Angesichts der jüngsten Meldung, dass Manuel Neuer aufgrund eines kleinen Muskelfaserrisses erneut pausieren muss, ist die Diskussion wieder im vollen Gange: Sollte der Torhüter, der in wenigen Wochen seinen 40. Geburtstag feiern wird, seine Karriere zum Saisonende lieber beenden?
Der FC Bayern lässt sich in seinen Planungen für das Tor noch immer nicht in die Karten schauen. Es zeichnet sich ab, dass es vorrangig an Neuer und seiner ausstehenden Entscheidung liegt, ob er noch ein weiteres Jahr als (nominelle) Nummer eins weitermachen wird. Laut Bild könnte eine Entscheidung bis zu Neuers 40. Geburtstag am 27. März fallen.
Oli meint: Neuer sollte weitermachen
Dass Manuel Neuer mit nun fast 40 Jahren und zahlreichen Fußballschlachten auf allerhöchstem Niveau körperlich nicht mehr ganz taufrisch ist, ist vollkommen klar. Ebenso klar ist, dass die Torwartlegende niemandem mehr etwas beweisen muss. Dennoch wäre es gut und sinnvoll, wenn sich der Rekordmeister und Neuer in den kommenden Wochen auf eine Fortsetzung der Zusammenarbeit um ein weiteres Jahr verständigen könnten. Nicht, weil man es dringend müsste, sondern weil es abseits des Offensichtlichen einen erheblichen Mehrwert mit sich brächte.
Urbig muss weiter gefestigt werden - Kein Rensing 2.0
Zum einen könnte Neuer noch ein weiteres Jahr großer Lehrmeister seines vermeintlichen Thronfolgers Jonas Urbig sein und den 22-Jährigen in dieser Übergangsphase zur Nummer eins eines Weltklubs begleiten.
Urbig konnte in seinen zahlreichen Einsätzen als Ersatzmann bisher meist überzeugen. Wie er jedoch mit dem gesamten und dann alleinigen Druck zurechtkommt, wenn er permanent im Mittelpunkt steht, ist noch ungewiss. Gerade hier bietet der Name Manuel Neuer einen wohligen Schatten, in dem sich Urbig mit etwas mehr Ruhe Stück für Stück weiterentwickeln könnte. Ein Jahr im Profifußball kann da oft schon viel bewirken und würde die Zukunft des FC Bayern im Tor nachhaltig sichern.

Ich erinnere nur ungern an die Phase, in der die Bayern mit dem damals 24-jährigen Michael Rensing einen vorherigen Ersatzmann und ein ebenfalls gehyptes Torwartjuwel als Nachfolger für Oliver Kahn auswählten, was letztlich nicht nach Wunsch aufging und den Neuer-Deal überhaupt erst ins Rollen brachte. Auch Rensing galt damals als Zukunft des deutschen Fußballs, doch dann wurde er in München von der Realität eingeholt und vom Druck des Weltfußballs aufgefressen.
Urbig zu verheizen, wäre jetzt fatal. Sollte der Ex-Kölner noch nicht für den ganz großen Druck und das alleinige Rampenlicht bereit sein, hätte das auch sportlich einschneidende Konsequenzen; der Rekordmeister kann sich keinen wackelnden Schlussmann leisten. Gerade deshalb erscheint ein weiteres Lehrjahr an der Seite von Manuel Neuer – und vielleicht auch noch hinter dessen breitem Kreuz – als langfristig sinnvoll und gewinnbringend.
Dass sich Urbig auch im täglichen Training noch einiges von Manuel Neuer abschauen kann, ist selbstredend.
Baustelle im Tor könnte doppelt kostspielig werden
Nicht zu vergessen ist, dass die Bayern sich im Sommer nicht zwingend die Torwartfrage stellen müssen. Wenn Neuer geht, braucht es Ersatz. Dabei stellt sich dann aber neben der Kostenfrage auch die Frage, wen man an die Säbener Straße lotsen kann, ohne dass es zu internen Querelen kommt. Benötigt wird dann nämlich ein Torwart, der selbst zwar die Qualität mitbringt, potenzielle Nummer eins sein zu können, der aber bereit sein müsste, sich bei einem Transfer willig als Nummer zwei hinter dem noch nicht auf Strecke erprobten Jonas Urbig einzureihen.
Was, wenn Urbig eine Schwächephase hat und die Bayern sich plötzlich mit der T-Frage und dann einem Konkurrenzkampf um den Platz im Tor auseinandersetzen müssen? Dann stünde nicht nur die Qualität der Bayern-Leistungen, sondern vielleicht auch Urbigs Zukunft auf der Kippe.

Viel sinnvoller wäre es also, Jonas Urbig in der nächsten Spielzeit bewusst deutlich mehr Spielzeit einzuräumen und eine 1b-Lösung mit Neuer auf Augenhöhe zu planen, um herauszufinden, ob er tatsächlich das Zeug zur Nummer eins zwischen den Münchner Pfosten hat. So könnte man beispielsweise eine Regelung finden, die Manuel Neuer in eine Teilzeitrolle schiebt, in der er vorwiegend in den Pokalwettbewerben zum Einsatz kommt und die Ligaspiele zu großen Anteilen an Urbig gehen, um den weiter zu festigen.
Geht der Urbig-Plan schief, hat man Neuer noch in der Hinterhand. Überzeugt Urbig als neue Größe im Tor, kann Neuer stolz und ruhigem Gewissens in den verdienten Ruhestand segeln.
Münchner Machtgefüge schon bereit für einen Neuer-Abgang?
Unabhängig von den sportlichen Leistungen wäre es wohl sinnvoll, einen sanften Abschied von Neuer zu wählen, bei dem der Torwart im Sommer zunächst einmal die Kapitänsbinde an Joshua Kimmich weitergibt und sich langsam aus der Spitze der Münchner Hierarchie zurückzieht. Die Bayern haben mit Thomas Müller bereits eine echte Größe und Führungsfigur verloren und werden mit Leon Goretzka eine weitere charakterliche Säule verlieren.
Ein Wechsel im Machtgefüge sollte aber vermutlich nicht an zu vielen Ecken aufgemacht werden, um die interne Gesundheit des Kaders nicht zu gefährden und Nachfolgern Raum geben, in neue Rollen zu wachsen. Neuer ist ein Anführer und kann auch in der sportlichen zweiten Reihe noch viel ins Team einbringen – in einer bewusst zurückgezogeneren Rolle und vielleicht vor allem als Mentor von Urbig.

Denn klar ist, dass ein Bayern-Keeper nicht nur sportlich, sondern auch als Persönlichkeit voll auf der Höhe und gefestigt sein muss. Ein weiteres Jahr Übergangsphase hin zu einem starken Wort in der Kabine würde Jonas Urbig sicherlich guttun. Mit den schützenden Händen eines Manuel Neuer, der sich Urbig in vielen stillen Momenten auch mal zur Seite nehmen könnte, würde das mit Weitsicht und dem Blick über den Tellerrand hinaus, auch das Standing von Jonas Urbig als echte Nummer eins stärken, ohne dass er sich dann schon alleine den scharfen Blicken und spitzen Zungen verdienter Superstars stellen müsste.
Die Kernfrage dreht sich nicht um Neuer, sondern um die Zukunft des Bayern-Tors
Bei dieser Vertragsfrage geht es also in erster Linie gar nicht um Manuel Neuer, sondern vielmehr darum, Jonas Urbig nicht zu früh alleine zu lassen. Zwar bringt der 22-Jährige zweifellos große Fähigkeiten mit, doch das taten schon viele Talente vor ihm. Die meisten zerbrachen jedoch an den Anforderungen und dem Selbstverständnis, das beim deutschen Rekordmeister herrscht. Gerade deshalb wäre es wichtig, dem Neuer-Erben für eine weitere Saison eine starke Schulter an die Seite zu stellen.

Ähnlich wie die Kansas City Chiefs es mit Patrick Mahomes im American Football machten. Auch ihn holte man als Heilsbringer für die Zukunft, baute ihn aber geduldig und behutsam auf. Als er bereit war, eroberte Mahomes die NFL im Sturm. Vielleicht können die Bayern Jonas Urbig also zum Münchner Mahomes machen.
Meiner Meinung nach könnte ein weiteres Jahr mit Manuel Neuer entscheidend dafür sein, wie die Karriere von Jonas Urbig beim FC Bayern verläuft. Wie schon erwähnt, muss Neuer niemandem mehr etwas beweisen. Außer vielleicht, dass er nicht mehr in der ersten Reihe zu großen Taten ausholen muss, sondern in einer komplett anderen Rolle im Hintergrund. Genau das macht eine Vertragsverlängerung dann auch so wertvoll für alle Beteiligten.
Yannik meint: Es wird keinen besseren Zeitpunkt für ein Karriereende geben
Die Zeit ist gekommen: Zum Sommer sollte Manuel Neuer seine Profikarriere beenden - und zwar proaktiv und aus eigenen Stücken. Er ist es, der diese Entscheidung für sich selbst, aber auch für den FC Bayern treffen muss. Einen besseren Zeitpunkt wird es kaum mehr geben.
Bereits die vergangenen Jahre, aber insbesondere diese Saison haben gezeigt: Neuer ist nun einmal nicht mehr der Jüngste. Vorsichtsmaßnahmen hier, fragliche Einsätze, Auswechslungen oder gar verletzungsbedingte Zwangspausen dort. Es ist inzwischen keine Seltenheit mehr, dass der gebürtige Gelsenkirchener rein körperlich nicht mehr so kann, wie er will. Das ist auch nicht verwerflich oder überraschend: Über 20 Jahre als Profi-Keeper und dauerhafte Nummer eins, sowohl beim FC Schalke, als auch in München oder in der Deutschen Nationalmannschaft, hinterlassen schlichtweg ihre Spuren.

Neuer hat doch nichts davon, wenn er auf Biegen und Brechen weitermacht, nur um dann immer mal wieder auszufallen. Zumal er in der nächsten Saison auch zusätzlich (!) deshalb weniger aufspielen müsste, um seine dann um ein weiteres Jahr aufgeschobene Wachablösung im Sinne seines Nachfolgers zu initiieren. Diese Kombination würde für ein unschönes und auch für ihn kaum zufriedenstellendes Jahr sorgen, mit dem man seine lange und äußerst erfolgreiche Karriere beenden will.
Zu diesem Sommer bietet sich deshalb ein viel attraktiverer Zeitpunkt an - für Neuer und auch für den FCB. Abseits des ohnehin auslaufenden Vertrages ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er zumindest das Double gewinnen wird. Auch in der Champions League kann die Mannschaft von Vincent Kompany noch weit kommen. Mit womöglich mindestens zwei Titeln aufzuhören, wäre doch umso passender. Dazu steht mit Jonas Urbig ein etwaiger Nachfolger schon bereit. Der 22-Jährige, dem intern offenbar schon die Beförderung zugetraut wird, müsste nicht um ein weiteres Jahr vertröstet werden.
Die Rahmenbedingungen für ein Karriereende werden für Neuer voraussichtlich nicht mehr besser werden. Es ist also an der Zeit, diese sicherlich sehr schwierige Entscheidung ganz bewusst und selbstbestimmt zu treffen.
