Bevor Bayer Leverkusen in der Saison 2023/24 das Kunststück vollbrachte, eine ganze Saison ungeschlagen zu bleiben, gab es die Invincibles. Es war die legendäre Arsenal-Mannschaft, die 2003/04 in der Premier League ebenfalls ohne Niederlage blieb.
Noch heute können Arsenal- und Fußball-Fans die Namen der Spieler herunterbeten, die die bis dato letzte Meisterschaft nach Nord-London brachten: Thierry Henry, Robert Pires, Patrick Vieira, Jens Lehmann, Dennis Bergkamp und viele mehr.

Mehr als 20 Jahre sind seit jenen Heldentaten vergangen. Arsenal durchlief in dieser Zeit so manches Tal, seit einigen Jahren sind die Gunners jedoch wieder oben dabei. Trainer Mikel Arteta formte das Team Stück für Stück wieder zu einer europäischen Top-Adresse.
Jetzt sind sie der Meisterschaft so nah wie noch nie: Sieben Spieltage vor Schluss hat Arsenal bei einem Spiel mehr neun Punkte Vorsprung auf Manchester City. Der große Traum ist also ganz nah – und das sorgt bei Fans außerhalb des Emirates-Stadiums für Entsetzen.
Vor allem auf der Plattform X wird sich mit Kritik an Arsenal nicht zurückgehalten. Der Hauptvorwurf: Die Gunners spielen extrem unattraktiv, unsportlich und seien arrogant. Aber stimmt das wirklich? Wäre eine Meisterschaft von Arsenal wirklich das Ende des Fußballs?
Theorie und Praxis
Um diese Frage zu beantworten, muss man zunächst einen Blick auf den Kader werfen. Dieser ist auf dem Papier absolut weltklasse. Gabriel Maghalaes und William Saliba bilden das vielleicht beste Innenverteidiger-Duo der Premier League, davor lenkt Declan Rice das Spiel. Offensiv sollen Bukayo Saka, Viktor Gyökeres und Eberechi Eze für Spektakel sorgen. So zumindest die Theorie.

In der Praxis sieht das nämlich ganz anders aus. Nur 31 ihrer 61 Tore in der Premier League entstanden aus dem Spiel heraus – also nur 51 Prozent (Quelle: WhoScored.com). Ganze 19 Treffer fielen nach Standardsituationen, also fast ein Drittel (31 Prozent).
Zum Vergleich: Der ärgste Konkurrent Manchester City erzielte 63 Prozent seiner Tore aus dem Spiel heraus, während lediglich zwölf Prozent aller Treffer durch eine Ecke oder Freistoß fielen. Diese Diskrepanz zeigt, worauf bei den Gunners der Schwerpunkt liegt.
Gyökeres wird seiner Torgefahr beraubt
Trainer Mikel Arteta hat Eckbälle quasi zu einer "Kunst" gemacht. Es war Arsenal, die damit begannen, den Keeper im Fünfmeterraum zuzustellen und zu behindern, um so bessere Chancen auf Tore zu bekommen – mittlerweile wird es in ganz Europa kopiert.
Der Vorwurf an Arteta und sein Team lautet hier oft, dass Arsenal eigentlich viel besser und vor allem ansehnlicher spielen könnte – und in gewisser Weise stimmt das auch. Akteure wie Eberechi Eze oder Viktor Gyökeres waren bei ihren vorherigen Klubs absolute Schlüsselspieler und werden bei Arsenal aber bewusst in kleinere Rollen gedrängt.

Gyökeres ist hier das beste Beispiel. Der Schwede gehörte in der letzten Saison zu den besten Torjägern und schoss bei Sporting CP alles kurz und klein. Bei Arsenal ist von dieser Dominanz kaum noch etwas zu sehen. Sein Torschnitt sackte von 1,25 Treffern pro Partie auf 0,52 ab (Quelle: Footystats.org).
Zudem kann er kaum noch etwas mit dem Ball machen. Er hat noch keinen Assist in dieser Saison und dribbelt pro Partie nur noch 1,47 Mal – damit rankt er im 64. Percentile, was als absoluter Durchschnitt gilt. In der vergangenen Saison lag sein Dribblingwert noch bei 3,98, womit er zum 95. Percentile gehörte.
Arteta beraubt Gyökeres seiner Stärken – und das, obwohl er von seiner Physis und seiner Spielanlage eigentlich wie gemacht für die Premier League ist. Doch unter dem Spanier reduziert sich seine Rolle auf Bälle festmachen und auf Abpraller oder Flanken zu hoffen.
Eze hängt in der Luft
Dass Gyökeres so in der Luft hängt, hat allerdings auch damit zu tun, dass er kaum von seinen Mitspielern in Szene gesetzt wird. Auch hier gibt es wieder das Problem, dass der Fokus von Arteta hauptsächlich auf den Ecken und anderen Standards zu liegen scheint.

Eberechi Eze beispielsweise war bei Crystal Palace der offensive Schlüsselspieler. Und auch, wenn es klar war, dass seine Rolle angesichts von Arsenals hochkarätig besetzter Offensive etwas zurückgehen würde – so deutlich hat man das allerdings nicht erwartet.
In seiner letzten Saison bei den Eagles spielte er im Schnitt 2,04 "Key Passes", also Pässe, die zu einem direkten Torschuss führen. In dieser Saison ist es mit 0,84 im Schnitt nicht mal einer. Eze kann so, ähnlich wie Gyökeres, kaum seine Stärken ausspielen.
Die Kritik ist berechtigt
Und hier muss man sich deshalb fragen, weshalb Mikel Arteta so konsequent das zweifellos große offensive Potenzial seiner Mannschaft ignoriert, und sich so auf Standardsituationen fokussiert. Ecken und Freistöße sollten ein Hilfsmittel für Tore sein, aber nicht der Hauptfokus.
Das brachte ihm und seinem Team auch schon einiges an Kritik ein – genauso wie das Zeitschinden, das die Gunners in dieser Saison bis an die Grenzen des Erlaubten ausreizen. "Diese Dinge haben nichts mit Fußball zu tun", echauffierte sich Brighton-Trainer Fabian Hürzeler nach der 0:1-Niederlage seines Teams und meinte damit Arsenals übermäßiges Zeitspiel, mit dem sie "den Rhythmus des Spiels" stören würden.

Und auch wenn Arteta die Kritik herunterspielte, ein Körnchen Wahrheit steckt in Hürzelers Worten schon. Opta hat berechnet, dass Arsenal sich im Schnitt bei einer Eckenausführung 44 Sekunden Zeit lässt – Rekord in der Premier League. Insgesamt summiert sich die Zeit, die die Gunners bei Eckbällen verschwendet haben, auf mittlerweile 117 Minuten.
Das Saka-Paradoxon
Kann man Arsenal dafür einen Vorwurf machen? Jein. Arteta und sein Team bewegen sich nun einmal im erlaubten Rahmen – zwar hart an der Grenze, aber trotzdem immer noch im Rahmen. Ist Kritik an der unattraktiven Spielweise trotzdem richtig? Ja.
Arsenal hat so viele herausragende Fußballer, die ihre Fähigkeiten jedoch kaum wirklich zeigen können. Was verwundert, schließlich war Arteta jahrelang Co-Trainer von Pep Guardiola, der seit jeher einen sehr ansehnlichen Fußball spielen lässt.

Bukayo Saka ist noch so ein Beispiel. Der Flügelstürmer stammt aus der Jugendakademie der Gunners und stieg erst kürzlich zum bestverdienenden Spieler der Vereinsgeschichte auf. Sportlich lässt sich der neue Vertrag in dieser Saison jedoch kaum rechtfertigen. Saka blieb zwischen Anfang Dezember und Mitte Februar knapp zweieinhalb Monate ohne Tor.
Und das war nicht mal seine schlimmste Durstrecke: Im August vergangenen Jahres machte eine Statistik die Runde, nach dieser Saka von Dezember 2024 bis August 2025 nur ein Tor aus dem Spiel heraus erzielt hat. Als Flügelspieler. Bei einem der dominantesten Teams der Premier League. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.
Alles für den Erfolg
Eigentlich gehört Trainer Mikel Arteta dafür kritisiert. Der Spanier hat in den letzten Jahren jeden Transferwunsch geschenkt bekommen, Erfolg in Form von Pokalen stellte sich allerdings nicht ein. Vielmehr wurde Arsenal vor allem auf Social Media immer mehr zum Gespött aufgrund ihrer Unfähigkeit, Titel zu gewinnen.
Es scheint so, als wollen die Gunners diese Häme in dieser Saison unbedingt beenden – komme, was wolle. Nach drei Vizemeisterschaften in Folge will Arsenal ganz nach oben auf den Thron – egal wie und egal mit welchen Mitteln. Dass dafür der Fußball und das eigentliche Potenzial der einzelnen Spieler leiden müssen, wird dabei willentlich in Kauf genommen.

Wohlwollend kan man hier allerdings einwerfen, dass Arteta in den letzten Jahren mit schönem Fußball keinen Titel gewonnen hat. Die Schlussfolgerung, deshalb jetzt auf mehr Kontrolle und Sicherheit zu setzen, ist deshalb umso nahliegender – und aktuell dürfte er sich angesichts von Arsenals Position und Ausgangslage darin auch bestätigt fühlen.
Mit zweierlei Maß gemessen?
Aber wäre Arsenals Meisterschaft wirklich das Ende für den Fußball? Viele Anhänger des Joga Bonito, des schönen Spiels, oder auch generell Fußball-Fans würden dieser Behauptung sicherlich zustimmen. Denn wenn man sich Arsenal-Spiele anschaut, dann sind sie wirklich kein Leckerbissen.
Allerdings muss man auch sagen: Es gab schon vor den Gunners Teams, die immer wieder die Regeln so ausgelegt haben, wie es ihnen passte und mit unattraktiven bzw. biederem Fußball erfolgreich waren. Das Finale dahoam 2012 ist so ein Beispiel. Damals tat der FC Chelsea 90 Minuten lang nichts für das Spiel und glich kurz vor Schluss durch Didier Drogba aus – nach einer Ecke.
War dieser Titel in der Retrospektive unverdient? Dem Spielverlauf entsprechend schon, allerdings kam damals niemand auf die Idee, den Titel von Chelsea als "Anfang vom Ende" des Fußballs zu deklarieren.

Dasselbe Spiel gab es bei Frankreichs WM-Titel 2018, wo die Equipé Tricolore trotz ihres unglaublichen Kaders oft nur Ergebnisfußball spielte und nicht mehr tat, als notwendig war. Doch wie Chelsea gibt auch den Franzosen der Erfolg am Ende recht.
Wäre Arsenals Erfolg nachhaltig?
Es wird immer Teams geben, die für Erfolg alles tun und dafür auch ganz tief in die Trickkiste greifen. Arsenal tut dies in dieser Saison in einem besonderen Maße und warf dafür ihren Spielstil aus den vorherigen Jahren nahezu komplett über Bord.
Und da muss man sich am Ende zwei Dinge fragen: War es das wirklich wert? Und: Ist diese Spielidee wirklich nachhaltig? Denn Änderungen über das Zustellen des Torhüters im Fünfmeterraum werden bereits diskutiert, zudem wird ab der neuen Saison dem Zeitspiel der Kampf angesagt und es gibt weniger Unterbrechungen.
Für diese Saison mögen die Gunners damit erfolgreich sein. Doch ob sie das auch noch sein werden, wenn die Regeländerungen einmal greifen? Ich persönlich glaube nicht. Deshalb wird auch eine mögliche Meisterschaft für Arsenal für mich im ersten Moment zwar auch nicht in Jubelstürme verfallen lassen, auf lange Sicht allerdings aufgrund all dieser Faktoren nur zu einer Fußnote der Fußballgeschichte werden.
