Bei Eintracht Frankfurt hängt der Haussegen nach der 0:6-Blamage in Leipzig mächtig schief. Sinnbildlich für die Pleite stand Abwehr-Leader Robin Koch, der eine ganz schwache erste Halbzeit absolviert hat und zur Pause beim Stande von 0:4 von Adi Hütter ausgewechselt wurde. Nach dem Spiel griff der Eintracht-Coach zu öffentlicher Kritik.
"Ich habe Robin Koch erlöst, weil ich erwarte mir von einem Kapitän und Führungsspieler etwas anderes. Wenn man 16 Tore bekommt und Leader der Abwehr ist, dann setze ich irgendwann auch mal ein Zeichen. Das hat mir einfach überhaupt nicht gefallen", sprach Hütter Klartext.
Die Auswechslung des Kapitäns war also zu 100 Prozent leistungsbedingt. "Deshalb habe ich ihn rausgenommen, weil ich mir von Robin einfach auch mehr erwarte. Er soll der Leader in der Abwehr sein, wir kriegen zu viele Gegentore. Daher habe ich dahingehend ein Zeichen gesetzt", fügte der Österreicher hinzu.
Doch ist es in Ordnung, mit seinem Kapitän und Abwehr-Leader in einer derart schweren Phase in der Öffentlichkeit gnadenlos abzurechnen? 90min diskutiert, ob Hütter sich mit seiner Kritik einen bösen Fehltritt erlaubt hat oder doch richtig liegt und Koch mit Gegenwind zurechtkommen muss.
Pro Hütter: Koch ist weder Führungsspieler noch Stabilisator
Dass Hütter seinen Kapitän zur Halbzeit auswechselte und ihn nach Abpfiff sogar öffentlich kritisierte, mag im ersten Moment zwar hart erscheinen, ist aber nicht unberechtigt. Schon in der vergangenen Saison war Koch das Gesicht der schwachen Eintracht-Defensive, die zwischenzeitlich die Schießbude der Liga war. Aufgrund der fehlenden Stabilität in der Abwehr verpasste die SGE die Qualifikation für den Europapokal – und droht deswegen auch in dieser Saison, ihre Ziele zu verfehlen. Auch jetzt hat Koch einen Anteil an den 16 Gegentreffern, wovon sechs auf das Spiel in Leipzig am vergangenen Samstag zurückfallen.
Hinzu kommt, dass Koch offenbar nicht über genügend Führungsstärke verfügt, um die Eintracht als Kapitän auf den Platz zu führen. Jonathan Burkardt, der sich stark mit dem Verein und den Fans identifiziert und nach dem Spiel in Leipzig deutliche Worte wählte, scheint für diese Rolle besser geeignet zu sein. Somit hätte Hütter auch in dieser Hinsicht direkt einen logischen Nachfolger für Koch.
Nun hat sich Hütter bewusst dafür entschieden, das Kind beim Namen zu nennen und Koch öffentlich zu kritisieren. Das muss nicht zwingend negativ sein: Vielleicht kann der Trainer den Innenverteidiger mit solchen Mechanismen ja sogar zu besseren Leistungen kitzeln.
Contra Hütter: Kritik sollte intern geäußert werden
Es ist in Ordnung, einen Führungsspieler vom Feld zu nehmen, wenn dieser einen richtig schlechten Tag erwischt, selbst wenn es dabei um den Kapitän geht. Immerhin muss man als Trainer den maximalen Erfolg der Mannschaft im Sinn haben. Was allerdings nicht in Ordnung ist, ist der Weg von Hütter, die scharfe Kritik öffentlich zu äußern. Gute Trainer zeichnet es aus, die eigene Mannschaft in der Öffentlichkeit so gut es geht aus der Schusslinie zu nehmen. Einem Vincent Kompany gelingt dies beispielsweise fabelhaft. Auch der Belgier wird intern beim FC Bayern auch mal strengere Töne anschlagen, stellt sich jedoch vor den Medien immer hinter seine Jungs.
Auf diese Art und Weise entsteht eine Verbindung voller Respekt und Vertrauen zwischen dem Trainer und dem Team. Wird man hingegen öffentlich vor den Bus geworfen, gerät das so wichtige Vertrauensverhältnis in die Brüche. Nach dem Leipzig-Spiel dürften nicht nur zwischen Koch und Hütter Narben entstanden sein. Auch alle anderen Eintracht-Akteure mussten feststellen, dass der Trainer nicht davor zurücksteckt, Spieler in aller Öffentlichkeit rund zu machen. Kritik an Koch und Co. hätte es von externer Seite auch ohne die Worte des Trainers gegeben, umso wichtiger ist es, dass der interne Kern zusammensteht und Missstände im persönlichen Gespräch klärt. In schwierigen Phasen muss man zueinander halten.
Pro Hütter: Eine Viererkette ohne Koch ist die bessere Lösung
So wie die Eintracht in der zweiten Halbzeit in Leipzig spielte, könnte sie in Zukunft auch von Anfang an auflaufen. Rotiert Koch nun aus der Startelf, dann könnte das formstarke Angriffsduo Jonathan Burkardt und Younes Ebnoutalib endlich häufiger gemeinsam auf dem Platz stehen. Denn nur um Koch entgegenzukommen und deswegen auf eine Dreierkette zu setzen, ist bei der Formstärke der beiden Nationalstürmer fast schon absurd. Stattdessen könnte es der Schlüssel zu weniger Gegentreffern werden, mit nur zwei Innenverteidgern, Lilian Brassier und Nnamdi Collins, zu spielen. Zumindest wäre dies eine logische Entscheidung im Sinne des Leistungsprinzips.
Ohnehin ist das 4-2-2-2 eigentlich das präferierte System von Hütter, der einen intensiven Angriffsfußball pflegen will. Dass er zuletzt auf die Dreierkette umstellte, sorgte nur kurzzeitig für mehr Stabilität und könnte daher verworfen werden. In dem Fall wäre nicht mehr Ebnoutalib das große Bauernopfer, sondern Koch, der sich die knallharte Entscheidung von Hütter aber selbst zuzuschreiben hätte.
Contra Hütter: Es ist unfair, einen Sündenbock auszumachen
Es ist absolut offensichtlich, dass Eintracht Frankfurt mit eklatanten Problemen zu tun hat. Diese betreffen natürlich die Defensivarbeit, aber auch ganz andere Bereiche. Sowohl das Riera-Missverständnis als auch die teils schwer nachvollziehbare Kaderpolitik hat den Verein zurückgeworfen. Auf dem Feld sieht man ein verunsichertes Team, welches zwar an guten Tagen eine enorme Power erzeugen kann, an schlechten Tagen aber in sich zusammenfällt.
Zwar ist es zutreffend, dass ein Kapitän mehr Verantwortung für den Auftritt einer Mannschaft trägt, als ein gewöhnlicher Spieler, jedoch kann er ein mental nicht gefestigtes Team auch nicht im Alleingang zusammenhalten. Gewissermaßen ist es fast schon natürlich, dass Koch an dieser Last zu zerbrechen droht. Mit seinen Worten gelingt es Hütter aber, seinem Captain das letzte Fünkchen Selbstvertrauen zu nehmen.
Eigentlich müsste den Verantwortlichen und Hütter klar sein, dass die Probleme nicht an einzelnen Spielern festzumachen sind, sondern viel tiefer liegen. In den letzten zwölf Monaten ist es weder Dino Toppmöller noch Albert Riera oder eben Hütter gelungen, ein funktionierendes System und eine passende Spielphilosophie zu etablieren. Immer und immer wieder sind Eintracht-Stars auf dem Platz zu sehen, die offensichtlich nicht wissen, wie sie in schwierigen Phasen agieren müssen.
Die enorme Verunsicherung macht sich beispielsweise auch bei Noah Atubolu deutlich, der als nachgewiesener Top-Keeper deutlich mehr Probleme hat als noch in Freiburg. Hinzu kommt, dass die Außenverteidigung natürlich anfälliger geworden ist, nachdem Nathaniel Brown und Rasmus Kristensen praktisch ersatzlos ziehen gelassen wurden.
Bei einem kollektiven Versagen, das den ganzen Verein betrifft, ist es schlichtweg ein Unding, einen Spieler herauszupicken und öffentlich für die vielen kassierten Treffer verantwortlich zu machen.
