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Nach Tönnies-Rücktritt: Große Chancen und Gefahren für Schalke

Clemens Toennies
Der Rücktritt von Clemens Tönnies hat am Dienstag alle überrascht | TF-Images/Getty Images

Dass sich Clemens Tönnies dazu entschieden hat, alle Ämter auf Schalke niederzulegen, war eine große Überraschung am Dienstag. Für den S04 bieten sich dadurch große Chancen und Möglichkeiten für eine anders gestaltete Zukunft - allerdings gehören auch Gefahren dazu, die es weitsichtig und klug zu überwinden gilt.

Die größte Nachricht im deutschen Sport konnte der zurzeit ohnehin sehr unruhige und rumorende FC Schalke 04 für sich beanspruchen: Am Nachmittag berichtete zunächst die Bild, dass Clemens Tönnies von allen Ämtern beim S04 zurücktreten wird, somit auch vom großen Machtposten des Aufsichtsratsvorsitzenden. Wenig später folgte seitens der Vereinsmedien die Bestätigung.

Clemens Toennies, David Wagner
Die Zeit von Tönnies beim S04 ist vorbei - Trainer David Wagner könnte folgen | TF-Images/Getty Images

Diese Nachricht war weniger so überraschend, weil Tönnies zuletzt sowohl aus dem Verein heraus, als auch in der Öffentlichkeit unter großem Druck stand - sondern eher, weil ihm ein Rücktritt nicht ähnlich sieht und dieses Szenario so gut wie ausgeschlossen wurde. Während der eine Teil der Fans und Mitglieder feiert und sich einen Neuanfang wünscht, sieht der andere Teil das Ende des Vereins am Horizont aufziehen.

Was wird sich denn nun ändern auf Schalke? Welche Möglichkeiten entstehen, welche Risiken kommen gleichzeitig auf? Dieses tatsächlich große und nicht zu unterschätzende Kapitel lässt sich in verschiedene Kategorien aufteilen.

Die Nachfolge auf Schalke: Dr. Jens Buchta übernimmt den Vorsitz zunächst

Am frühen Abend teilte der Verein mit, dass Dr. Jens Buchta den Vorsitz im Kontrollgremium von Tönnies übernehmen wird. Er ist seit 2006 Teil des Aufsichtsrats und zuletzt als Stellvertreter tätig gewesen. Die Wahl sei einstimmig erfolgt, seine Amtszeit läuft damit bis zur nächsten Wahl 2022. Bis dahin wird Buchta, gebürtiger Essener und gelernter Rechtsanwalt, das Amt zunächst ausführen.

Die Fans, die dem Rücktritt Tönnies' positiv gegenüberstehen, sehnen sich nach einem Neuanfang. Weniger Unruhe, dafür mehr gute wie sachliche Arbeit des zukünftigen Vorsitzenden im Hintergrund - so, wie es eigentlich der Standard ist. Weniger Beziehungen zu (Boulevard-)Zeitungen, siehe die erste Verkündung des Rücktritts. Dementsprechend gilt es als wahrscheinlich, dass AR-Kandidaten bzw. -Mitglieder, die Tönnies nahe standen, Gegenwind erwarten wird.

Die großen Risiken: Geschäftspartner, Deals und Instabilität

Tönnies hat im Sinne des S04 seine Beziehungen zu Unternehmen, Partnern und Banken spielen lassen können. Das prominenteste Beispiel: Trikot-Sponsor Gazprom. Das russische Staats-Unternehmen wird häufig kritisiert - Schalke bekommt durch den Deal, hauptsächlich zwischen dem scheidenden AR-Vorsitzenden mit Vladimir Putin ausgehandelt, etwa 20 Millionen Euro im Jahr. Eine Konstante im ansonsten wirtschaftlich unruhigen Klub, die nun wackeln wird.

Auch sonstige Hürden bei womöglich abtretenden oder zumindest nicht verlängernden Sponsoring-Partnern gilt es zu überwinden. Königsblau wird sich einen neuen Kredit holen müssen, sicherheitshalber gedeckt seitens einer Bürgschaft der NRW-Landesregierung (noch nicht beschlossen). Andererseits ist es ebenso möglich, dass sich neue Partner und Unternehmen Schalke anschließen wollen, nun, wo Tönnies den Verein verlässt. Immerhin hatte der 64-Jährige in letzter Zeit immer wieder für ein schlechtes Image gesorgt.

Clemens Toennies, Peter Peters, Jens Buchta
Tönnies, Peter Peters und Jens Buchta - nur einer bleibt dem Verein erhalten | Pool/Getty Images

Dass es zudem auch zu einer gewissen Fluktuation im Personalwesen der Vereinsführung kommen kann, ist auch möglich. Innerhalb des Klubs, besonders in der Führungriege, hat Tönnies einige ihm gegenüber gut gestellte Menschen unterbringen können - dass er so seinen Einfluss vergrößert hat, ist im Schalker Umfeld ein offenes Geheimnis. Diese Personen könnten, nach und nach und deutlich leiser, den Verein ebenfalls verlassen. So wird es wichtig sein, diese Aufgaben und Rollen zeitnah und nach bestmöglicher Kompetenz neu zu besetzen.

Die großen Chancen: Neuanfang, Ruhe und ein intaktes Vereinswesen

Ein Rücktritt und Amtsende von Tönnies war nicht nur wegen der letzten Entwicklungen in seinem Fleischbetrieb ein großes Thema, auch nicht nur wegen seiner rassistischen Äußerung im vergangenen Sommer. Viel mehr sind es mehrere große Aspekte, die sich wie eine Art Puzzle zusammenfügen lassen.

Seit fast zwei Jahrzehnten war der Fleischfabrikant an der Spitze des Kontrollgremiums. Dabei sonnte er sich regelmäßig in der Öffentlichkeit, arbeitete nur während der Heidel-Zeit im Hintergrund. Wenig verwunderlich, dass er seitens mancher Medien gerne als "Schalke-Boss" bezeichnet wurde. So sah er es selbst gerne, hieß es oft, es schmeichele ihm. Dementsprechend äußerte sich zuletzt auch der große Wunsch nach einer sachlichen und kompetenten Arbeit, die im Hintergrund stattfindet. So, wie sich ein Gremium wie der Aufsichtsrat eigentlich auch selbst versteht.

Die Mannschaft trauert um verstorbene Vereinsmitglieder
Die Mitgliederversammlungen auf Schalke sind ein immer gut besuchter Termin des Klubs | TF-Images/Getty Images

Dass der S04 neben dem sportlichen Teil auch wirtschaftlich stark abschmieren konnte, während der AR nahezu alle Aktivitäten im Verein abnicken und beschließen muss, wird ebenfalls Tönnies angelastet - wie der gesamten, bereits länger bestehenden Abteilung. Schließlich ist es die definierte Aufgabe, zu kontrollieren. Diese Aufgabe scheint über die letzten Jahre nicht erfolgreich vonstatten gegangen zu sein - inklusive der Einstellungen mehr oder minder erfolgreicher Vorstände oder Trainer.

Auch wenn das Wort auf Schalke sehr häufig benutzt wird: Nun ist tatsächlich die Zeit eines großen Umbruchs gekommen, der größte, den sich das Umfeld vorstellen kann. Es gilt, diesen Umbruch erfolgreich, weitsichtig und professionell zu gestalten. Alle sind gefragt, vom Vorstand, über die Angestellten, bis hin zu den Fans und den Mitgliedern. Kluge Entscheidungen müssen getroffen, die richtigen Personen gewählt werden.

Zwischen Chance und Gefahr: Ein Verein muss zusammenhalten

Der Tönnies-Rücktritt bietet dem Verein eine große Chance für einen positiven Neuaufbau. Diese Möglichkeit wird aber begleitet von Gefahren, die nicht einfach vergessen werden dürfen. Mehr denn je steht die Frage "Quo vadis, Schalke?" im Vordergrund. Oder passender ausgedrückt: "Wo gehste'n hin, Schalke?"