Kommentar zum CL-Aus des BVB: Jetzt kann Schlotterbeck nur noch gehen

Der BVB ist trotz 2:0-Vorsprungs in der Champions League ausgeschieden. Es ist das Ergebnis eines schleichenden Abstiegs in Richtung Mittelmaß. Zudem hat Nico Schlotterbeck jetzt nur noch eine Option. Ein Kommentar.
Nico Schlotterbeck erlebte das Aus in der Champions League nur von der Bank aus
Nico Schlotterbeck erlebte das Aus in der Champions League nur von der Bank aus / Alexandre Simoes/GettyImages
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Wer ein Gefühl dafür bekommen wollte, wie fassungslos die Dortmunder Spieler nach dem dramatischen Ausscheiden in letzter Sekunde gegen Atalanta Bergamo waren, der musste nur ein Blick in das Gesicht von Maxi Beier werfen.

TV-Kameras fingen den leeren und ungläubigen Blick des BVB-Stürmers ein, der sofort zu einem Renner im Internet und einem neuen Meme wurde. Es war die perfekte Schlusspointe unter diesen Abend, den man aus Dortmunder Sicht schnell vergessen wollte – und der sich doch noch als folgenschwerer Wendepunkt herausstellen könnte.

Stößt Kovac an seine Grenzen?

Denn die 1:4-Klatsche gegen Bergamo, die auch in der Höhe absolut verdient war, offenbarte das große Problem bei Borussia Dortmund in dieser Saison perfekt. Denn auch, wenn die Ergebnisse über große Teile der Saison stimmten, die Spielweise war es nicht.

Niko Kovac steht für einen ergebnisorientierten Fußball, die Grundlage bildet eine stabile Defensive. Doch die großen Probleme entstehen mit dem Ball. Dortmund tut sich unheimlich schwer, selbst das Spiel zu machen, das wurde gegen Atalnta und auch schon am Wochenende gegen RB Leipzig deutlich.

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Niko Kovac' Spielstil sorgte schon für viele Diskussionen bei der Borussia / PIERO CRUCIATTI/GettyImages

Das muss jedem bewusst sein, der Kovac als seinen Coach einstellt. Der 54-Jährige ist ein Meister darin, strauchelnde und kriselnde Klubs wieder aufzurichten, das zeigte er neben dem BVB auch bei Eintracht Frankfurt. Bei der spielerischen Weiterentwicklung hapert es dann allerdings oft.

Schlechtes Kadermanagement

Die Niederlage in Bergamo allerdings nur auf den Schultern von Kovac abzuladen, wäre ebenso falsch – schließlich stand nicht er auf dem Platz, sondern seine Spieler. Und dabei ist diese Niederlage in Bergamo gewissermaßen das Ergebnis der vergangenen Transferpolitik.

Der BVB ist in den letzten Jahren immer mehr in Richtung Mittelmaß gerutscht, was das Spielermaterial angeht. Das fängt bei Namen wie Ramy Bensebaini an, geht über Akteure wie Emre Can und endet bei Profis wie Emre Can.

Vergleicht man den aktuellen Dortmunder Kader mit dem, der 2021 den DFB-Pokal gewann, dann fällt auf: die echten Top-Spieler, die Unterschiedsspieler sie fehlen. Damals wirbelten Jadon Sancho und Erling Haaland gemeinsam, im Mittelfeld sammelte Jude Bellingham erste wichtige Erfahrungen. Solche Akteure fehlen aktuell.

RB Leipzig - Borussia Dortmund
Bei jungen Talenten wie Yan Diomande hat der BVB mittlerweile das Nachsehen / picture alliance/GettyImages

Das hat auch damit zu tun, dass Dortmund bei seinem einstiegen Faustpfand mittlerweile ins Hintertreffen geraten ist: den Talenten. Teams wie RB Leipzig und Eintracht Frankfurt haben den Schwarz-Gelben hier in den letzten Jahren den Rang abgelaufen. Zudem scheuen sich beide nicht, große Summen in Spieler wie Yan Diomande oder Hugo Larsson zu investieren.

Dem BVB bricht dadurch eine wichtige Einnahmequelle weg, zu der sie keinen wirklichen Plan B haben. Stattdessen sah man in den vergangenen Jahren vermehrt Transfers von Bundesliga-erfahrenen Spielern, die zwar eine gute Basis mitbringen, aber eben nicht in dieses Top-Regal passen, in dem die Borussia vor einigen Jahren noch unterwegs war.

Es passt dabei ins Bild, dass die Schwarz-Gelben mit Julian Brandt und Emre Can verlängern wollen. Beide sind in der Theorie gute Fußballer, vor allem Brandt ruft diese Qualität allerdings zu selten ab und hat immer wieder Phasen, in denen er komplett abtaucht. Und das tut er im Grunde seit seiner Ankunft in Dortmund vor sieben Jahren.

Julian Brandt
Auf Dauer überzeugte Julian Brandt selten beim BVB / DeFodi Images/GettyImages

Kein gutes Bild für Schlotterbeck

Am dramatischsten ist das Ausscheiden in Bergamo aber beim Blick auf die Personalie Nico Schlotterbeck. Seit Monaten tun die Dortmunder Bosse alles, um mit dem 26-Jährigen zu verlängern – Top-Gehalt und Kapitänsamt inklusive.

Doch Schlotterbeck zögert. Der Innenverteidiger hat mehrfach klar gemacht, dass er endlich um Titel spielen will und diese auch gewinnen will. Das Spiel in Bergamo wird ihn in dieser Ansicht kaum bestärkt haben, auch weil es wieder einmal zeigte: In der Königsklasse ist der BVB aktuell nur noch Statist.

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Wie sehr beeinflusst die Niederlage in Bergamo Schlotterbecks Entscheidung? / RONNY HARTMANN/GettyImages

Von zehn Spielen in der Champions League gewannen die Schwarz-Gelben nur vier, dazu setzte es ebenso viele Pleiten, wobei man satte 21 Gegentore kassierte. Das sind keine Zahlen eines Spitzenteams, das sind Zahlen eines Mitläufers.

Hat sich der BVB sein eigenes Grab bei Schlotterbeck geschaufelt?

Diese Entwicklung wird auch Schlotterbeck selbst registriert haben – ebenso wie die Tatsache, dass der BVB trotz einer starken Saison eigentlich chancenlos gegen Bayern München ist. Da kommt es aus seiner Sicht wie gerufen, dass Real Madrid die Bemühungen um ihn intensiviert.

Bei den Königlichen hätte er all das, was er beim BVB nicht hätte: Eine Titel-Garantie, beziehungsweise die Sicherheit, jedes Jahr um diese mitzuspielen. Gleichzeitig wären die Königlichen der absolute Top-Klub, den sich Schlotterbeck im Falle eines BVB-Abgangs wünscht.

Insofern könnte diese Niederlage in Bergamo seine Entscheidung pro Real weiter befeuern, denn sie machte einmal mehr deutlich: Um Titel wird der BVB in dieser Zusammenstellung auf Dauer nicht mitspielen – weder national noch international. Deshalb kann Schlotterbeck nach Mittwochabend eigentlich nur noch gehen.


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