Mit fünf Punkten aus den ersten fünf Spielen ist Schalke 04 in die Saison 2026/27 gestartet und seit der Rückkehr in die Bundesliga verpasste der Kult-Verein es - unter anderem am vergangenen Sonntag beim Auswärtsspiel gegen den SC Freiburg - mehr Zählbares auf der Habenseite zu verbuchen. Die bittere und knappe 1:2-Niederlage im Breisgau nahm Cheftrainer Miron Muslic am Ende auf seine Kappe.
Er führte aus, dass seine Wechselideen nach dem Platzverweis für die Hausherren nicht zum Dolchstoß für Freiburg, sondern zum Klotz am Bein für seine eigene Mannschaft wurden. Der Österreicher mit bosnischen Wurzeln analysierte, dass seine Idee die Schalker Mannschaft vielmehr destabilisierte und Freiburg zurück ins Spiel brachte, als das Spiel auf die Seite der Knappen zu ziehen. Allerdings auch, weil seine Schützlinge nicht gut genug verteidigten.
Schalker Nörgler stecken die Köpfe aus den Löchern
Fünf Punkte aus den ersten fünf Saisonspielen – so mancher königsblaue Fan hatte sich offenbar mehr erhofft. Neben dem im Allgemeinen großen Rückhalt für den Trainer und seine Arbeit kommen schon wieder vereinzelt Nörgler aus den Löchern gekrochen und machen ihrem Unmut gegenüber Muslic - vor allem über Social Media - Luft. Von Unfähigkeit und mangelnder Qualität bis hin zur angeblichen Mogelpackung ist der Malkasten der Kritik mal wieder breit aufgestellt.
Vielleicht muss man diesen Schalkern mal wieder ins Gedächtnis rufen, wo der Verein vor der Ankunft von Miron Muslic noch stand, welch wahnwitzigen Verschleiß an Trainern es phasenweise gab und wie groß die Unzufriedenheiten während dieser Leidenszeiten waren. Der sportliche Niedergang sorgte Jahr um Jahr für Abstiegsängste und drohende Szenarien mit möglichem Drittligafußball in der Veltins-Arena. In den sieben Jahren vor Muslics Ankunft und nach der Vizemeisterschaft in der Bundesliga unter Domenico Tedesco hatten die Schalker ganze zwölf Trainer am Spielfeldrand stehen – einige davon doppelt und teils interimistisch.
Unter keinem der jüngsten Vorgänger von Muslic – mit Ausnahme von Vereinsikone Mike Büskens – war ein Gefühl wie bei dem aktuellen Schalker Trainer zu vernehmen. Das spürt man selbst als externer Nicht-Königsblauer.
Jeder Schalker hätte die aktuelle Lage vor einigen Monaten noch mit Kusshand genommen
Bis zum 30. Mai 2025 – dem Tag vor Muslics Antritt auf Schalke – hätte jeder königsblaue Nörgler der Gegenwart nach fünf Punkten aus fünf Bundesligaspielen vermutlich die Playstation ausgemacht und wäre zum Träumen von alten Erfolgszeiten ins Bett gegangen.
Dass die Knappen nach absoluten Katastrophenjahren in Rekordzeit stabilisiert und wieder in die Erstklassigkeit geführt wurden und sich dort allen Widersachern standhaft entgegenstellen, ist neben der tollen Arbeit hinter den Kulissen von Frank Baumann und Co. aber in erster Linie Verdienst des Trainers.

Hätte man vor rund eineinhalb Jahren einem Schalker gesagt, dass sie Mitte Oktober 2026 nicht im Tabellenkeller der 2. Bundesliga, sondern in der Bundesliga und über dem Strich stehen, hätte das jeder Schalker mit Kusshand und ungeprüft so gekauft.
Für Schalke geht es um nichts anderes als ums Überleben
Wer erwartet hatte, dass Schalke nach dem Aufstieg nun mit Zauberfußball und reihenweise Punkten um die Ecke kommt, der sollte seinen Fußballsachverstand auf den Prüfstand stellen, denn die Wahrheit ist, dass die Entwicklung der Schalker unter Muslic so rasch voranschritt, dass man die Königsblauen eigentlich als zu früh eingeschultes Kind ansehen kann.

Für Schalke kann und wird es in dieser Saison um nichts anderes als den Klassenerhalt gehen. Um Aufgaben und Hürden, an und mit denen das Team, aber auch der Trainer wachsen müssen – wie am Sonntag in Freiburg. Phasen, in denen es um nichts anderes als das nackte Überleben geht.
Dieser Prozess schreitet voran und lebt von Rückschlägen. Und jedem Nörgler sei die Frage gestellt: Wann war es denn zuletzt so ruhig auf Schalke? Ich kann mich, mit Ausnahme der Zeit von Mike Büskens, jedenfalls nicht daran erinnern, dass die Schalker Fans so nah bei der Mannschaft und dem Trainer standen und diesen mit derartigem Vertrauensbonus als einen der ihren ansahen. Die große Konstante der letzten Jahre war eigentlich, dass jeder Trainer schon beim kleinsten Fehltritt wie ein störendes Element verteufelt und im Internet zerrissen wurde. So richtig warm wurde letztlich keiner der Ex-Trainer mit der Fanbase und dem Klub.
Die Muslic-Magie wird irgendwann ein Ende haben, aber...
Natürlich wird auch die Muslic-Magie irgendwann zu Ende sein - dafür ist der Fußball ein zu schnelllebiges und vergängliches Geschäft. Doch wenn es soweit ist und ein neuer Mann den Posten des 44-Jährigen übernimmt, könnten sich die störenden Schwingungen von vor Muslic wieder einschleichen.

Dann wird jeder, der heute nörgelt, dem aktuellen Coach nachtrauern und sich an die guten alten Zeiten erinnern, die jetzt Gegenwart sind. Allerdings muss ja auch gesagt sein, dass der Trainer die große Zustimmung aus dem Fanlager erfährt und vollste Unterstützung erhält. Zu Recht. Also Schalker: Genießt die aktuelle Zeit - wer weiß, wie lange sie anhält.
