​Robin Gosens' Karriere lässt sich nicht mit der von hundert anderen deutschen Profifußballern vergleichen. Mit 18 Jahren spielte der heute 24-Jährige noch in der Landesliga. Heute tritt er gegen Stars wie Lorenzo Insigne, Cristiano Ronaldo und Krzysztof Piatek an. 


Robin Gosens müssen die letzten sechs Jahre bisweilen noch wie in einem Traum vorkommen: Am 15. Mai spielt er mit dem Erstligisten Atalanta Bergamo im Finale der Coppa Italia gegen Lazio Rom. Gosens hat dann sogar Chancen, in der Startelf zu stehen. In 20 von 35 Partien in der laufenden ​Serie-A-Saison stand der Linksverteidiger bei Anpfiff auf dem Platz. 


Sein Team Atalanta ist jedenfalls keineswegs Außenseiter, wie man auf dem ersten Blick meinen könnte. Drei Spieltage vor Saisonende liegen die Lombarden auf Champions-League-Platz vier, während Lazio Achter ist. Außerdem glückte die Generalprobe beim 3:1-Sieg gegen Lazio am vergangenen Sonntag in der Liga. 


Gosens hat mit Bergamo weiterhin alle Chancen, in der kommenden Saison in der Königsklasse zu spielen - selbst wenn man im Pokalfinale den Kürzeren ziehen sollte. Dabei kickte der gebürtige Emmericher vor gar nicht allzu langer Zeit noch in der Landesliga beim VfL Rhede. 

Zwar träumte er vom Profifußball, aber "wenn man 18 ist und immer noch bei einem 'Dorfverein' spielt, muss man auch realistisch sein", sagte Gosens gegenüber Sport1.


Beim Probetraining in Dortmund durchgefallen


Dann lud ​Borussia Dortmund ihn zum Probetraining ein, das Niveau war für Gosens damals aber deutlich zu hoch. "Es unterschied sich maximal von allem, was ich kannte. Ich spielte damals beim VfL Rhede, erste Leistungsklasse Niederrhein. Ordentliches Niveau, aber im Endeffekt besserer Bauernfußball", sagte Gosens im Interview mit 11Freunde. "In meiner Dorftruppe in Rhede war ich ein kleiner Star, aber dort, in Dortmund, war ich ein Niemand." 


Der Weg in den Profifußball schien für Gosens spätestens jetzt utopisch zu sein. Scouts kamen nicht mehr wegen ihm nach Rhede. Insofern war es ein glücklicher Zufall, als 2012 ein Talentsucher von Vitesse Arnheim in der Provinz vorbeischaute. "Direkt nach dem Spiel, ich war gerade auf dem Weg vom Platz in die Kabine, sprach mich dann ein Typ an. Er meinte, er sei ein Scout von Vitesse Arnheim und eigentlich wegen eines anderen Spielers gekommen. Jetzt wollte er aber lieber mit mir reden", verriet Gosens. 


Dumm nur, dass Gosens in der Nacht zuvor mit seinen Freunden feiern war. Weil er Angst hatte, dass der Scout seine Fahne riechen würde, hielt er sich die Hand vor den Mund. Schlussendlich lud er Gosens trotzdem nach Arnheim ein. Eigentlich hatte Gosens Pläne, als Polizist arbeiten zu wollen - dieser Berufswunsch musste nun erstmal hinten anstehen. Sein Abitur schaffte er aber trotzdem. 


Nach nur einem Jahr in der A-Jugend von Vitesse Arnheim und einem halben Jahr in der U23 berief ihn der damalige Trainer Peter Bosz in die erste Mannschaft. "Kurze Zeit zuvor hatte ich noch auf Asche gespielt. Es war komplett abgefahren. Aber Peter Bosz war der Erste, der in mir einen Linksverteidiger erkannte. Zuvor war ich Achter oder Sechser, spielte immer im Zentrum. Doch Bosz sah meine Laufstärke, meine Physis, mein Durchhaltevermögen", beschrieb der Linksfuß die wegweisende Entscheidung des Niederländers. Noch heute beackert Gosens die linke Seite in Italien. 


Interesse des BVB


Nach einer einjährigen Leihe beim Zweitligisten Dordrecht und zwei Jahren als Stammspieler von Vitesse folgte der nächste Karrieresprung: Im Sommer 2017 bezahlte der ambitionierte italienische Erstligist Atalanta Bergamo 900.000 Euro für Gosens. Zwar ist er bei den Norditalienern kein unumstrittener Stammspieler, jedoch hat er bei seinen Einsätzen einen bleibenden Eindruck hinterlassen und einen deutschen Bundesligisten auf sich aufmerksam gemacht. Bezeichnenderweise ist es ausgerechnet Borussia Dortmund. Man sieht sich immer zweimal im Leben. 


Weil Gosens nie eine Nachwuchsakademie eines Profiklubs durchlaufen und fast seine komplette Jugend "mit Freunden" gespielt hat, ist ihm "dieses Konkurrenzdenken" eher fremd. 

"Viele der Jungs, die ihr Leben schon früh auf den Fußball ausgerichtet haben, denken nur an sich. Das meine ich überhaupt nicht wertend, ich stelle es nur fest. Die wollten unbedingt Profi werden, von Hunderten Kids das eine sein, das es am Ende schafft. Ich dagegen war lange Teil einer Kumpeltruppe. Ich war ein ganz normaler Bauer", sagte der bodenständige Kicker. In dieser Form könne er das Leben als Profi sehr genießen. 


Zusätzlich zum Profifußball bildet er sich geistig weiter, dank eines Fernstudiums paukt er nach dem Training Psychologie. Nach wie vor ist die Bundesliga sein Traum. Aber "auf Teufel komm raus" strebt er nicht danach. Er fühle sich in Bergamo zu Hause, ließ Gosens wissen.