Eigentlich war alles für eine erneute WM-Party der Brasilianer angerichtet. Nach dem Triumph 1994 stand die Selecao auch bei der WM 1998 wieder im Finale. Mit Roberto Carlos, Rivaldo und Ronaldo standen dabei auch drei absolute Legenden in der Startelf gegen Frankreich, das sein erstes WM-Finale überhaupt spielte.
Die Grande Nation hatte sich durch einen Doppelpack von Verteidiger Liliam Thuram zuvor gegen Kroatien ins Endspiel gekämpft. Es waren Thurams einzige Treffer für Les Bleus überhaupt. Nun stand Frankreich also bei der Heim-WM der Selecao gegenüber.
Fast alle rechneten damals mit einem engen Spiel und sahen die Favoritenrolle bei den Brasilianern. Doch es sollte alles anders kommen. Mit 3:0 besiegten die Franzosen die Selecao und sorgten so dafür, dass in Brasilien sogar ein Untersuchungsausschuss eingesetzt wurde, der die Gründe für die lethargische Leistung im Finale ans Licht bringen sollte. Dabei wurde auch der Einfluss von Ronaldos Sponsor Nike auf die Nationalmannschaft unter die Lupe genommen.
Doch die Niederlage der Brasilianer hatte weniger mit Lethargie zu tun, als vielmehr mit der Tatsache, dass sie gegen einen Mann an diesem Abend absolut chancenlos waren: Zinedine Zidane.
Ein Superstar wird geboren
Frankreichs Regisseur brachte die Grande Nation mit zwei Kopfballtoren in der ersten Halbzeit auf die Siegerstraße und stieg nach dieser Gala-Leistung endgültig zum absoluten Superstar auf. Im selben Jahr gewann er folgerichtig seinen ersten von drei Ballon d'Ors – bis zur Ära von Lionel Messi und Cristiano Ronaldo einsamer Rekord.
"Mein Leben hat sich mit diesem Spiel verändert. Ich wurde der Spieler, der die Geschichte des französischen Fußballs geprägt hat", erinnert sich Zizou 20 Jahre später bei Europe1.
"Sobald ich den Ball bekomme, spiele ich ihn zu Zidane. Danach kann ich mich entspannen", sagte sein Nationalmannschaftskollege Didier Deschamps damals.
"Wir verloren gegen eine Mannschaft, die von Zidane inspiriert wurde", sagte Rechtsverteidiger Cafu nach dem Finale. Damit fasste die brasilianische Legende ziemlich gut das zusammen, was Zidane Zeit seiner Karriere tat: inspirieren.
Seidenhandschuhe an den Füßen
Das tat er dabei mit einer technischen Eleganz und Klasse, die damals wie heute seinesgleichen sucht. "Technisch ist er der König der Grundlagen des Spiels: Ballkontrolle und Passspiel. Niemand kommt an ihn heran, wenn es um die Ballannahme und Ballkontrolle geht", erklärte Michel Platini, der selbst als einer der besten französischen Fuballer aller Zeiten gilt.

Schaut man sich Spiele Zidanes an, dann wird klar, was er meint. Auf dem Platz tat Zizou nie etwas Unnötiges, alles hatte Hand und Fuß. Dabei spielte er stets mit einer Eleganz und technischen Finesse, die kaum zu schlagen war. Er hatte die Gabe, das Spiel einfach aussehen zu lassen.
Die Real-Legende Alfredo di Stefano sagte einmal, Zidane spiele, als habe er "Seidenhandschuhe" an seinen Füßen – ein treffender Vergleich. Zizou streichelte den Ball, seine schnellen Bewegungen waren immer elegant, einen technischen Fehler sah man nie.
Vielmehr wirkte es teilweise so, als habe er im Schuh einen Magneten, der dafür sorgte, dass der Ball an seinen Füßen klebte. Sein erster Kontakt gehörte zu den besten, die der Fußball je gesehen hatte, so gut wie nie versprang ihm hier der Ball.
Eine Verschiebung der Realität
"Er ist eher ein Tänzer als ein Fußballspieler", bestätigte auch Kaiser Franz Beckenbauer 2006, während selbst Zlatan Ibrahimovic anerkannte: "Zidane kam von einem anderen Planeten. Wenn er den Platz betrat, wurden die anderen zehn Spieler plötzlich besser."
Es gibt noch viel mehr solcher Lobpreisungen anderer Legenden, was erneut zeigt, wie weit voraus Zidane den Spielern in seiner Generation war – insbesondere denen auf der Zehnerposition. Zuvor war der Regisseur häufig nur für den letzten Pass zuständig. Bei ihm liefen die Angriffsbemühungen am Ende zusammen und er ließ die Angreifer gut aussehen.
Zidane jedoch verschob diese Rolle. Statt immer nur den letzten Pass zu spielen, wurde er zum Rhythmusgeber und Spiellenker, womit er quasi die Aufgabenfelder des Zehners und Achters bzw. Sechsers miteinander kombinierte.
Klebten ehemalige Weltklasse-Regisseure wie Michel Platini oder auch Roberto Baggio noch hinter den Angreifern, ließ sich Zidane häufig ins Mittelfeld zurückfallen, wo er sich die Bälle abholte und das Angriffsspiel seiner Mannschaften aufzog.

Es war dieser simple Kniff, mit dem er den Blickwinkel auf die Regisseure im Fußball verschob – auch, weil plötzlich ganz andere Attribute gefragt waren. Vor Zidane standen enge Ballkontrolle unter Druck, elegante Dribblings und Drehungen weniger im Fokus, ebenso wenig wie das Dribbling als Option, um Zeit zu gewinnen.
Zwischen den Ketten
Zizou änderte das. Seine Dribblings in Kombination mit seiner Technik, aber auch Intelligenz für den Raum, seiner Spielkontrolle und seiner Ruhe unter Druck war ein Paket, das es auf dieser Position so noch nie gegeben hatte.
Das machte es für gegnerische Teams unheimlich schwer, ihn zu kontrollieren. Denn Zidane bewegte sich stets zwischen den Ketten, verschob sie mit seinen Dribblings, seinen Pässen und seiner Eleganz, bis sich die entscheidende Lücke bot – entweder zum Schuss oder zum entscheidenden Pass.
Der beste Elfmeter der WM-Geschichte
Wie cool Zidane dabei stets blieb, zeigte sich wohl am besten am 9. Juli 2006. WM-Finale zwischen Frankreich und Italien. Die Squaddra Azzura hatte bis dahin nur ein Gegentor im gesamten Turnier bekommen, Gianluigi Buffon kam gerade in seine Prime.
Doch Zidane interessierte das alles nicht. Als er in der neunten Minute zum Elfmeter antrat, nachdem Florent Malouda gefoult worden war, setzte er den Ball nicht einfach in eine Ecke. Stattdessen schoss er diesen Strafstoß so, wie nur Zidane es konnte.

Ein paar Schritte Anlauf, dann lupfte er den Ball im Panenka-Stil an die Unterkante der Latte, von wo er hinter die Linie und wieder hinausprallte. Im WM-Finale. Gegen Gianluigi Buffon. In seinem letzten Spiel als Fußballer. Es war der womöglich beste Elfmeter der WM-Geschichte – den Zidane genauso wollte, genauso geplant hatte.
Zidanes Abschiedstournee
In diesem Elfmeter lag alles, was Zidane seine Karriere lang ausgezeichnet hatte: Eleganz, Gefühl, aber auch Kontrolle und Planung. Es war sein Meisterstück bei dieser WM – und das will etwas heißen, denn zuvor lieferte er schon eine Gala-Vorstellung nach der anderen.
Gegen Spanien im Achtelfinale besorgte er das entscheidende 3:1, Brasilien nahm er im Viertelfinale beinahe im Alleingang auseinander. Eine Zidane-Drehung hier, ein Jonglieren auf den Oberschenkeln bei der Ballannahme dort – und Ronaldinho, Ronaldo & Co. mussten die Heimreise antreten.

Doch so unglaublich sein Start damals ins WM-Finale auch war, wird man dieses Endspiel auf ewig mit einer anderen Szene in Verbindung bringen.
Der bitterste Abgang der Geschichte
Verlängerung: Zidane und Marco Materazzi laufen vom Strafraum in Richtung Mittelkreis, als sich Zizou plötzlich umdreht und dem Italiener einen Kopfstoß verpasst. Rote Karte, Zidane muss vorzeitig zum Duschen. Nicht nur Kommentator Reinhold Beckmann fragte sich damals: "Warum hat er das nötig, dieser großartige Spieler?"
Jahre später erklärt er, Materazzi habe seine Schwester beleidigt, weshalb er anschließend kurz ausgerastet sei. Es ist der womöglich bitterste Abgang der Fußballgeschichte. Das Bild, wo Zizou am WM-Pokal vorbeiläuft, ist bis heute ikonisch.

Frankreich kann sich ohne Zidane zwar ins Elfmeterschießen retten, verliert dort nach dem Fehlschuss von David Trezeguet jedoch, weshalb sich Italien zum vierten Mal zum Weltmeister krönt.
Sein Meisterstück im CL-Finale
Zidane ist geschlagen, er verabschiedet sich von der großen Fußballbühne nicht mit Eleganz, sondern mit einem Knall – im wahrsten Sinne des Wortes. Dennoch ist auch dieses traurige Ende Teil seines Vermächtnisses an den Fußball.
Dem Fußball, dem er so viel gegeben hat. Sein Tor im Finale der Champions League 2002 etwa, als er Real Madrid gegen Bayer Leverkusen fulminant per Volley von der Sechzehnerkante in Führung brachte.
Real, das damals die Galacticos baute und für Zidane die Weltrekordsumme von 75 Millionen Euro in die Hand nahm. Dass neben Zizou Luis Figo, Roberto Carlos, Ronaldo und später auch noch David Beckham holte.
Eine Stufe besser
Die Nummer eins blieb jedoch immer Zidane, er stand stets eine Stufe über ihnen, auch wenn er das natürlich nie offen kommunizierte. Aber wenn man sich Spiele der Galacticos anguckt, dann wird das offensichtlich.
Auch seine Mitspieler von damals geben das offen zu. "Er ist der beste Spieler, den ich je gesehen habe. Mit ihm zu spielen war verrückt", sagte zum Beispiel Roberto Carlos.
Große Fußstapfen
Die Nummer fünf, die er bei Real trug, umweht noch heute ein legendärer Hauch, genauso wie die Nummer zehn in der Nationalmannschaft.
Für viele sind diese beiden Nummern untrennbar mit Zidane verbunden, einige Fans erklärten sogar, sie sollten aus Ehren vor Zidanes Leistungen nicht mehr vergeben werden.
Man kann sie verstehen, auch wenn so etwas im Fußball natürlich deutlich seltener vorkommt, als zum Beispiel in der NBA. Zidane veränderte den Sport, war so elegant wie kaum ein Spieler vor oder nach ihm und machte es dementsprechend auch einfach unfair für seine Nachfolger bei Real und dem Nationalteam.
Der eleganteste Fußballer aller Zeiten?
Der einzige Spieler, der in Sachen schierer und reiner Eleganz wohl vorher an ihn herankam, war Pele. Der dreimalige Weltmeister ließ wie Zidane das Spiel einfach aussehen und war stets ein bis zwei Klassen besser als seine Mitspieler – und er spielte immerhin mit Carlos Alberto, Garrincha oder Jairzinho zusammen.

Und eben jener Pele, der Fußballer des 20. Jahrhunderts, sagte 2006: "Zidane ist der Meister. In den vergangenen zehn Jahren gab es niemanden wie ihn. Er war der beste Spieler der Welt."
Mehr Erklärung über diesen Fußballer, diese Legende, braucht es eigentlich nicht. "Was er mit einem Fußball machen konnte, ist für die meisten von uns ein Traum", sagte Xabi Alonso einst, der selbst ein Virtuose mit dem Ball war.
Neben Zizou verblassten jedoch alle. Nie wieder wurde Fußball so elegant gespielt. Nie wieder wurde der Blickwinkel auf die Regisseure des Spiels so verschoben – und nie wieder gab es nach Zidane einen Spieler, der so simpel, und doch gleichzeitig so spektakulär, so schön und so kreativ spielte. Daran kann auch sein bitterer Abgang am 9. Juli 2006 nichts ändern.
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