Pikiert, unangebracht, respektlos: Geht's noch, Herr Hoeneß?

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In gewissen periodischen Abständen überkommt die Macher des FC Bayern München ein Anfall von Größenwahn gepaart mit einem Schuss Paranoia. Anders kann man die Reaktion auf ter Stegens Ansage in Richtung Manuel Neuer und dem Bundestrainer nicht interpretieren. 

Hoeneß sieht "Kampf" zwischen westdeutschen und süddeutschen Medien

So, so - für​ ​Uli Hoeneß (und - ideell erweitert - auch für seinen gehassliebten Vorstandskollegen Karl-Heinz Rummenigge ) ist es also "ein Witz", wenn ein Torwart vom Format eines Marc-André ter Stegens mal öffentlich seine Meinung kundtut und sich enttäuscht darüber zeigt, dass er im DFB-Team wieder einmal nur auf der Bank Platz nehmen durfte (trotz anderslautender Absprachen mit dem Bundestrainer). 

Und er finde es extrem, wenn der eine von den westdeutschen Zeitungen so unterstütz wird, und der andere von den süddeutschen im Stich gelassen. Typische Taktik von paranoiden Schizophrenikern: wir gegen die. Grenzen und Verwerfungen auszumachen, wo gar keine sind. Perfide Taktik. 

Herr Hoeneß sei erstmal daran erinnert, dass dieser Marc-André ter Stegen seit fünf Jahren beim ​FC Barcelona den Kasten sauber hält. Und das mit einer mittlerweile derart beeindruckenden Konstanz, dass die spanische Journaille schon fast ehrfurchtsvoll von der "deutschen Mauer" spricht. Siebzehn Weltmeistertitel hat ter Stegen tatsächlich nicht (wie Hoeneß plakativ-überspitzt formuliert hat) - doch sein Schützling Manuel Neuer eben auch nicht. 

Der hat genau eine. Das ist ja so schon ein fantastischer Erfolg und auch eigentlich genug. Und er hat sie, weil er spielen durfte. Hätte ter Stegen gespielt, hätte er sie womöglich auch gewonnen. So einfach ist das manchmal im Fußball. Wie könnte Herr Hoeneß je das Gegenteil beweisen.

Glaube, die Weisheit für sich allein gepachtet zu haben

Es gehört schon ein wenig Arroganz und Scheuklappenmentalität dazu, einem gestandenen und erwiesenermaßen hochklassigen Spieler dessen gutes Recht abzusprechen, eine Meinung zu sich und seinen Arbeitskollegen zu haben. Zumal ter Stegen auch nie und nirgendwo jemand beleidigt oder ehrenrührig behandelt hat. 

Glaubt Herr Hoeneß denn, dass nur die Deutschen (und von denen auch wieder nur die in München) das Leistungsniveau eines Torwarts oder sonst irgendeines Spielers bewerten können? Meint er, dass die ebenfalls zahlreich vertretenen Experten in Spanien weniger Experten als in Deutschland sind? 

In Spanien wundern sich nämlich so ziemlich alle, dass Manuel Neuer weiterhin dem Barça-Keeper vorgezogen wird und dieser wiederum nicht schon längst mehrere Dutzend Länderspiele auf dem Buckel hat. 

Zugegeben: beide Lager sehen vor allem das, was sie direkt vor sich haben. In Zeiten globaler digitaler Vernetzung spricht das nicht unbedingt für die Bereitschaft (beider Lager), über den eigenen Tellerrand mal hinauszugucken. Das gilt für beide. 

Ter Stegen natürlich berechtigt, seine Meinung zu äußern

Aber mal ganz abgesehen von Niveau, Leistung, statistischen Werten usw.: was ist überhaupt passiert? Ein im Saft stehender Torwart, bei einem der weltweit besten Klubs angestellt und dort mit einer unangefochtenen Stellung versehen, spricht interne Gedankengänge laut aus. 

Gedankengänge, nach denen er sich vor keinem Keeper der Welt verstecken muss. Auch nicht vor Manuel Neuer. Und da hat der Junge auch Recht. Man nenne mir aus dem Stegreif einen Torhüter, der weit über ter Stegen steht. Eben - es gibt keinen. Auch ein Manuel Neuer nicht. 

Hinzu kommt - das dürfte auch Herrn Hoeneß interessieren - dass es wohl eine Absprache mit Jogi Löw gab, derzufolge ter Stegen auf seine Einsatzzeiten kommen würde. Dem war bei der letzten Länderspiel-Runde nicht so. Ter Stegen erlebte sowohl das Holland-Spiel in Hamburg als auch das Nordirland-Spiel in Belfast komplett von der Bank aus. 

Nehmen wir mal an, er hätte daraufhin nichts gesagt - dann wäre doch auch alles falsch. Dann hätten sich die Medien den Mund darüber zerrissen, ob ter Stegen überhaupt ehrgeizig und forsch genug ist, seinen Platz in der Herde zu beanspruchen. Wie man´s macht...

Jetzt aber hat sich der 28-jährige Schlussmann dafür entschieden, an die Öffentlichkeit zu gehen. Das darf er. Auch wenn es in München oder anderswo einigen Leuten nicht gefällt. Und er darf auch offensiv einfordern, mehr berücksichtigt zu werden. Die Grundvoraussetzung dafür ist gegeben, nämlich eigene gute bis sehr gute Leistungen, kontinuierlich Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr dargebracht.

Dass Neuer momentan aber auch ganz gut hält, macht es für ter Stegen natürlich nicht einfacher. Olaf Thon sagte im Sport1-Fantalk, dass der Ex-Gladbacher früher hätte hervorpreschen sollen. Zu dem Zeitpunkt, als Neuer etwas wackelig wirkte und die Kluft zwischen beiden beinahe überwunden schien. 

Seit dem Pokalfinale gegen Leipzig jedoch ist Neuer wieder da. Auch daran gibt es keinen Zweifel. Und Neuer macht es seinem Herausforderer seitdem entsprechend schwer. Umso unverständlicher ist die heftige Parteinahme seitens seiner Bossen. Souverän ist anders. Denn Manuel Neuer braucht momentan überhaupt keine verbale Rückendeckung. Seine Leistungen sprechen für sich. Das ist ja die Krux: wir Deutschen sollten uns eigentlich glücklich schätzen, zwei der weltweit besten Keeper zu haben. 

Von daher ist es schon beinahe lächerlich, wenn Karl-Heinz Rummenigge, mit weinerlichem Ton, vom Verband fordert - ja, was eigentlich? Über personelle (sprich: sportliche) Dinge der Nationalelf zu entscheiden? Ist das ihr Ernst, Herr Rummenigge? Oder soll der DFB allen Zeitungen, die pro ter Stegen argumentieren, den Mund verbieten? Aus welchem Paralleluniversum hat man denn die beiden geschuppst?

Leuten den Mund zu verbieten ist jedenfalls eine unschöne Angewohnheit und etwas, das man tunlichst vermeiden sollte. Gerade im Wissen um unsere eigene nationale Geschichte. 

Doch, dass der Meinungsdiktator der Säbener Straße sich nochmal groß ändert, ist wohl eher zu bezweifeln.  

Frappierender Mangel an Souveränität beim Branchenprimus

Bald steht er ja auch nicht mehr so im Rampenlicht. Angesichts mancher Entwicklungen in den letzten Jahren vielleicht auch ganz gut so. Dieser frappierende Mangel an Souveränität wurde auch schon vom Fachblatt kicker thematisiert. 

Es ist tatsächlich schier unglaublich, dass der mit weitem Abstand beste Klub Deutschlands, der sowohl sportlich als auch finanziell und institutionell das Nonplusultra in diesem Land darstellt, so wenig in der Lage ist, souverän auf - letzten Endes - Kleinigkeiten zu reagieren. Und es eigentlich schon immer war. Abteilung Attacke - wie sie irgendwann vom Boulevard, in einer Mischung aus Respekt aber auch höhnischer Verachtung genannt wurde, ging meistens bei den geringsten Anlässen in die Luft. Von damals bis heute. Wird vielleicht tatsächlich Zeit, jüngeren Platz zu machen.