Kommentar zu Nagelsmanns WM-Interview: Das Ende des Leistungsprinzips

Julian Nagelsmann gab dem kicker ein bemerkenswertes Interview. Dabei wurde deutlich: Das Leistungsprinzip zählt für den Bundestrainer nicht mehr – ebenso wie die Fakten. Ein Kommentar.
Julian Nagelsmann sorgte mit seinem WM-Interview für Wirbel
Julian Nagelsmann sorgte mit seinem WM-Interview für Wirbel | Sports Press Photo/GettyImages

Joachim Löw ist einer der größten Bundestrainer aller Zeiten. Er prägte eine Ära und führte das DFB-Team 2014 zum WM-Titel in Brasilien. Dennoch waren nach der EM 2021 viele froh, als er zurücktrat. Warum? Weil Löw in seinen letzten Jahren das Leistungsprinzip quasi außer Kraft setzte und zu treu gegenüber verdienten Spielern war.

Dadurch wurde der dringend benötigte Umbruch verzögert, den auch Hansi Flick nicht bewältigen konnte. Mit Julian Nagelsmann kam dann 2023 frischer Wind in den DFB, der auch das Leistungsprinzip wiederbelebte. Sein Kader zur Heim-EM war dann auch genau das Ergebnis davon.

Umso erstaunlicher und auch schwerer nachvollziehbar ist, weshalb er nach dem Heimturnier davon abkam. Das ließ sich bereits bei den letzen Nominierungen beobachten, sein Interview beim kicker, beziehungsweise einige Aussagen, schießen jedoch den Vogel ab.

Goretzka-Aussagen als Ohrfeige für Stiller & Co.

"Es wird Entscheidungen geben, das kann ich jetzt schon verraten, die vermutlich nicht auf supergroßes Verständnis stoßen. Nicht beim Spieler, aber auch nicht in der breiten Öffentlichkeit. Weil vielleicht ein Spieler bei uns nicht in der ersten Elf eingeplant ist, der bei seinem Verein aber Stammspieler und Leistungsträger ist", sagte der Bundestrainer. Es wirkte wie eine vorzeitige Absicherung.

Insbesondere die Rolle von Leon Goretzka erhitzte zurecht die Gemüter. Der 31-Jährige ist bei Bayern München nur noch Mittelfeldspieler Nummer vier, Nagelsmann sieht ihn bei der WM hingegen sogar in der Startelf auf der Doppelsechs neben Felix Nmecha oder Aleksandar Pavlovic.

Leon Goretzka
Leon Goretzka soll bei der WM starten dürfen – zum Unverständnis vieler | NurPhoto/GettyImages

Und an dieser Stelle muss man fragen: Mit welchem Recht? Goretzka ist weder Leistungsträger in seinem Verein, noch überzeugte er in dieser Saison nachhaltig. Ihm jetzt eine Quasi-Startelf-Garantie auszusprechen ist ein Schlag ins Gesicht von Spielern wie Anton Stach oder Angelo Stiller.

Stiller würde als Spielgestalter und passstarker Sechser viel besser zum Spiel des Teams passen als Goretzka, der klare Schwächen beim Passspiel hat. Zudem ist er ein ähnlicher Spielertyp wie Nmecha, weshalb dem DFB-Team so eine ordnende Hand im Mittelfeld fehlen würde.

Alternative Fakten

Nagelsmann begründete die Rolle von Goretzka so: "Er ist einer, der auch in den Sechzehner geht, der kopfballstark ist und eine gute Wucht mitbringt." Dieses Profil hätten sie beim DFB sonst kaum, sondern eher ähnliche Spielertypen, wie Nagelsmann sagte: "Pascal Groß, Angelo Stiller, Pavlovic, Nmecha, selbst Robert Andrich – die wollen alle den Ball."

Das ist faktisch falsch, Angelo Stiller ist ein völlig anderer Spielertyp als Felix Nmecha oder Robert Andrich. Nagelsmann dreht es sich so, dass er Goretzka in die Startelf argumentieren kann, obwohl er es – und so ehrlich müssen wir sein – leistungstechnisch eigentlich nicht verdient hätte.

Schaut der Bundestrainer überhaupt Spiele von Leeds United?

In diesem Zusammenhang muss auch über die Rolle von Anton Stach gesprochen werden. Der 27-Jährige spielt eine bärenstarke Saison bei Leeds United, hat sich sofort zu einem der wichtigsten Spieler entwickelt und glänzt als Strippenzieher und Spielgestalter.

"Er ist ein Schlüsselspieler für uns. Er vereint perfekte Balance zwischen defensiven Fähigkeiten, Physis und der Fähigkeit, uns defensiv Stabilität zu geben, und kann zugleich unser Offensivspiel inspirieren", lobte auch Leeds-Trainer Daniel Farke.

Anton Stach setzte sich ohne Probleme bei Leeds United durch
Anton Stach setzte sich ohne Probleme bei Leeds United durch | Visionhaus/GettyImages

Trotzdem ist er bei Nagelsmann außen vor – und das bleibt auch so, wie er sagte: "Er macht sich dort gut. Aber er ist nicht besonders stark in der Luft und auch nicht der Beste bei den Balleroberungen. Außerdem ist er jemand, der es vorzieht, das Spiel vor sich zu haben. Meiner Meinung nach war seine beste Position bei Hoffenheim die zentrale Rolle in einer Dreierkette, von wo aus er sich in die Position des defensiven Mittelfeldspielers fallen lassen konnte."

Nagelsmann lügt sich in die eigene Tasche

Hier verkennt Nagelsmann wieder einmal die Realität, auch im Vergleich zu Goretzka. Der Bundestrainer kritisiert Stachs Kopfballstärke, lobt sie hingegen bei Goretzka – dabei sagen die Daten etwas komplett anderes.

Stach gewinnt pro 90 Minuten im Schnitt 60,71 Prozent seiner Kopfballduelle, bei Goretzka sind es dagegen nur 34,62 Prozent (Quelle: Best11Scouting). Es ist also vielmehr genau andersrum als Nagelsmann argumentierte.

Angesichts dieser Verklärung der Tatsachen muss man sich mittlerweile fragen: "Quo vadis, Leistungsprinzip?" Wenn ein Leon Goretzka bei einer WM Startelf spielen darf, anstelle eines Angelo Stiller oder Anton Stach, die beide weitaus bessere Saisons spielen, dann sagt das sehr viel über Nagelsmanns Nominierungskriterien aus.

Ein fehlendes Zeichen

Der Bundestrainer scheint auf Teufel komm raus nicht auf seine Lieblinge aus Bayern-Zeiten verzichten wollen – und ist dafür anscheinend auch bereit, alternative Fakten zu schaffen, die jeglicher Grundlage entbehren.

Auch Leroy Sané, der bei Galatasaray Istanbul eine ausbaufähige Saison spielt, bekam von Nagelsmann eine Startelf-Garantie – bzw. sagte er, dass sich Sané im Duell mit Serge Gnabry durchsetzen muss.

Serge Gnabry
Serge Gnabry winkt ein Platz in der Startelf bei der WM | Sports Press Photo/GettyImages

Auch hier muss wieder die Frage erlaubt sein: Spielen Gnabry und Sané eine Saison, die so gut ist, dass sie bei einer WM starten dürfen? Eigentlich nicht. Gnabry ließ nach starkem Start zuletzt etwas nach und wäre in der Rolle als Ersatz- bzw. Rotationsspieler besser aufgehoben. Dass er diese gut ausfüllen kann, zeigte er ja bei den Bayern.

Warum zeigt Nagelsmann hier nicht einmal Mut und schenkt Lennart Karl das Vertrauen? Er ist unbekümmert und auch, wenn er in den letzten Spielen ebenfalls viel Luft nach oben hatte, wäre das ein starkes Signal und ein Zeichen, dass der Umbruch im DFB-Team nicht vergessen wurde.

Es fehlt frisches Blut

Denn das ist ein weiteres Problem bei seinen Nominierungen: Es sind alles etablierte und routinierte Spieler, denen der Bundestrainer eine Startelf-Garantie ausgesprochen hat – Jamal Musiala, Florian Wirtz und Pavlovic fallen hier mit ihren 23, 22 respektive 21 Jahren allerdings etwas aus dem Raster.

Aber ansonsten besteht die Startelf in der Theorie aus Spielern zwischen 27 und 35 Jahren – das ist keine nachhaltige Basis, auf der du in den nächsten Jahren etwas aufbauen kannst. Wo sind abgesehen von Musiala, Wirtz und Pavlovic die jungen Talente wie Karl, El Mala oder auch Spieler außerhalb der Bundesliga wie Stach oder auch Yann Aurel Bisseck?

Schafft es Lennart Karl zur WM?
Schafft es Lennart Karl zur WM? | DeFodi Images/GettyImages

Mehr Mut, bitte!

Andere Länder wie Spanien oder Frankreich machen das deutlich besser. Dort spielten Lamine Yamal und Kylian Mbappe mit 16 respektive 19 Jahren Startelf und führten ihre Länder zum EM-Titel 2024 und WM-Titel 2018.

Dort war es den Nationaltrainern Luis de la Fuente und Didier Deschamps egal, dass sie so jung waren. Aber sie haben Leistung gezeigt und sich so ihren Platz in der Startelf verdient. Es wäre schön, wenn man diesen Mut auch beim DFB-Team sehen würde.

Doch dort sind Namen anscheinend immer noch wichtiger als Leistungen – zumindest in Bezug auf einige Positionen.

Es braucht frische Gesichter

Damit verspielt Nagelsmann zunehmend auch den Kredit der Fans. Denn auch sie wollen neue und aufregende Spieler sehen – und keinen Goretzka oder Sané, die obendrein ihre Nominierung bzw. Startelf-Garantie auch noch sportlich nicht rechtfertigen können.

Die Nationalmannschaft braucht frische Gesichter, und sie braucht vor allem Gesichter, die es verdient haben, mit dem Adler auf der Brust aufzulaufen. Dabei sollte es egal sein, wie jung dieser Spieler ist, oder wo er spielt. Und Nagelsmann sollte vor allem endlich nach Leistung nominieren und sich dabei nicht selbst in die eigene Tasche lügen, wie er es bei Goretzka tut.


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