafte Abgänge


Aber Fekir war bei weitem nicht der einzige Neuzugang, der bei Real Betis aufschlug. Mittelstürmer Borja Iglesias von Espanyol Barcelona kostete 28 Millionen Euro und damit noch mehr als der französische Edeltechniker. In der vergangenen Saison war Iglesias mit 17 Treffern der siebtbeste Schütze der ersten spanischen Liga. Der Transfer von Juanmi (Real Sociedad, 8 Millionen) wurde umgesetzt, um die Tiefe des Kaders im Angriff zu aufzubessern. Mit Alex Moreno (Rayo Vallecano, 7 Millionen) und Alfonso Pedraza (FC Villareal, Leihe mit Kaufoption) wurde der linke Flügel verstärkt, mit Emerson (FC Barcelona, 6 Millionen) die rechte Außenverteidigerposition.


Den Neuzugängen gegenüber stehen drei schmerzhafte Abgänge: Torwart Pau Lopez (AS Rom, 23,5 Millionen), Linksverteidiger Junior Firpo (FC Barcelona, 18 Millionen) und der zentrale Mittelfeldspieler und Shootingstar der letzten Saison Giovani Lo Celso (Tottenham Hotspur, Leihgebühr von 16 Millionen). In einem Dreivierteljahr kann Tottenham entscheiden, ob es die festgeschriebene Summe über 60 Millionen ziehen und den Argentinier fest an sich binden will.


Highlights gegen Top-Teams und fehlende Konstanz


Die Saison 2018/2019 beendete Real Betis auf dem 10. Platz. In der Europa League, für die man sich im Vorjahr qualifiziert hatte, war Endstation gegen Stade Rennes in der Runde der letzten 32. In der Copa del Rey verloren die Beticos im Halbfinale gegen Valencia trotz 2:0-Führung. Speziell in der Liga konnte Sevilla die höheren Erwartungen infolge der erfolgreichen Vorsaison nicht komplett erfüllen. Im Mai kam es zur einvernehmlichen Trennung zwischen Trainer Quique Setien und dem Klub.


Dabei gelang es Real Betis unter Setien immer wieder, die Marktführer zu ärgern. Im November 2018 schlug die Mannschaft den FC Barcelona im Camp Nou mit 4:3. Auch der AC Mailand (2:1), Atletico Madrid (1:0) und Real Madrid (2:0) am eher unbedeutenden letzten Spieltag wurden niedergerungen. Doch fehlende Konstanz und die Abschlussschwäche blieben Probleme, die Setien nicht abstellen konnte.


Nichtsdestotrotz blickte die Konkurrenz beinahe neidisch auf Real Betis. Der attraktive Ballbesitzfußball wurde nämlich zum Markenzeichen des Teams. Auch unter Gegnerdruck versuchte die Mannschaft, das Spiel flach von hinten zu eröffnen. Mit dem portugiesischen Nationalspieler William Carvalho und Sergio Canales hatte Real Betis auch die perfekten Spieler für ihren Spielstil.


Setiens Nachfolger Rubi kam von Espanyol Barcelona und bevorzugt ebenfalls spielerische Elemente, um eine Partie zu gewinnen. Was spieltaktische Mittel angeht, muss sich die Mannschaft also nicht umgewöhnen. Nicht zuletzt stieß mit Fekir ein technisch versierter Profi mit guter Übersicht zur Mannschaft dazu. Aktuell kann der 1,73 Meter große Profi sein Talent allerdings nicht auf dem Platz zeigen. Wegen muskulärer Probleme im Oberschenkel fällt er auf unbestimmte Zeit aus.


In den ersten fünf Spielen der Primera Division konnte Fekir noch mitwirken. Zweimal trug er sich in die Torschützenliste ein, einmal gab er eine Vorlage, aber auch darüber hinaus präsentierte er sich als Aktivposten. Bisher geht kein Spieler der Liga öfter ins Dribbling als der Franzose. Wie sehr sein Ausfall schmerzt, zeigte sich kürzlich bei der deftigen 1:5-Niederlage beim FC Villarreal.


Viel Aufwand, wenig Ertrag


Das Ergebnis macht auf den ersten Blick den Eindruck von einer eindeutigen Partie, jedoch war Real Betis bis zur 60. Minute sogar das bessere Team. Die Mannschaft von Rubi kombinierte überlegt bis zum Strafraum der Gastgeber, dann aber fehlte ihr ein Hauch von Kaltschnäuzigkeit. Angreifer Loren Moron, der in sechs Einsätzen fünf Saisontore verzeichnen konnte, blieb unauffällig.


William Carvalho und der 38-jährige Joaquin, die Vereinslegende, einer, der bei der Weltmeisterschaft 2002 bereits für Spanien auflief, hatten nach Beginn der zweiten Halbzeit Torchancen aufs 2:1, wenige Minuten später traf der ehemalige BVB-Innenverteidiger Marc Bartra den Fuß von Villarreal-Angreifer Samuel Chukwueze. Der Schiedsrichter ließ zunächst weiterlaufen, nach Ansicht der Videobilder entschied er aber doch auf Strafstoß. Ein hartes, aber vertretbares Urteil. Santi Cazorla verwandelte aus elf Metern und von nun an war der Widerstand von Real Betis gebrochen. In den letzten 25 Minuten leistete sich Real Betis zu viele Ballverluste und verteidigte die gegnerischen Konter tölpelhaft.


Es zieht sich durch die bisherige Saison, dass Real Betis sich immer wieder selbst ein Bein stellt. Bei der 1:2-Niederlage gegen Real Valladolid flog Torhüter Joel Robles in der 8. Minute vom Platz, beim 1:1 gegen den FC Getafe erwischte es William Carvalho in der 25. Minute mit der roten Karte. Zurzeit liegt Real Betis mit acht Punkten auf Rang 15. Zu wenig für die Ansprüche der Andalusier, wenngleich der Rückstand auf Platz neun nur einen Punkt beträgt. Am Freitagabend gegen die punktgleiche SD Eibar will Real Betis sich für seinen spielerischen Aufwand endlich mal belohnen.